Sigi Heinrich

Mein Ja zur Gleichberechtigung

Die Japaner Taku Takeuchi (links), Sara Takanashi und Daiki Ito feiern den Gewinn der Goldmedaille im Mixed-Wettbewerb.Die Japaner Taku Takeuchi (links), Sara Takanashi und Daiki Ito feiern den Gewinn der Goldmedaille im Mixed-We …

Irgendwer hat irgendwo mal damit angefangen nach dem Motto: Gemeinsam sind vielleicht auch die Schwächeren stärker und die Starken können auch mal schwache Tage kompensieren. Und: Es gibt eine weitere Medaille. Teamwettbewerb heißt das neue Zauberwort. Ein großartiger Rettungsanker. Vielseitig einsetzbar und das Allerbeste: Das ist gelebte Gleichberechtigung. Alle für einen, einer für alle. Ein Wettkampf für Romantiker in einer Welt, die sonst kaum Platz bietet für intensives, gemeinsames Erleben von Männern und Frauen.

Ich kann mich noch erinnern an den ersten Teamwettkampf der Alpinen in Bormio. Deutschland gewann nichts, wurde aber Team-Weltmeister. Das wurde vor sieben Jahren noch künstlich hochgespielt. Mittlerweile zittern vom Verbandspräsident bis zum Skitechniker alle mit, wenn Frauen und Männer gemeinsam und doch abwechselnd durch die Tore schwingen. Alle auf einem Hang wohlgemerkt. Alle im selben Kurs. Dazu ein spannendes System, fernsehgerecht aufgearbeitet. Und alle machen mit. Die Biathleten sind olympisch geworden mit ihrer Mixed-Staffel. Auch hier dauerte es Jahre, bis die Anerkennung deutlich wurde.

Skispringen schließt die Lücke

Noch in Albertville bei den olympischen Spielen 1992 wurden die Biathletinnen als "Flintenweiber" gehänselt. Jetzt verhelfen sie ihren männlichen Kollegen zu Medaillen. Mittlerweile bieten alle Nationen ihre vermeintlich besten Teams auf, wie unlängst bei den Weltmeisterschaften in Nove Mesto na Moravje (Tschechien) zu sehen war. Und sogar dort, wo es eigentlich keinen gemeinsamen Nenner gibt, war man erfinderisch. Die Rodler rodeln, klatschen mit der Hand bei der Zieldurchfahrt die Freigabe für den folgenden Kollegen ab. Andere wollen nicht zuschauen, wie dieses Feld so phantasievoll beackert wird. Auch im Eiskunstlauf gibt es jetzt eine eigene Team-Weltmeisterschaft. Im Langlauf sowieso schon.

Nur ein winterliches Vergnügen fremdelte bislang. Aus naheliegenden Gründen, denn konnte und durfte man tatsächlich junge Damen über die gleichen Schanzen lassen wie die Männer? Mit ziemlich unangemessenen Aussagen hat gar der Präsident des Internationalen Ski-Verbandes (FIS) seine Bedenken gegen Damenskispringen begleitet. Vermutlich war er letztlich froh, dass in Vancouver die holde Weiblichkeit noch mit allen vorhandenen Tricks ausgebremst werden konnte. Es war ungerecht und im Grunde war die FIS kurz davor, sich zu blamieren und sogar die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen, die da klar machten: Skispringen der Damen kann sich so entwickeln wie Biathlon, wie Marathon, wie Tennis. Gleichwertig und ebenso spannend wie ein Wettbewerb der Männer.

So war es folgerichtig, dass in Val di Fiemme bei der nordischen Ski-Weltmeisterschaft jetzt die berühmten Skispringer aus Österreich oder Deutschland gemeinsam mit zwei Mädels aus ihrem Verband, die sie vermutlich bis zu diesem Zeitpunkt kaum gekannt haben dürften, bei der Siegerehrung zusammen jubeln durften. Österreich Silber, Deutschland Bronze. Es gehört zum Wesen eines solchen Wettbewerbes, dass man sich gegenseitig hilft. Japans Damen sind in ihrer Konkurrenz besser als ihre Männer. Und eben dank der Frauen gewann Japan den Teamwettbewerb.

Wir Männer müssen aufpassen

Sind wir also jetzt endgültig angekommen in punkto Gleichberechtigung? Ich würde das absolut bejahen, wobei: Mittlerweile müssen wir Männer aufpassen. Die Welt ist nämlich uns gegenüber ungerecht geworden. Überall das gleiche Preisgeld. Aber auch die gleiche Leistung? Männer müssen schwierigere Abfahrten bewältigen, Männer müssen mehr Sätze im Tennis spielen, um auf das gleiche Preisgeld zu kommen. Männer müssen längere Strecken im Biathlon laufen. Die Gewinnsumme ist dennoch die gleiche.

Das lässt nur einen Schluss zu: In unserem Wahn, die Gleichberechtigung im Sport voranzutreiben, haben wir mal wieder übertrieben. Aber ganz ehrlich. Haben wir gerne getan. Und vielleicht können wir ja auch mal eine Kommentatorin in unserem Team begrüßen. Für Skispringen, nicht bloß für Skispringen der Damen. Da müssten wir dann schon konsequent sein.

Herzlichst,

Ihr Sigi Heinrich

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