Sigi Heinrich

Raus aus der Halle

Kugelstoßer David Storl jubelt über WM-Gold 2011 in DaeguDie Welt trifft sich demnächst in Istanbul. Zumindest die Leichtathletik-Welt oder das, was von ihr noch übrig ist im Augenblick, denn das Zauberwort heißt ja nun nicht Istanbul sondern London.

Ende Juli finden in der britischen Metropole die Olympischen Spiele statt. Da werden dann auch einige Hallen-Weltmeister starten, die in der Türkei die Gunst der Stunde nutzen konnten, weil viele der Besten einen großen Bogen um die Leichtathletik unter einem festen Dach machen.

Auf Anhieb ist das freilich nicht zu verstehen. Was, so muss und darf man sich fragen, hat ein Wettkampf Mitte März mit einem Wettkampf im Hochsommer zu tun? Braucht man tatsächlich vier Monate Erholungszeit, um sich von ein paar kurzen Sprints oder ein paar Sprüngen zu erholen? Wohl kaum. David Storl, Deutschlands Kugelstoßriese, der in Karlsruhe bei den Deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathleten mit 21,40 Meter eine neue europäische Bestleistung erzielte, sieht die Sache gelassen. Er freut sich auf Istanbul und auch auf den Sommer.

Andere haben schon von Anfang an die Reißleine gezogen wie Verena Sailer, die sich in hervorragender Form präsentierte. Ihre 7,15 Sekunden bei ihrem Sieg lassen von einer Zeit um 11,00 Sekunden über 100 Meter träumen, zumal sie ja ihre Stärken eigentlich auf den letzten Metern hat. Doch Sailer ist unsicher. Ursprünglich war Istanbul kein Thema, jetzt sind ein paar kleine Begehrlichkeiten geweckt. Vielleicht macht sie jetzt doch noch einen weiteren Hallenstart, obwohl das so nicht geplant war.

Neugestaltung des Terminkalenders

Dabei macht die Halle ja richtig Spaß. Die Zuschauer sitzen nah dran. Von jeder Seite einer Halle hat man beste Einblicke auf das Wettkampfgeschehen oder auch auf die individuelle Vorbereitung. Freud und Leid, Glück und Pech sind zum Greifen nahe. Das ist großes Kino. Und doch, wie gesagt, wollen viele nicht und damit meine ich jetzt nicht ausschließlich die deutschen Aktiven. Das ist ein internationales Phänomen, das in dieser Saison freilich von den Verbänden verstärkt wird, denn die Terminplanung in diesem olympischen Jahr ist mehr als eine Herausforderung für jede Trainingssteuerung. Da ist schon fast eine Doktorarbeit notwendig, um die Athleten auf den Punkt genau vorzubereiten. Oder besser: Auf die vielen Punkte, die diesmal bedient werden müssen.

Vor den olympischen Spielen finden nämlich noch Europameisterschaften statt. Das ist jetzt kein Witz, sondern die schlichte Wahrheit. Der Europäische Leichtathletik-Verband (EAA) hat einen Zweijahresrhythmus für seine kontinentalen Meisterschaften eingeführt. Helsinki in diesem Jahr, Zürich dann 2014, irgendwo 2016 und vielleicht in Berlin 2018. Dazwischen Weltmeisterschaften und auch wieder Olympische Spiele. So allmählich wird klar, dass dies den Aktiven extrem viel abverlangt.

Der Hintergrund der Neugestaltung des Terminkalenders ist verständlich. Die europäische Leichtathletik wurde vor allem auf den Laufstrecken von Sportlern aus der Karibik und den USA (Sprint) oder aus Afrika (Mittel-und Langstrecken) überrannt. Mit zusätzlichen Europameisterschaften will man diesem Bereich Leben einhauchen und den Aktiven aus Europa die Möglichkeit verschaffen, untereinander die Besten zu ermitteln, ohne ständig von Anfang im Hintertreffen zu sein. Der ideale Ansatz ist das nicht. Es ist auch eine Flucht und es könnte ein böser Bumerang werden, denn der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat versprochen, mit Bestbesetzung zu den Europameisterschaften zu fahren.

2012 zur Nebensache degradiert

Und er untermauert das mit dem Hinweis, dass ein unentschuldigtes Fehlen bei der EM gleichbedeutend wäre mit der Nichtberücksichtigung für die Olympischen Spiele. Das bedeutet im Klartext: Volle Pulle bei der EM und das Gleiche noch einmal einen Monat später. Das könnte ins Auge gehen. Muss aber nicht, wie  Cheick-Idriss Gonschinska, der  Bundestrainer Lauf glaubt. Er verweist auf die Leichtathletik in den Vereinigten Staaten. Just zum Zeitpunkt der EM finden nämlich  in die USA die Trials statt, also die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Wer da scheitert, ist in London nicht dabei. So simpel ist das.

Der DLV nähert sich mit seiner Vorgabe für Helsinki diesem System an, das freilich hierzulande nicht nur auf nur auf den ersten Augenblick gemein zu sein scheint. Im Grunde fördert es die Wettkampfhärte und hat Vorteile für all jene, die auch nervenstark sind im entscheidenden Augenblick. Aber Vorsicht ist halt geboten. Und weil alle wissen, dass dieser Sommer mit all den Meetings, die ja auch noch stattfinden, für die Leichtathleten wohl der härteste seit Jahren sein wird, muss man Zugeständnisse bei Hallenstarts akzeptieren. Viele Teams werden deshalb nur mit kleinem Aufgebot nach Istanbul kommen, zumal sich viele Athleten schon längst auf den Sommer vorbereiten. In Südafrika, in Mallorca oder in Kenia. Der Faszination Hallenleichtathletik tut dies freilich keinen Abbruch. Sie ist nach wie vor attraktiv, spannend und unterhaltsam. Aber sie ist und bleibt nur eine schöne Nebensache. Gerade in diesem Jahr.

Herzlichst,

Euer Sigi Heinrich

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