Sigi Heinrich

Guardiola: Der Meistertrainer lernt



Eines ist sicher: Wenn Pep Guardiola in München eintrifft, beginnt eine neue Zeitrechnung an der berühmtesten Säbener Straße dieser Republik. Ein stolzer Spanier übernimmt die Triple-Truppe und die Trauben hängen hoch. Wird man dem guten Josef so vielleicht sagen, weil doch der Jupp Geschichte geschrieben hat und sein Nachfolger nicht weniger erreichen soll. Auf eine Fabel des griechischen Dichters Äsop geht die Trauben-Redensart zurück, die irgendwie ja auch bedeutet: Ich sehe sie, aber eigentlich muss ich sie auch nicht haben. Die, die da so weit oben hängen, sind vermutlich eh sauer. Oder so oder so ähnlich.

Vielleicht aber sagt man ihm, dem spanischen Übungsleiter, aber auch, dass er vor einer Herkulesaufgabe steht. Wir wären also wieder bei den Griechen und sind vielleicht dem Sport schon nähergerückt als mit Äsop, denn Herkules war ja ein starker Mann, der viele verschiedene Aufgaben mit Kraft aber auch mit Intelligenz löste. Und es soll mitunter nicht gut Kirschen essen gewesen sein mit ihm, wenn irgendetwas aus dem Ruder lief.

Vielleicht kann Guardiola diese Rätsel noch nicht lösen, das wäre zu viel verlangt nach vier Monaten. Paukerei. Aber "Flasche leer" wird es bei ihm nicht geben, denn der gute Pep, der büffelt, was ja irgendwie zu Spanien passt, auch wenn die Stierkämpfe nur noch an Streichelzoos erinnern und die Arenen zum Teil in Einkaufspassagen umgewandelt wurden wie in Barcelona, wo Guardiola zur Trainer-Legende wurde. Er lernt, er studiert, er übt, er bläut ein und wird vermutlich seine erste Pressekonferenz in gutem Deutsch präsentieren, denn eines hat er schneller als die meisten seiner Trainer-Kollegen begriffen: Ohne Sprachkenntnisse sind die Erfolgsaussichten von Beginn an reduziert.

Profihafte Einstellung

Jedes Wort, das über einen Dolmetscher an die Spieler weitergegeben wird, verliert an Kraft, weil alleine schon eine zweite Stimme Zeit kostet und der erste Eindruck einer starken Rede damit abgeschwächt wird. Und die Sportsprache, vielmehr die "Ansprache", lebt zum großen Teil von großen Sätzen und großen Gesten. Dazu kommt der Augenkontakt in Verbindung mit den Worten. Der Trainer hat die Autorität, nicht der Übersetzer. Eine eindrückliche Rede auf Spanisch, eine, die das Blut in den Adern gefrieren lässt, die keinen Widerspruch duldet, lebt nur dann, wenn sie verstanden wird. Und Spanisch, na ja, sprechen sie in München nicht mal im "Teatro", einer wirklich wunderbaren und authentischen Tapas-Bar.

Schon die Ankündigung, dass Pep Guardiola vier Stunden täglich an der Grammatik feilt und Wörter aufsaugt wie wir den Sangria im Urlaub, gibt ihm einen Bonus. Die Nachricht ist klar und wohlfeil: Da kommt ein Profi. Aber lernt er die richtige Sprache? Da packt mich dann doch tiefer Zweifel. Portugiesisch wäre auch gefragt in München, Französisch noch vier Jahre. Schwyzerdütsch und Tomatendeutsch, wenn es denn keine Wechsel mehr im Team gibt. Kroatisch im Ansatz, sollten mal eine Zeitlang keine Tore fallen. Und dann bitte auch ein wenig Bayerisch. "Mia san mia." Gut, dass verstehen sie jetzt auch an der Waterkant. Das ist allgemeingültige deutsche Lesart geworden und so ähnlich haben sie auch in Barcelona gedacht.

Klinsmann schreckt ab

Aber man muss ja über das Fußballviereck hinausdenken. A weng wos mit Steiern, oiso, woast scho, Finanzamt und des Zeig hoad. Ja, das wäre auch noch gut, weil da die Beamten des Freistaats im Moment intensiv hinschauen an die Säbener Straße und die Dependancen im Bayerischen Oberland. Aber Pep wird auch das hinkriegen. Nein, er wird sich nicht zum Affen machen wollen, dieser neue Chef in München. Er hat schnell gelernt: von Jupp Heynckes. Der parliert noch immer flüssig in Spanisch und hat es vorgemacht, als er als Übungsleiter von Real Madrid die Champions League gewann und das schafft man nicht mit einem einsamen "Olé". Andererseits: Vielleicht wird die Sprache auch überschätzt. Wie viele Liebende sind mit einem Augenaufschlag und treuem Dackelblick in ihr Unglück gerannt? Haben vielleicht kein Wort herausgebracht am Anfang, weil Hals dick. Der auch.

Aber auch Worte sind kein Allheilmittel für die Glücksuchenden. Da gab es, auch in München einst, einen Trainer, der hieß Jürgen Klinsmann. Ein Deutscher, ein Schwabe. Der sprach viel und erklärte ständig. Auch Einzelgespräche gab es und das ist im Fußball, mein Gott, schon die ganz große Nummer. Am Ende wurde er entlassen, es hat ihn niemand verstanden. Das Wort ist mächtig, gefährlich, schmeichelnd, es kann niederträchtig sein und voller Inbrunst. Es kommt, wenn es die erhoffte Wirkung entfalten soll, auf den Zeitpunkt und auf die Stimmungslage an. Auf die des Redners und der Zuhörer. Und auf die Wortwahl, weil das gleiche nicht das selbe ist. Und dann sind da noch die Umstände. Jawohl. Denn alle schönen verbalen Streicheleinheiten oder Wutreden, alle Diskussionen und Erläuterungen, Erklärungen und Hinweise werden nichts nutzen, wenn der Erfolg ausbleibt. Dann genügt ein Blick in die Gesichter der Vorstandschaft. Ohne Worte. Sin palabras.

Herzlichst

Euer Sigi Heinrich

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