Sigi Heinrich

Ein mutiger Schritt

Sind wir tolerant? "Klar", würde jeder auf Anhieb sagen, denn Toleranz ist ja ein durchaus wünschenswerter Charakterzug. Also: Wir würden selbstverständlich ohne irgendwelche Hintergedanken schwule Fußballspieler akzeptieren. Ohne Wenn und Aber. Würden wir? Oder bräche dann nicht unser Weltbild zusammen von den toughen, harten Typen in einer Männerbastion, in der eigentlich kein Platz ist für Homosexuelle.

Die haben doch bitteschön andere Betätigungsfelder. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich gefragt wurde, ob ich Eiskunstlaufen kommentieren wolle. Da ich Opernfan bin, gerne ins Kino und ins Theater gehe oder in Konzerte, habe ich auf Anhieb zugesagt, zumal ich ja auch aus vielerlei Erfahrungen heraus wenigstens gleich erkennen konnte, wie viele Drehungen der jeweilige Sprung hatte. Die Sprünge selbst zu lernen, war schwieriger, als ich dachte.

Aber das nur so nebenbei. Ein Satz klingt mir da noch in den Ohren, der sogar aus meinem engeren Familienkreis kam. "Musst Du diesen Schwulensport wirklich machen?" Die Frage beinhaltete im Grunde auch den Vorwurf, ob ich denn vielleicht nicht auch tendenziell und so… Und zudem auch die Angst, es könnte wohl auch meinem Renommee als Kommentator schaden und die Karriere überhaupt den Bach runter gehen, wenn ich mir so etwas ("so etwas", so sagte man damals) antue.

Vorurteile, Mut und Selbstvertrauen

Da also sollen sie sich bitte austoben, die schwulen Sportler dieser Welt. Das Image hat Gründe. Viele von uns können sich eben nicht vorstellen, sich so extrovertiert zu verhalten, ihren Körper so zur Schau zu stellen. Dazu braucht man sicher auch Mut und eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Und so herrscht immer noch ganz klar die Meinung vor, dass man homosexuelle Sportler in erster Linie in Sportarten findet, die auch mit Körperschau zu tun haben.

Dass dies ein gewaltiges Vorurteil ist, muss ich vermutlich nicht deutlicher ausführen. Es ist im Grunde kompletter Unsinn und zeigt nur die Verunsicherung und die Angst, die viele haben, wenn herauskäme, dass der Anteil schwuler Fußballspieler genauso groß ist, wie in anderen Sportarten auch oder schlicht wie vermutlich im Durchschnitt unserer Bevölkerung. Umso bemerkenswerter fand ich den Auftritt von Gareth Thomas im Aktuellen Sportstudio.

Der Waliser gilt als einer der besten Rugbyspieler der Welt und outete sich ja schon vor zwei Jahren. In einem, wie ich finde, sehr gut geführten und aufschlussreichen Gespräch hat Thomas auch seine Ängste und Sorgen vermittelt und sein Schauspiel erklärt, dass er jahrelang aufrechterhalten musste, um als Sportler tragbar zu sein. Denn im Gegensatz zu Rugby ist Fußball ein Schachspiel für müde Rentner. Der körperliche Einsatz steht im Vordergrund und mithin die körperliche Berührung und das ist der große Unterschied zu einer Sportart wie eben Eiskunstlaufen.

Gareth Thomas hat sich auch im Getümmel auf seine Konkurrenten geworfen. Sieht man das jetzt plötzlich in einem anderen Licht? Wie würden die Fußball-Fans reagieren, wenn ein Spieler, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hat, einem Mitspieler in die Arme springt nach einem gelungenen Torschuss? Ja, würden denn überhaupt die eigenen Kollegen das noch hinnehmen? Die Angst, dass ein mühsam aufrechterhaltenes Kartenhaus, eine Scheinwelt zusammenbrechen würde, lähmt ganz sicher alle homosexuellen Kicker.

Doppelleben des Friedens wegen

Ja, sie müssen mitspielen, um erfolgreich zu sein. Spielerfrauen sind ein ganz und gar eigenes Kapitel. Wer keine attraktive Frau hat (Freundin ist schon fast zu wenig), der ist ja schon verdächtig. Wer seine Gattin nicht regelmäßig vorführt, hat vermutlich auch etwas zu verbergen. Zu verbergen. Da ist sie wieder, die dunkle Seite. Es ist kein Geheimnis, dass in Kreisen männlicher Sportler - und Fußballspieler gehören ja irgendwie auch dazu - das Thema Frauen durchaus einen großen Stellenwert einnimmt.

Vermutlich noch vor den Autos. Wer da mit dabei sein will, der muss von Frauen schwärmen, auch wenn er von Männern träumt. Auch Gareth Thomas war deshalb verheiratet, ehe er sich von dieser Zwangsjacke befreite. Er hat mit seinem Auftritt möglicherweise bewirkt, dass auch Fußball-Fans in Zukunft mit Homosexualität entspannter umgehen und vielleicht auch Fußballspieler. Eigentlich sollte das schon längst gar kein Thema mehr sein.

Deutschland hat höchst offiziell einen schwulen Bürgermeister (Berlin) und einen schwulen Außenminister, der gerade ja mit seinem Mann den ersten Hochzeitstag beging. Irgendwie, das gebe ich zu, liest sich das natürlich seltsam und vielleicht ist auch noch gewöhnungsbedürftig. Aber es wird der Tag kommen, da werden auch homosexuelle Fußballspieler durchatmen können, ohne befürchten zu müssen, dass sie dadurch materielle Nachteile erleiden oder in der Gunst der Fans sinken würden.

Und damit zur Eingangsfrage zurück. "Sind wir so tolerant?" Und noch spannender ist die Frage: "Gibt es einen deutschen Gareth Thomas, der den Mut hat, sich von seinen Fesseln zu lösen?"

Euer Sigi Heinrich



Zurück zur
Übersicht

 

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen