Sigi Heinrich

Haarige Angelegenheiten

Man sagt ja gerne, dass der erste Eindruck der wichtigste sei. In vielerlei Hinsicht. Mit ihm stellen sich die Weichen für ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch oder auch für eine Beziehung unter der Obhut Amors.

Der erste Blick, die erste Regung, das erste Gefühl, die allerersten Schwingungen, die aufeinandertreffen:  Das alles kann das Leben entscheidend beeinflussen. Auf Dauer oder auch für den Moment. Der erste Eindruck kann freilich auch der letzte sein. Vielleicht hat man sich ja schon nach wenigen Minuten nichts mehr zu sagen und weiß, dass der Weg nur in eine Sackgasse führt.

Mit wehenden Haaren untergegangen

Nastasia Mirontschik-Ivanova aus Weißrussland ist mittlerweile eine Spezialistin, wenn es um den ersten Eindruck geht. Bei ihr freilich war dies mehr ein Abdruck, den sie hinterlassen hat, eine Marke. Aber eben eindrucksvoll genug, um ihre Karriere wirklich maßgeblich zu beeinflussen. Sie ist Weitspringerin und belegte bei den Weltmeisterschaften in Südkorea den vierten Platz. Mit wehenden Haaren. 'Leider', wird sie sich mittlerweile sagen, 'war ich vorher nicht beim Friseur...'.

Denn hätte sie sich wie weiland Tatjana Lebedeva zum Beispiel für einen modischen Kurzhaarschnitt entschieden, wäre sie wahrscheinlich jetzt um 60.000 US Dollar reicher und könnte sich jetzt jeden Friseur der Welt leisten. Denn wie sich jetzt herausgestellt hat, hinterließ sie im Sand einen Abdruck mit den zum Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren. Das machte keinen guten Eindruck. Der Sprung wurde mit 6.74 Meter gewertet und zwar genau von der letzten Haarspitze, die noch hauchdünn den Sand streifte.

Ohne diesen kaum sichtbaren Kontakt kam der nächste deutlicher sichtbare Punkt 16 Zentimeter weiter vorne. Das wären dann also 6.90 Meter gewesen, die sich eigentlich wirklich auch sprang. Damit hätte sie gewonnen. Aber die Regel sagt eben, dass der letzte Abdruck der entscheidende sei, auch wenn das eigentlich gar kein richtiges, tiefes Loch im Sand war. Da hat man doch den Eindruck, dass dies kleinlich ist und eigentlich auch ungerecht, denn die Damen wollen doch auch im Sport Eindruck schinden, putzen sich heraus, schminken sich, machen sich die Haare zurecht.

Vorteil oder Nachteil für Pistorius

Ich bin jedenfalls dafür, die Haare als mögliches Markierungszeichen künftig außer Acht zu lassen, denn im Umkehrschluss führt das möglicherweise dazu, dass wir im Weitsprung nur noch glatzköpfige Frauen sehen. Und das will bitte niemand. Mal sehen also, ob die Damenwelt schon bei der nächsten WM oder gar schon in London bei den Olympischen Spielen auf dieses Ergebnis reagiert.

Auf ein anderes Ereignis hat der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) in Daegu zum Schluss auch noch einmal hingewiesen. Lamine Diack forderte den behinderten Läufer Oskar Pistorius auf, der möge sich entscheiden, ob er bei den Olympischen Spielen in London in der Leichtathletik mitmachen wolle oder bei den darauf folgenden Paralympics, den Spielen der Behinderten. Beides, so Diack, ginge ja wohl nicht.

Er hat bereits während der WM noch einmal deutlich gemacht, dass er klare Grenzen sieht und hat dem Südafrikaner untersagt, bei der Staffel woanders als auf Position eins zu laufen. Damit hat er eigentlich unrechtmäßig Einfluss auf ein Team genommen, denn entweder ist der Läufer mit den Carbonprotesen ein vollwertiger Teilnehmer der WM oder eben nicht.

Laut Urteil des Sportgerichtshofes hat Pistorius durch seine Prothesen keine Vorteile. Andere sehen das anders und es gibt viele Untersuchungen, die klar machen, dass der Südafrikaner über 400 Meter vor allem auch organisch bei weitem nicht so gefordert wird wie seine Kollegen. Das Thema ist heiß, weil Pistorus natürlich längst eine Symbolfigur geworden ist. Behindertenverbände jubeln über die endlich erfolgte Gleichstellung behinderter mit nichtbehinderten Sportlern. Aber es ist eine Falle, denn es ist eben nicht das gleiche, was sie da gemeinsam tun.

Känguru auf der Laufbahn

Pistorius springt mit seinen Hochleistungsprothesen wie ein Känguru, kann nur langsam starten und holt dann auf. Regnet es, kann er leicht aus der Bahn geworfen werden. Ein normaler Athlet, so hat Gert-Peter Brüggemann, der Leiter des Instituts  für Biomechanik und Orthopädie in Köln als Gutachter herausgefunden, wird im zweiten Teil des Rennens langsamer, weil die Kraft nachlässt. Pistorius hingegen erreiche nach 80 Metern Maximalgeschwindigkeit und könne diese bis ins Ziel halten.

Und noch ein Punkt erscheint mir wichtig und ungerecht gegenüber den nichtbehinderten Läufern. Diese nämlich verlieren alleine im Sprunggelenk bis zu 50 Prozent der eingesetzten Energie. Bei den Federn, so Brüggemann, sind es nur neun Prozent. Das sind nur zwei Beispiele, die für mich nur eine Konsequenz haben: Ein Start von Oskar Pistorius bleibt auch weiterhin höchst fragwürdig unter sportlichen Gesichtspunkten und einer möglichen Chancengleichheit.

Auch für die Nichtbehinderten wohlgemerkt. Solange Pistorius nicht ganz vorne mitläuft, wird das vermutlich noch akzeptiert werden. Aber wehe, wenn er einmal gewinnen würde. Ich bin sicher, die Diskussion würde bisher nicht bekannte Dimensionen erreichen. In der Schlussstaffel über 4x400 Meter hat Südafrika übrigens Oskar Pistorius nicht mehr eingesetzt. Daraufhin war er beleidigt und ließ verlauten, man gönne ihm wohl die Medaille nicht.

Das wiederum hinterlässt nun auch keinen guten Eindruck.

Viele Grüße aus dem fernen Südkorea,

Euer Sigi Heinrich

 

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