Sigi Heinrich

Ohne Rücksicht auf den Kollegen

Es gibt so Erinnerungen, die sind in irgendeiner Schublade gespeichert und erstaunlicherweise sofort abrufbar, wenn Ereignisse ähnlicher Art auftreten. Als Tim Wiese mit den Stollen den damaligen Hamburger Ivica Olic in den Hals trat, fiel mir sofort wieder Toni Schumacher ein, wie er weiland 1982 dem Franzosen Patrick Battiston derart heftig entgegen sprang, dass dieser danach erst mal Stammgast bei seinem Zahnarzt war.

Das Foul von Kevin-Prince Boateng (ein Wiederholungstäter) an Michael Ballack ist deshalb noch so gegenwärtig, weil der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft an jedem Wochenende immer noch intensiver im Fokus steht als viele andere Spieler. Und klar ist auch, dass ohne dieses Foul die Karriere und das Leben des Michael Ballack vermutlich einen ganz und gar anderen Verlauf genommen hätten. Aber darüber kann man nur spekulieren und es ist jetzt auch nicht mehr so wichtig. Ballack scheint seinen Frieden gefunden zu haben.

Gestrecktes Bein von Kollege zu Kollege

Entscheidender ist, dass solche absolut hässlichen Szenen wie die erwähnten noch immer stattfinden, und wie es scheint mit unverminderter Wucht und Brutalität. Und das alles, um die so wichtige Balleroberung erfolgreich zu gestalten. Da rasen die Akteure der höchsten Spielklassen in ganz Europa mit gestreckten Beinen auf ihre Kollegen zu. Kollegen. Jawohl. Beispiele aus der Bundesliga am vergangenen Wochenende gab es wieder genug. Zu viele eigentlich.

Viel zu viele, wobei so manches Foul, das vielleicht eine sehr schwere Verletzung nach sich zog, so gar nicht beabsichtigt war. Damit meine ich den beklagenswerten Neven Subotic, der ein Opfer des Ellenbogens eines Griechen war (an dieser Stelle nichts über Politik, obwohl ich große Lust hätte). Sotirios Kyrgiakos tat, was die meisten auch tun beim Kopfball: Er versuchte, sich durchzusetzen mit allen Mitteln. Der Arm gehört dazu. Subotic erlitt einen Mittelgesichtsbruch. Freistoß gab es keinen. Die Schiedsrichter sind beim Gewühl im Strafraum längst gänzlich überfordert. Dass gezogen, geschoben, gehalten, gerempelt wird, ist der Normalzustand.

Tafeln kann auch der Hausmeister hochhalten

Es wäre überfällig, einen Unparteiischen hinter dem Tor zu postieren, der dieses Gezerre beobachtet. Gleichzeitig könnte er auch noch als Torrichter fungieren. Dazu könnte man den vierten Schiri, der die Trainer kontrolliert und die Auswechslungen anzeigt, durch einen neutralen "Hilfsschiedrrichter" ersetzen. Die Tafeln kann auch der Hausmeister hochhalten. Dann könnte man das Foulspiel im Strafraum wenigstens ahnden. Für den "Hauptschiedsrichter" bleibt dabei immer noch genug zu tun, denn was außerhalb des Strafraumes abläuft, ist zum Teil ja schon unbegreiflich.

Ich nehme ein Beispiel heraus. Anatoli Timoschtschuk vom FC Bayern München wird gegen den FC Augsburg des Feldes verwiesen, nachdem er, ohne Rücksicht auf den Gegner zu nehmen, billigend in Kauf genommen hat, dass er diesem mit seiner Attacke auch das Schienbein hätte brechen können. Ist ja nicht passiert, werden sie sagen und er hat ja seine Strafe bekommen. Das ist richtig. Aber wo ist denn in einer solchen Situation bitteschön der einigermaßen gesunde Menschenverstand?

Den Spiegel der Hässlichkeit vor Augen

Keine Situation auf dem Spielfeld rechtfertigt ein solches Vorgehen. Es war eine grässliche Tat. Und Timoschtschuk schadet damit auch noch seiner Mannschaft, die gerade ihren Schlüsselspieler Bastian Schweinsteiger durch eine wirklich unglückliche Verletzung ersetzen muss. Jetzt hätte der ukrainische Rekordnationalspieler noch einmal so richtig seinen Wert für seinen Arbeitgeber unter Beweis stellen können, zumal man den Eindruck hat, dass ihm Trainer Jupp Heynckes wohl gesonnen ist. Doch der sehr vielseitig einsetzbare Spieler verhält sich wie ein Anfänger.

Denken die Spieler eigentlich nie darüber noch, wie es umgekehrt wäre? Wenn sie das Opfer wären, was ja auch immer wieder passiert? Wird das im Eifer des Spieles und der Anspannung einfach vergessen? Vermutlich. Es passierte auch in Dortmund. Es wird wieder passieren. Jedes Wochenende, an jedem Spieltag, wird den Fans der Spiegel der Hässlichkeit vor Augen gehalten. Ich weiß, Fußball ist kein Schachspiel und ich kenne diese ewigen Argumente, die uns vorgaukeln sollen, dass gesunde Härte einen Teil der Faszination dieses Spieles ausmacht. Ja, dass der gediegene Zweikampf dazu gehört.

Einige Spieler treffen sogar den Ball

Dem will ich mich nicht verschließen, und es gibt Spieler, die beherrschen das Tackling ganz vorzüglich und treffen sogar den Ball. Wenn es mal schief geht, vielleicht auch das Bein des Gegner. Darum geht es nicht. Das kann passieren. Ich weiß. Es ist die schier vorsätzlich in Kauf genommene Verletzung eines Gegenspielers, die nicht zu akzeptieren ist.

Und angesichts der derzeitigen, sehr sensiblen Situation in den Fußball-Stadien und einer nicht mehr zu verhehlenden Gewaltbereitschaft einiger Fangruppen wäre es angenehm, wenn auf dem Feld das Wort "Fairplay" wieder etwas mehr Gewicht erhalten könnte. Die Spieler können jedenfalls mehr tun als sie meinen, um den Fans den Spaß am Fußball und vor allem auch den Spaß am Besuch eines Spiels im Stadion zu erhalten. Auch das wäre dann moderner Fußball.

Euer Sigi Heinrich



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