Sigi Heinrich

Falsche Prioritäten & schöne Reden

Fritz Dopfer tritt ins RampenlichtFritz Dopfer glänzt in Wengen 2012

Es ist schon eigenartig. Obwohl Magdalena Neuner beim Biathlon-Weltcup in Nove Mesto in der Tschechischen Republik keinen Spitzenplatz im abschließenden Verfolgungswettkampf erzielte, war sie dennoch das Topthema in vielen Nachrichten. Sie hatte nämlich auf die Scheiben der Nebenbahn geschossen und so ergaben sich vier Strafrunden.

Augenscheinlich war das der Knaller des Tages, obwohl das in den besten Familien schon vorgekommen ist. Magdalena Forsberg oder Daria Domratcheva ist genau das auch schon passiert. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Einmal eine Meldung in einem Sportblock hätte also genügt.

So aber habe ich auf der Fahrt von Nove Mesto nach Antholz zum nächsten Biathlon-Weltcup wieder einmal gelernt: Erfolg allein reicht nicht, um in die Nachrichtenschleife aufgenommen zu werden. Es ist zum Beispiel auch hilfreich, nicht in Deutschland Sport zu treiben.

Ich finde etwa die irrsinnig aufgeblähte Berichterstattung der amerikanischen Basketball-Liga absolut nervig. Das alles wegen Dirk Nowitzki. Seit Miroslav Klose bei Lazio Rom spielt, erfahren wir auch regelmäßig, was dort passiert. Dreimal verloren zuletzt, jetzt trifft er wieder. Super für Klose. Oder Mertesacker. Das gleiche Spiel. Er hat zuletzt eine tolle Torchance in England vergeben. Das ist natürlich der Hammer. Gut, dass wir das erfahren haben. Ich hätte ja sonst keine ruhige Nacht mehr gehabt.

Wunderknabe & Beute-Deutscher

Dabei gibt es so viel mehr bemerkenswertes. Neben Arnd Peiffers zweiten Platz in Nove Mesto (nach Reklamation von fünf auf zwei, weil ein Treffer irrtümlich nicht angezeigt wurde und er eine Zeitgutschrift von 20 Sekunden bekam), und dem zweiten Rang von Maria Höfl-Riesch in Cortina d'Ampezzo war für mich ein dritter Platz in Wengen die Nachricht, die ich gerne öfter gehört hätte.

Beim Klassiker am Lauberhorn stand nach dem Slalom ein deutscher Skifahrer auf dem Podest. Klar kommt einem natürlich zu allererst Felix Neureuther in den Sinn. Wer sonst? Ist er nicht der einzige Deutsche, der richtig Skifahren kann? Er war auch dabei aber er ist nur Fünfter geworden, zweitbester Deutscher an diesem Tag, was ihn nicht nur geärgert hat. Es hat ihn teuflisch gewurmt, denn jetzt ist das Alleinstellungsmerkmal Neureuther dahin.

Fritz Dopfer heißt der Wunderknabe, der plötzlich für Furore sorgt. Und das nicht erst seit Wengen. Er war ja schon einmal Dritter in diesem Jahr beim Riesenslalom in Beaver Creek. Aber das hat hierzulande kaum jemand groß bemerkt. War auch kein Platz vorhanden für Dopfer, weil ja die Basketballer in die USA (!) nach längerem Gezerre doch noch den Spielbetrieb aufgenommen haben.

Gut, wir müssen ein paar kleine Abstriche bei Dopfer machen. Er ist ein Beute-Deutscher. Papa von hierzulande, Mama aus Österreich. Aber aufgewachsen ist er in Schongau. Bloß Skifahren gelernt hat er nicht in verschiedenen Kadern des Deutschen Ski-Verbandes, sondern in Tirol. Österreichs Wedelschule hat ihm die Grundlagen vermittelt. Er war auch in Stams, in der schon legendären Schule des österreichischen Skisports, die Vorbildcharakter hat, denn die Schule kommt hier nicht zu kurz. Nie.

Im Vergleich armselig

Nur wird der Lehrplan um den Sport herum gestrickt. Um das Training, um die Wettkämpfe. Ein Sportgymnasium wie es besser nicht sein kann. In Deutschland versucht man seit gefühlten einhundert Jahren, so etwas auch aufzubauen. Allein, es ist und bleibt Stückwerk. Ein paar kleine Ansätze gibt es wie die Christopherus-Schule in Berchtesgaden aber gegen Stams ist das ein armseliger Versuch, junge Talente frühzeitig unter Berücksichtigung des Lehrplanes an den Leistungssport heranzuführen.

Ich kann im Grunde nicht verstehen, dass es nicht gelingen mag, etwa in Garmisch-Partenkirchen ein Gegenstück zu Stams aufzubauen. Eine Schule für Sportler, Es gibt Sprungschanzen, Loipen, Skipisten. Alles, wirklich alles ist vorhanden. Doch Verband und Kultusministerium stehen sich gegenseitig auf den Füßen. Von staatlicher Seite scheint man diese Problematik total zu ignorieren.

Später, wenn die Schule, brav und normal, absolviert ist, öffnet der Staat seine Türen und stellt die künftigen Spitzensportler oder die, die so etwas werden wollen, beim Zoll oder bei der Bundeswehr in Lohn und Brot. In der Jugend, wo die Grundlagen gelegt werden, muss jeder selbst schauen, wo er bleibt. Das geht meist zu Lasten der Schule, denn nur, wenn der Direktor eines Gymnasiums auch Sportfan ist, kann es überhaupt rudimentär funktionieren. Da kann auch mal eine Prüfung nachgeschrieben werden.

Aber die Doppelbelastung von Sport und Schule, die bleibt ganz alleine am (Sport)-Schüler hängen, was im übrigen auch dazu führt, dass viele die Schule mit der Mittleren Reife beenden, wo doch auch das Abitur möglich gewesen wäre. Aber dann würde man vielleicht entscheidende zwei Sportjahre verpassen. Ich würde mir wirklich wünschen, dass die Diskussion um ein Stams in Deutschland mal wieder angeschoben werden würde.

Es reicht nicht, dass die Länderregierungen am Ende eines jeden Jahres die besten Sportler auszeichnen und sich in deren Glanz sonnen. Taten sind gefordert und nicht bloß schöne Reden.

Herzlichst,

Euer Sigi Heinrich

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