Sigi Heinrich

Ein großes Rad, an dem alle drehen

Sagen Goodbye: Raúl und Schmadtke

Es gibt Dinge des täglichen Lebens, die gehen nie aus, sind zuhause immer greifbar, weil sie ganz einfach ständig benutzt werden. Tempo etwa. Ist immer da. Und man darf das ja so sagen, ohne Schleichwerbung zu machen. Tempo steht seit Generationen für Papiertaschentücher.

Längst mit modernem Verschluss, so dass sie auch dann noch hygienisch sind, wenn eines mal aus der Verpackung gezogen wurde. Aber seien wir doch mal ehrlich. Wenn wir uns Filme anschauen wie "Der Klang des Herzens" mit grandioser Musik und einem gnadenlos schönen und phänomenal kitschigen Happy End, dann reicht ein Tempo nicht.

Immer die Großpackung

Nicht einmal wenn wir es mehrmals hintereinander benutzen um die Tränen zu trocknen. Am Ende sieht der Couchtisch aus, als wäre er mit Schneebällen übersät. Ich kaufe immer eine Großpackung und gerade an diesem Wochenende, mein Gott, was war ich da froh über meinen schier unerschöpflichen Vorrat. Denn obwohl ich mir keine meiner vielen schmalzigen Videos reingezogen habe (Ich brauche ein Happy End, unbedingt, unter allen Umständen. Ohne geht gar nicht.), war das ja ein tränenerstickendes Wochenende.

Das letzte Spiel vor den heimischen Fans. Für Raúl, den Weltstar aus Spanien etwa. Der hat sogar  richtig geweint, ohne dass ihm die Kollegen eine Zwiebelknolle unter die Nase gehalten habe. Ein ganz klein wenig jedenfalls. Es war ja auch alles so schön in diesen zwei Spielzeiten, obwohl es eigentlich ein Abstieg war für ihn. Von Madrid nach Gelsenkirchen. Das ist ja eigentlich ein Kulturschock fürs Leben.

Abschiedsvorstellungen Teil des Geschäfts

Aber letztlich war es Raúl vermutlich egal. Er hat noch einmal abgesahnt und viel, vermutlich sehr viel, Geld verdient in der Bundesliga, denn sonst - Hand aufs Herz - wäre er auch gar nicht erst erschienen. Er hat seine Sache gut gemacht, er hat Tore geschossen, hat viele vorbereitet und ist auch nicht faul gewesen. Er gehört, so haben Statistiker herausgefunden, zu den ersten Zehn in der Bundesliga, was die absolvierten Kilometer angeht.

Aber im Grunde hat er nur das getan, was jeder Arbeitnehmer, egal bei welchem Betrieb, auch tun muss. Er hat sich angestrengt, war immer pünktlich und hat für alle eine zufriedenstellende Bilanz abgeliefert. Aber vermutlich sind diese Abschiedsvorstellungen im Sport Teil des Geschäfts. Emotionen, die sich gut verkaufen lassen, die ankommen und die den manchmal dann doch naiven Fans vorspiegeln, dass es da einer kaum übers Herz bringt, diesen Verein zu verlassen.

Es ist dann immer zu hören, dass man ja noch gerne geblieben wäre. Aber…ja, genau. Nicht das Gedöns vom neuen Lebensabschnitt, von einer nochmaligen Chance, von einer neuen Herausforderung entspricht der Wahrheit. Es geht schlicht und ergreifend um die Moneten. Raúl wird sich, so denn die Gerüchte stimmen, in irgendeinem Golfstaat noch einmal schwindlig verdienen. Und den Schalkern liegt er als einer der Besserverdiener nicht mehr auf der Tasche. Sie haben ohne Raúl finanziell mehr Bewegungsspielraum.

Marin-Transfer ist  bedenklich

Das ist auf Schalke so und anderswo. Mladen Petric hat auch geweint und den üblichen Satz formuliert. Er werde Hamburg in bester Erinnerung behalten. Wohin er geht, weiß er angeblich noch nicht. Das entscheidet ja auch sein Berater. Schlechter stellen wird auch er sich kaum. Tim Wiese wird nicht weinen, wenn er von Bremen nach Hoffenheim wechselt.
Tom Starke der derzeitige Keeper im Babbel-Tor schon. Allerdings Tränen der Wut, weil er dann vermutlich nur noch auf der Bank sitzen wird. Bei anderen merkt man deutlich, dass es ein Geschäft ist. Verkaufen, kaufen. Nur Umsatz garantiert Einnahmen, vor allem bei den Managern der einzelnen Spieler. In Bremen verscherbeln sie das Tafelsilber, weil sie augenscheinlich nicht mehr aus noch ein wissen.

Wenn kreative Kräfte wie Marco Marin veräußert werden müssen, weil sonst die Kasse leer ist, dann ist das bedenklich. Aber Marin weint vermutlich niemand eine Träne nach. Er war ja keine Identifikationsfigur in Bremen. Er spielte halt mal eine Zeitlang an der Weser. Jetzt spielt er dann mal eine Zeitlang beim FC Chelsea. Vermutlich ist das für Marin sogar ein Aufstieg, wenn er denn zum Einsatz kommt.

Aber nicht nur Fußballer weinen und lassen weinen, wenn sie den Verein wechseln, auch Funktionäre und Angestellte der Firma (vulgo Verein) drehen am großen Rad der Gefühle. Hannovers Manager Jörg Schmadtke hat sogar seine Kinder mit auf das Spielfeld genommen, weil er ja auch aufhört. Klar ist natürlich, dass der Sport mit seinen Emotionen eine große Bühne für solche Abschiede bietet, aber etwas weniger wäre durchaus mehr.

Eine gewisse Verlogenheit wird mit den vielen Tränen schnell weggedrückt. Letztlich ist es wie gesagt nur ein großes Geschäft. Ein großes Rad, an dem alle drehen. Und bei jedem Saisonende gehört die Packung Tempo längst zur Grundausstattung.

Herzlichst,
Euer Sigi Heinrich

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