Sigi Heinrich

Eine neue Berliner Mauer

Rehhagel und Preetz: Das Ziel heißt Klassenerhalt.

In den Altenheimen landauf landab herrscht Aufbruchstimmung. Das ist kein Wunder. Joachim Gauck wird Bundespräsident. Der Mini-FDP sei dank. Da hat sich der kleine Rösler doch tatsächlich gegen die große Merkel behauptet und sich damit ein klein wenig profiliert. Die Mehrheit in Deutschland ist für den Theologen Gauck. Und die meisten, die schon lange keinen Job mehr haben, weil sie für zu alt gehalten werden oder eben die Pensionsgrenze erreicht haben, jubilieren.

Das Wort Altenteil hat eine neue Bedeutung erhalten. Joachim Gauck ist 72 Jahre alt und beginnt gerade einen neuen Lebensabschnitt. In einer Phase, in der manche schon darüber nachdenken, ob die Sterbegeldversicherung auch reicht, wird sich Gauck als hoffentlich kritischer und bürgernaher Präsident bewähren. Denn bitte. 72. Das ist kein Alter, wenn man fit ist, was übrigens auch auf einige meiner Kollegen zutrifft. Eine Zahl ist kein Grund für einen frühen Rückzug.

Schlagzeilen dank "König Otto"

Denn noch einer aus dem Team der Seniorengymnastik sorgt für Furore. Otto Rehhagel ist sogar noch ein Jahr älter als Gauck. Rehhagel ist 73 Jahre jung. Und ehrlich: Der selbsternannte Feingeist Rehhagel sieht fit aus wie mehr als ein paar Turnschuhe und ist sicherlich in der Lage, die Hütchen im Training noch selbst aufzustellen. Fast mutet die Verpflichtung des ehemaligen griechischen Erfolgstrainers an wie ein großer Werbegag, denn Präsident Gegenbauer und Manager Preetz hier ausgeheckt haben. So nach dem Motto: Wir verlieren zwar dauernd, aber trotzdem kann an uns keiner vorbeigehen. Wir sind die Schlagzeilen und zumindest bei der Vorstellung von "König Otto" ging das Rezept schon mal auf.

Gauck, der ehemalige Bürgerrechtler, wird froh sein, wenn bei seiner ersten Pressekonferenz ein annähernd ähnlicher Aufwand betrieben wird, wie nun bei Rehhagel. Freilich sollte eines nicht vergessen werden. Gauck wird bei hoffentlich guter Gesundheit mindestens fünf Jahre im Amt bleiben. Da wird Rehhagel garantiert nicht mehr auf der Trainerbank sitzen, die ja auch härter ist als die schönen Möbel im Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, der ja mit Rehhagel durchaus etwas gemein hat: Bei Gauck wird das Volk und auch die Politiker, die manchmal auch zum Volk gehören, auf jedes gesprochene Wort achten. Die Kraft, die gut formulierte Sätze haben können, ist nicht zu unterschätzen.

Vermutlich wird sich vor allem Angela Merkel, die ja definitiv einen braven Gefolgsmann an der Spitze der Bundesrepublik haben wollte (und ja auch hatte) vor Gaucks künftigen Einschätzungen fürchten. Auch Rehhagel muss gezielt auf die Kraft des Wortes setzen. Es werden ihm nicht so viele zuhören, aber wenigstens seine Fußballer sollten an seinen Lippen hängen. Der neue Kurzzeitcoach bei Hertha BSC muss wohl hauptsächlich motivieren - neben vermutlich einigen Umstellungen, die dann bedenklich sind, wenn der Rehhagel-Stil, den er mit der griechischen Nationalmannschaft pflegte, in Berlin Einzug halten sollte.

Klasse halten - mit oder ohne Klasse

Fünf Abwehrspieler gegen einen gegnerischen Stürmer. Mindestens. Defensive. Defensive. Kein Gegentor ist mindestens ein Punkt. Ich fürchte, auf die Berliner Fußballfans kommen schwere Zeiten zu. Sie werden Leidensfähigkeit beweisen müssen, sollte Rehhagel ausgerechnet in Berlin wieder auf eine kompakte Mauer setzen. Sollte das nicht der Fall sein, wäre das eine Überraschung. Gauck wird vermutlich offensiver sein als Rehhagel, der freilich auch weiß, dass er nur eine Übergangslösung ist und offensichtlich auch davon profitiert, dass die Verantwortlichen von Hertha BSC der totalen Verzweiflung anheimgefallen sind.

Modernen Fußball wird Rehhagel also nicht proklamieren aber das muss er vermutlich auch nicht. Er muss lediglich die Klasse halten, mit oder ohne Klasse im Spiel. Mit oder ohne Unterhaltungswert. Darum geht es in Berlin längst nicht mehr. Es geht bloß noch ums Überleben in der ersten Bundesliga. Und da ist offensichtlich jedes Mittel recht. Dass nicht jeder vermeintlich große Name auch die Garantie für einen Klassenerhalt ist, weiß man zum Beispiel in Frankfurt.

Dort holte man Christoph Daum, doch außer den üblichen Sprüchen, die längst keinen Überraschungswert mehr haben, sondern eher peinlich wirken, kam nicht viel heraus. Vor allem keine Punkte. Die Eintracht stieg ab, und die  Verpflichtung von Daum stelle sich als ein einziges Missverständnis heraus. Auch den Berliner könnte dies passieren, weshalb sie wohl schon jetzt damit begonnen haben, das Terrain zu sondieren, um die Zeit nach Rehhagel zu planen.

Übrigens wird Jochim Gauck am 18. März gewählt. Vielleicht ist Otto Rehhagel dann ja auch noch in Berlin.

Herzlichst,

Euer Sigi Heinrich

Zurück zur Übersicht

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen