Sigi Heinrich

Längst überfällige Zivilcourage!

Kevin-Prince BoatengKevin-Prince Boateng

Darauf habe ich eigentlich gewartet. Auf die Stellungnahme von FIFA-Boss Sepp Blatter zum vorzeitigen Abgang von Kevin-Prince Boateng, der nach rassistischen Äußerungen beim Testspiel des AC Mailand beim Viertligisten Pro Patria in Busto Arsizio (auch im Norden Italiens gelegen) das Spielfeld verließ und mit ihm seine Mitspieler.

Der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen hat Zivilcourage bewiesen und getan, was längst überfällig war: Er hat ein deutliches Zeichen gegen den unvermindert anhaltenden Rassismus im europäischen Fußball gesetzt. Und er würde, sagte Boateng, das auch in der Champions League tun.

Anstatt ihn zu loben, seinen Mut und seine Bereitschaft, sich gegen Dummköpfe und Idioten in den Stadien zur Wehr zu setzen, sendet Blatter mal wieder ein falsches Signal aus der Schweiz hinaus zu seinen Kickern. Er sieht schwarz und ist vollkommen verblendet. Allen Ernstes drückt er sein Missfallen gegen die Aktion von Kevin Prince-Boateng aus, weil er, wieder allen Ernstes, glaubt, dass dann bei einer drohenden Niederlage einfach mal ein Spieler oder eine Mannschaft vom Platz gehen könnte, bloß weil einer in der 80. Minute mal wie ein Affe gebrüllt hat. Zufällig vermutlich beim Ballbesitz eines Spielers schwarzer Hautfarbe. Ja, der Herr Blatter. Der sieht vermutlich überall Feinde, was angesichts seiner Amtsführung all die Jahre nicht verwundern darf.

Fans gegen Ignoranten gefordert

Man hat die Missetäter, die Boateng verunglimpft haben, ausfindig gemacht und sie bestraft. Sie dürfen fünf Jahre nicht mehr ins Stadion gehen. Das mag für einen Fußballfan eine Bestrafung sein aber seine Einstellung wird das nicht ändern, solange unsere Gesellschaft nicht bereit ist, mit Solidarität und Unterstützung gegen Rassismus in all seinen Formen vorzugehen. Auch die Fans im Stadion, die sich dagegen abgrenzen, könnten mit beherztem Eingreifen helfen. Die Unverbesserlichen anzeigen, sie melden, fotografieren. Das wäre keine Hetzjagd, sondern eine Hilfe. Und die Politik muss Gesetze verabschieden, die Rassismus in jeder Form auch strafrechtlich verfolgen kann. Ein Stadionverbot ist lächerlich und bleibt garantiert ohne erzieherische Wirkung.

Kevin-Prince Boateng ist längst kein Einzelfall. Aber so konsequent, wie er vorging, als ihm die Hutschnur platze, war noch keiner. Wir können uns schwerlich in diese Situation hineinfühlen, die sicherlich unerträglich sein muss, auch weil die Ignoranten nicht weniger, sondern eher mehr werden. Sie sind zudem nur stark in der Gruppe. Das macht für sie ein Fußballspiel zur idealen Plattform ihrer Hetztiraden, weil sie glauben, sich verstecken zu können in der Masse. Jeder Fußballverein, jeder Verband, jeder Einzelne ist aufgefordert, seinen Teil dazu beizutragen, dass Rassisten keine Chance haben.

Dass Sepp Blatter nach seiner ersten, wenig durchdachten Äußerung noch nachgeschoben hat, dass Rassismus nicht tolerierbar sei, entschuldigt nicht seinen mangelnden Mut, die Situation zu nutzen, um selbst auch ein deutliches Zeichen zu setzen.

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