Sigi Heinrich

Eiskalt in die Phalanx eingebrochen

Spanien. Sonne natürlich. Tolle Strände. Ballermann auf Mallorca. Edle Golfplätze, großartige Weinregionen. Pulsierende Städte mit mutiger Architektur. Ein König, der gerne auf Großwildjagd geht. Tapas, soweit das Auge reicht. Die innovativsten und besten Köche Europas stehen zwischen San Sebastian und Barcelona am Herd.

Spanien. Der Mittelstand bricht weg. In Madrid werden Reihenhaussiedlungen besetzt. Das Land meldet die höchste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Banken müssen gerettet werden und setzen dennoch unverfroren kleine Häuslebauer, die keine Arbeit und damit kein Einkommen mehr haben, auf die Straße.

Spanien. Messi und Ronaldo schießen Tore um die Wette. Vier der Argentinier, drei der Portugiese mit lupenreinem Hattrick in zehn (!) Minuten. Irre. Kein Fußballverein ist finanziell gesund. Die Klubs sind ein Sinnbild des Landes. Wo so viel Schönes sich findet, wird es irgendwann und irgendwie auch wieder aufwärts gehen. Auch wenn im Moment außer Hoffnung kaum handfeste Argumente dafür zu finden sind.

Nur eines von vielen Skirennen

Spanien. Sportlich läuft es ja schon. Weltmeister. Im Fußball sowieso. Im Handball jetzt auch. Dänemark so an die Wand gespielt im Finale, dass die kein Nordlicht mehr sahen. Europameister auch. Im Eiskunstlauf. Nein, das ist kein Druckfehler und auch kein Witz meinerseits. Das ist die knallharte Wahrheit. Javier Fernandez (bitte, geht es spanischer?) heißt der Kufenartist, der in Zagreb den Titel gewann. Ein Spanier, der drei Vierfachsprünge zeigte, der ein wunderschönes Programm präsentierte. Ein Charlie Chaplin-Meadley, das so leicht und beschwingt daherkam, dass für ein paar Minuten tatsächlich alle Sorgen des täglichen Lebens verschwanden.

Der Junge ist so gut, dass er in diesem Jahr auch Weltmeister werden kann. Die Meldung des Tages natürlich. Möchte man meinen. Ist aber natürlich nicht so. Eiskunstlaufen bloß. Kein Tor, kein Dribbling, kein strammer Wurf, keine Chance zu kollektiver Freude. Ein Einzelschicksal, wenn da einer Europameister wird in einer für Spanien nun wirklich höchst exotischen Sportart. Aber es besteht kein Grund, hochnäsig zu sein. Ist hierzulande nicht besser, die Situation für diejenigen, die ihr Glück auf dem Eis suchen.

Mit Mühe schafften es Aljona Savchenko und Robin Szolkowy in diverse Publikationen hierzulande. Das Paar von Ingo Steuer ist ja bloß Serien-Weltmeister, Serien-Europameister und gewann in diesem Jahr die Silbermedaille. Bei Europameisterschaften. Aber es scheint so zu sein, als wäre das schon nichts mehr wert. Kein Sieg, keine Öffentlichkeit! Felix Neureuther wird bei einem normalen Weltcuprennen, das jedes Wochenende stattfindet, Zweiter. Die Meldung kommt als Dauerschleife als erste nach den wirklich wichtigen Nachrichten. Keine Europameisterschaft. Nur eines von vielen Skirennen in einer Saison. Aber das ist jetzt natürlich nicht wirklich neu, weil man in Deutschland scheinbar immer noch an Kilius/Bäumler denkt und das Chemnitzer Paar die Sehnsüchte der Fans nach einem Traumpaar auf dem Eis nicht erfüllen kann.

Ein Spanier verzaubert alle

Mir tun Aljona und Robin schon ein bisschen leid, weil es wirklich zutiefst ungerecht ist. Aber die beiden und ihr Trainer kennen die Situation. Apropos ungerecht: Das gehört ja im Eiskunstlauf wohl immer noch zum täglichen Sprachgebrauch. Die Einführung des neuen Wertungssystems 2004 nach dem Olympiaskandal in Salt Lake City hat nur Transparenz gebracht in der Bewertung der technischen Elemente. Die Spielwiese der Programmkomponenten ist den Preisrichtern geblieben und sie machen grausam Gebrauch davon. Mit zum Teil kaum nachvollziehbaren Wertungen können sie immer noch Strippen ziehen.

Nur ein kleines Beispiel: Der Zweitplatzierten im Damenwettbewerb, Adelina Sotnikova, haben die Preisrichter sieben Punkte weniger in den Programmkomponenten gegeben als der Siegern Carolina Kostner. Das klingt wie Hohn. Als könne die junge Russin eigentlich gar nicht Schlittschuhlaufen. Auch Savchenko/Szolkowy wurden diesmal bei den Programmkomponenten ausgebremst, obwohl sie in der Vergangenheit in dieser Wertung immer klar Vorteile gegenüber dem russischen Paar hatten.

Dass Ingo Steuer – süffisant und leise diesmal – dies anmerkte, ist sein gutes Recht, ändert aber wohl nichts an der Vorgehensweise der Juroren. Nur bei Javier Fernandez kamen die Preisrichter nicht aus. Der Spanier verzauberte alle. Und er machte mit seinem Sieg all denen Mut, die sich aus sonnigen Gefilden aufmachen, um eiskalt in die Phalanx der traditionellen Wintersportländer einzubrechen.

Herzliche Grüße,

Euer Sigi Heinrich

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