Sigi Heinrich

Einmaliger Personenkult

Neuner in gewohnter PoseNeuner in gewohnter Pose

Der Wahnsinn hat einen Namen: Magdalena Neuner. Natürlich hat es schon viele Sportler gegeben, die eine herausragende Stellung eingenommen haben in ihrem Bereich. Steffi Graf, Boris Becker, Michael Schumacher. Rudi  Altig und auch Jan Ullrich.  Oder Sebastian Vettel derzeit.

Wer vielleicht noch? Sven Hannawald eine Zeitlang im Skispringen oder  Katja Seizinger, die einst auch Seriensiegerin war bei den Alpinen.

Die Liste ist und darf auch unvollständig sein.  Alle haben aber auf jeden Fall  dafür gesorgt, dass sich ihre Sportarten in den Zeiten ihrer Erfolge weit über den Durchschnitt erheben konnten.  Plötzlich wurden aus biederen Familienvätern Radrennfahrer. Man(n) scheute sich nicht,  über seinen Wohlstandsbauch ein hautenges mit Sponsoren überzogenes  gelbes Trikot zu ziehen.

Jeder Boom erlebte besonders Blüten. Auch im Journalismus war das immer zu spüren. Während Steffi Grafs Zeiten war jeder zweite Sportredakteur mit Tennis beschäftigt. Das ist auch international ein Phänomen. Zu Zeiten eines Alberto Tomba waren die Pressezentren stets überfüllt mit lauten und gestikulierenden italienischen Kollegen. Und wann immer hohe Einschaltquoten locken, wirft auch das Fernsehen schon mal wahrlich wichtigere Nachrichten aus dem Programm.

Ausnahmezustand in Ruhpolding

Der Sport spielt die erste Geige. Und jetzt ist Biathlon dran und ich habe den Eindruck, dass alles noch viel gewaltiger ist als in der Vergangenheit in allen anderen Sportarten. Lena hier und Lena dort und Lena überall. In einer solchen Intensität hat es im deutschen Sport noch keinen Personenkult gegeben.

Jeder Schritt wird beobachtet, jedes Statement vielfach ausgewertet, jede Geste beurteilt, jede Gefühlsregung analysiert.  Und das alles findet in einer Sportart statt, die ja nun wirklich niemand in seiner Freizeit betreibt: Biathlon.

Langlaufen und Schießen. Da wird es keinen Familienvater geben, der sich schnell mal eine Gewehr auf den Rücken schnallt und sagt: "Ich geht jetzt mal auf eine Runde Biathlon." Die Fans sitzen zu Millionen im bequemen Fernsehsessel, was nun nicht heißt, dass sie alle Sofakleber sind.

Sie lieben es auch unbequem und scheuen weder lange Anfahrtswege noch stundenlanges Warten auf den Stehplätzen im Stadion um sich dann hinter dem Schießstand als eine einzige große Gesamtfamilie zu fühlen.  An drei Wettkampftagen kamen in Ruhpolding  82.000 Zuschauer.  Auch das ist Wahnsinn. Ein ganzer Ort befindet sich  im Ausnahmezustand.

Ausnahmepersönlichkeit Neuner

Und was macht die junge Dame, die diesen Boom ausgelöst hat? Sie trifft sich mit ihrer Familie ganz gelassen im DSV-WM-Treff. Ohne ihre blaue Mütze, fast ganz privat und auch ausgesprochen entspannt. Und immer nett und immer höflich. So wie sie auch erzogen worden ist. Meine Mutter hat zu mir auch immer gesagt: "Sigi, ein Dankeschön kostet nichts."

In diesem Sinn hat auch Magdalena Neuner  die Werte für das Leben gelernt. Wenn sie zur Waffenkontrolle vor dem Wettkampf geht, hat sie ein Lächeln für die Kampfrichter übrig, verbunden mit einem ehrlich gemeinten "Danke".  Für die Kontrolleure, die den ganzen Tag im Tunnel stehen, im Schnittpunkt zwischen Stadion und Strecke, ist das der schönste Lohn.

Magdalena Neuner schreibt brav Autogramme und erledigt professionell ihre Sponsoren- und Medientermine. Nie fällt dabei ein lautes Wort. Ganz im Gegenteil. Sie hat die Gabe, jedem das Gefühl zu geben, dass sie dieses Interview gerade eben wirklich exklusiv nur jetzt im Augenblick gibt. Und sie hinterlässt dabei auch noch  den Eindruck, als würde sie das nicht nerven.

Absturz? Keine Sorge!

Tut es aber vermutlich schon, denn am Ende der Saison hört sie ja auf und der Stoßseufzer darüber lässt fast die Berge zittern. Und jetzt?  Die Fragezeichen werden immer größer. Stirbt der Sport? Wird die Chiemgau-Arena in ein paar Jahren eine unrentable Ruine sein, so wie viele Sportstätten vor allem nach Olympischen Spielen, weil sie nicht mehr genug genutzt werden?

Gemach. Ich würde Entwarnung geben. Sicher wird Magdalena Neuner fehlen, aber die Biathlon-Fans haben erstaunlicherweise schon immer ein großes, internationales Herz bewiesen. Sie werden auch um des Sportes  willen weiter zu den Weltcup-Wettbewerben kommen und jedes Jahr am  Ende dieser Wettbewerbe in ihren Quartieren schon für das nächste Jahr buchen, und sie werden sich wieder auf dieses wirklich einmalige Gemeinschaftsgefühl freuen und auf die Treffen mit den Tribünennachbarn.

Während etwa ohne Graf und Becker Tennis wieder aus dem großen Blickfeld verschwand, wird Biathlon ganz bestimmt auch in den nächsten Jahren noch eine der zugkräftigsten Wintersportarten bleiben. Und vielleicht profitieren ja all die anderen Athletinnen und Athleten vom dann nicht mehr vorhandenen Neuner-Hype, der dann freilich wieder aufleben wird, sollte sie  ihren Besuch ankündigen.

Ohne Ski und Gewehr, sportlich leger, obwohl man sich das momentan noch gar nicht so richtig vorstellen kann.

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