Sigi Heinrich

Heynckes in die Hall of Fame!

Ach ja. Es ist schade. Nicht tragisch, nicht fürchterlich, nicht weltbewegend. Aber sehr, sehr schade. Jupp Heynckes hört also auf. Zumindest ist der Öffentlichkeit nichts anderes bekannt, obwohl ich irgendwie das Gefühl nicht los werde, dass da noch etwas im Busch ist. Aber gehen wir einfach mal davon aus, dass nach dieser Saison sein Name tatsächlich nicht mehr mit einer aktuellen Fußball-Mannschaft in Verbindung gebracht wird. Das wäre dann, ohne Pathos, eine Zeitenwende.

Denn Trainer wie Heynckes oder Alex Ferguson waren Autoritäten, die Kraft ihrer Persönlichkeit ihre Umgebung und ihre Spieler und Teams geprägt haben. Heynckes kam dabei im Gegensatz zu seinem Generationskollegen auf der sturmumtosten Insel sogar ohne Kaugummi aus (Gegen ein gutes, ein wirklich gutes Glas Rotwein nach getaner Arbeit hatte er freilich nichts einzuwenden, was im Grunde eine äußerst vernünftige Einstellung ist, weiß man doch um die gesundheitsfördernde Wirkung des edlen Rebensaftes – in Maßen getrunken). Und Heynckes hatte zuletzt wieder jede Menge Gründe zu feiern.

Epochales ist noch möglich

Wenn es das Leben jetzt noch richtig gut mit ihm meint – und das hätte er verdient –, dann gibt es noch ein Finale, wie es nicht schöner sein kann. Er kann mit den Münchnern jetzt Geschichte schreiben, etwas ganz, etwas unheimlich Großes, ja Epochales schaffen. Einen bleibenden Wert, der die Formulierung "in Stein gemeißelt" fast von alleine in die Tasten hämmert.

Ja, man wird ein wenig wehmütig, weil ein Gentleman geht. Natürlich schwillt auch ihm manchmal der Kamm, wenn er in seiner "Coaching-Zone" zusehen muss, ohne eingreifen zu können. Möglicherweise fiel ihm sein Leben als Spieler leichter. Ein erfolgreicher Torschuss ist wahrscheinlich nicht zu vergleichen mit einem Sieg als Trainer. Aber nicht jeder gute Kicker wird ein guter Trainer, und auch der Umkehrschluss gilt. Heynckes, der in einer kinderreichen Familie aufgewachsen ist, hat sich in beiden Lagern bewährt und hat wohl in fast jeder Lebenslage Contenance bewahrt.

Ein Star ohne Allüren

Ich denke da vor allem an den 8. Oktober 1991, als er vom FC Bayern entlassen wurde, nach vier sieglosen Spielen und einer darauf folgenden Niederlage gegen Aufsteiger Stuttgarter Kickers. Heynckes hat nie nachgeschlagen. Im Gegenteil. Als Not am Mann respektive am FC Bayern war nach der unseligen Klinsmann-Zeit, sprang er als Interimscoach ein und führte die Münchner in die Champions League. Es klingt so banal, so einfach, wenn man sagt, Jupp Heynckes hat Charakter. Aber ohne seine innere Sicherheit hätte er Turbulenzen wie etwa in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt nie und nimmer unbeschadet überstanden.

Er war nie der Hampelmann im Trainingsanzug und Kapuzenpulli und er hat vermutlich in seinen Spielern Partner gesehen, mit denen er arbeiten darf, arbeiten kann. Um Teams wie Real Madrid oder den FC Bayern München mit all den Stars und Primadonnen zu leiten, muss ein Trainer selbst ein Star sein. Ein Star freilich ohne Allüren. Ferguson und Heynckes hatten das Rüstzeug dazu. Sind sie jetzt Auslaufmodelle? Zu alt für diese schnelle Zeit, für die Twitter- und Facebook-Generation?

Große Spuren für Guardiola

Im normalen Arbeitsleben ist schon früher Schluss. Freiberuflich tätige Menschen – Fußballtrainer, Politiker, Journalisten, Kirchenfürsten – haben keine altersbedingten Grenzen. Das ist manchmal ganz gut, muss natürlich nicht immer so sein. Das ist schon klar. Ferguson hat nun mit über 70 Jahren freiwillig Schluss gemacht, Heynckes hatte schlicht und ergreifend einen Vertrag bis zum Ende dieser Saison. So war das immer geplant. Aber Hand aufs Herz: Es hätte wohl niemand gedacht, dass er seinem Nachfolger Pep Guardiola (Jahrgang 1971) derart große Spuren hinterlassen würde. So gut wie die Bayern jetzt spielen: Das muss der Katalane erst einmal nachmachen.

Schön ist das irgendwie, dass am Ende einer Karriere, wie sie Jupp Heynckes gezeichnet hat, mehr bleibt als nur nackte Zahlen, als Tore und Titel. Ja, es schleicht sich gar ein Gefühl von Leere ein. Darf man so etwas sagen? Man wird Jupp Heynckes vermissen. Ich glaube schon. 50 Jahre Bundesliga, das ist auch und sehr besonders ein halbes Jahrhundert mit ihm. Auch wenn er nie die Nationalmannschaft trainiert hat (was ich irgendwie so gar nicht verstehen kann), so ist er für mich der nächste Fußballspieler, der in die "Hall of Fame" aufgenommen werden sollte. Für ein Lebenswerk, das Vorbildcharakter hat – in jeder Beziehung.

Herzlichst

Euer Sigi Heinrich

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