Sigi Heinrich

Der Schein trügt

Abschlussfeier Paralympics 2012 im Olympiastadion (London)

Hallo Sportfreunde,

jetzt beginnt auch für die Briten wieder der Alltag. Das letzte Feuerwerk hat den Himmel über London noch einmal erleuchtet. Auch die Abschlussfeier der Paralympics war noch einmal ein besonderes Erlebnis, wie die gesamten Olympischen Spiele der Behinderten. Noch nie war die Anteilnahme der Bevölkerung des gastgebenden Landes für die Paralympics so intensiv wie in Großbritannien, wo sich gar ein privater Fernsehsender in ein Bieterrennen mit der allmächtigen BBC einließ, um die Wettbewerbe der behinderten Sportler übertragen zu dürfen.

Gewaltiges Echo

Das Echo war allenthalben gewaltig. Die Behindertenverbände jubeln. Wieder, so der häufig anzutreffende Tenor, ist man der Gleichstellung mit nichtbehinderten Athleten ein großes Stück näher gekommen. Ja mancher hat angesichts voller Stadien und stundenlanger Berichterstattung gar keinen Unterschied mehr gesehen zu den Olympischen Spielen, die am 12. August zu Ende gegangen waren. Doch dieser Schein trügt. Vom Schwung der Paralympics wird schon bald nicht mehr viel zu erkennen sein. Auch im Behindertensport wird sich der Alltag bald wieder einstellen und mit ihm die Erkenntnis, dass maximal in vier Jahren in Rio de Janeiro wieder eine ähnliche Präsenz zu erzielen sein wird.

Der hohe Grad an Aufmerksamkeit war zwar auf der einen Seite höchst wünschenswert, er hat aber auch deutlich die Schwächen der Paralympics und damit der gesamten Bewegung des Sports mit körperlichem oder geistigem Handicap aufgezeigt. Sport mit Behinderung ist nämlich nie auch fairer Sport. Kann er nicht sein, weil schon die Klassifizierung der Schadensklassen ein gordischer Knoten ist, den man nicht durchschlagen kann. Fragen über Fragen türmen sich zu einer schier unüberwindlichen Mauer auf. Hat ein von Geburt behinderter Sportler Vorteile gegenüber einem Athleten, der zu seiner Behinderung durch einen Unfall kam? Kann jemand mit einem Bein nicht automatisch schneller schwimmen als der Kontrahent auf der Nebenbahn, dem beide Unterschenkel amputiert wurden?

"Technisches Doping"?

Im Radsport verwenden die Sportler zum Teil Prothesen, zum Teil verzichten sie darauf und treten nur mit einem Bein in das Pedal. Wer ist jetzt da im Vorteil? Das kann im Grunde nicht funktionieren und widerspricht auch dem Grundprinzip des Sports, das ja darauf basiert, dass alle an einem Wettkampf teilnehmenden Menschen mit gleichen Voraussetzungen starten. Und dann noch der mit offenem Visier ausgetragene Kampf um die Prothesen. Ausgerechnet der Südafrikaner Oscar Pistorius, der es als erster Leichtathlet dank cleverer Anwälte schaffte, sowohl an den Olympischen Spielen wie auch an den Paralympics teilzunehmen, beklagte die Länge der Prothesen eines Kontrahenten, der sich anmaßte, ihn im 200m Lauf zu besiegen.

Pistorius, der Bladerunner, der ja behauptet, seine Prothesen seien kein Vorteil gegenüber Läufern mit zwei gesunden Beinen. Ausgerechnet das große Vorbild des Behindertensports zeigt die Schwächen des Behindertensportes auf. Auch im deutschen Lager fiel das Wort vom "technischen Doping". Wojtek Czyz beklagte sich darüber, dass ihm das Knie, das Kontrahent Heinrich Popow benutzte, nicht rechtzeitig zur Verfügung gestanden habe. Ich nehme mal an, dass Popows Knie eine technische Weiterentwicklung beinhaltet.

Transparenz dringend nötig

Ansonsten, so interpretiere ich das, hätte Czyz wohl nicht derart verärgert reagiert. Diese beiden Beispiele machen deutlich, dass nicht einmal innerhalb des Behindertensports eine Gleichstellung der Athleten vorhanden ist, weshalb die von vielen Funktionären in diesem Bereich angestrebte Öffnung hin zu Wettbewerben der Sportler ohne Behinderung nicht erfolgen wird und auch nicht erfolgen kann. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), hat dazu auch deutlich Stellung genommen mit dem Hinweis, dass sich mit der Hinzunahme behinderter Sportler etwa bei deutschen Meisterschaften der Kern der Sportart verändern würde.

Die Paralympics sind eine wunderbare Plattform für den Behindertensport. Eine perfekte Bühne, um allen zu zeigen, dass man mit einer Behinderung große Leistungen vollbringen kann, genauso wie die Olympischen Spiele eine wunderbare Möglichkeit sind, zu vergleichen, wie weit Menschen ohne Behinderung ihre Grenzen schieben können. Noch mehr übrigens als bei den Paralympics im meist fairen Wettkampf gegeneinander.

Zumindest im Grundgedanken ist das so und dies wird auch von den meisten Teilnehmern der Olympischen Spiele so gesehen und in die Tat umgesetzt. Der Behindertensport steht sich selbst im Weg und behindert im Grunde die eigene Entwicklung, wenn das Ziel immer nur die Gleichstellung mit den nichtbehinderten Athleten ist. Es gibt im eigenen Lager noch genug zu tun, um den sportlichen Vergleich unter Behinderten für alle, vor allem aber auch für die Aktiven selbst, transparenter zu machen. Darin muss das Ziel gesehen werden. Nur dann bleiben die Paralympics auch künftig so interessant wie sie zum Großteil in London waren.

Herzliche Grüße,

Euer Sigi

Zurück zur Übersicht

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen