Sigi Heinrich

Der stille Gipfelstürmer

Erinnern Sie sich noch: An Steffi Graf, an Boris Becker? An die so elegant unterschnittene Rückhand von Graf und ihre unendliche Geduld, Gegnerinnen vornehmlich auf sandigem Terrain mit ewig langen Ballwechseln zu zermürben? Oder an Becker und seine Faust, an seine spektakulären Flüge zu schier unerreichbaren Bällen, die er dann doch noch volley spielen konnte. Danach rollte er sich katzengewandt ab - und der Jubel kannte mal wieder keine Grenzen. Sie waren die Stars hierzulande. Wegen Graf wurde Tennis 1988 sogar wieder olympisch. Willi Daume, seinerzeit  Präsident des damaligen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) war bekennender Graf-Fan und ließ all seine Beziehungen spielen, um den "Golden Slam" zu ermöglichen. Siege bei den großen Turnieren und bei den olympischen Spielen in einem Kalenderjahr.

Was waren wir enthusiastisch damals. Natürlich waren beide die Besten, auch in der Führung der Weltrangliste drückte sich das aus. Und sie sind ja heute noch allgegenwärtig. In der Pastawerbung (Graf) oder mit schierer Selbstdarstellung bis hin zur Peinlichkeit (Becker). Sie könnten also nach wie vor nicht unerkannt durch die Münchner Fußgängerzone flanieren oder bitte auch durch die Düsseldorfer Königsallee. Sie müssten ständig Autogramme geben und hätten an ihrem Einkaufsbummel vermutlich keine große Freude, wobei ich annehme, dass es Steffi Graf mehr stören würde als Boris Becker.

"Wir sind Golf"

Ich stelle mir gerade vor, beide wären gemeinsam auf einer belebten Meile und dazu würde sich noch Martin Kaymer gesellen. Das wäre frustierend. Für Kaymer. Man würde ihn nicht erkennen, obwohl er doch im Moment der große Star sein müsste. Er ist seit ein paar Tagen der Beste von sage und schreibe 50 Millionen Menschen. So viele nämlich spielen Golf. Ja, ja ich weiß: Ist nur was für Snobs, für Besserverdiener, für Freizeitkönige, weil eine Runde mindestens vier Stunden dauert. Die Nachbetrachtung im Clubhaus ist da noch gar nicht berechnet. "Haben sie noch Sex oder spielen schon Golf." Dieser nun wahrlich saublöde Spruch taucht wirklich immer wieder auf, wenn man sich outet.

Jawohl, ich spiele Golf, wie 600.000 Menschen in Deutschland und es sind bis jetzt noch immer einige Tausend pro Jahr hinzugekommen. 700 Golfplätze gibt es mittlerweile in Deutschland. In vielen Ländern ist der Golfsport längst Zugpferd der Tourismusindustrie geworden, wie in Spanien, Portugal oder auch in Florida, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und nun dies: Martin Kaymer. Im Stile von "Bild" könnte man wunderschön titeln: "Wir sind Golf".

Langer, der "Mister Golf"

Er ist erst der sechste Europäer der seit 1986 existierenden Weltrangliste. Er ist der zweitjüngste dieser Statistik und er ist erst der zweite deutsche Spieler - nach Bernhard Langer, der übrigens nicht unerkannt mit Graf und Becker spazieren gehen könnte. Bernhard Langer war und ist noch immer Mister Golf in Deutschland, obwohl auch er wie Kaymer sein Domizil schon seit Jahren in den USA aufgeschlagen hat, was beide wiederum mit Thomas Gottschalk verbindet und auch mit James Last (nur so nebenbei).

Aber Kaymer taucht kaum auf. Er hat sich schlicht einen unglücklichen Zeitpunkt für den Sprung auf Platz eins ausgesucht. Die Schadenfreude über den FC Bayern nach der Pleite gegen Dortmund muss ausgelebt werden, die nordischen Kombinierer holen Gold in Oslo und in Kürze schlägt auch noch das neue deutsche Fräuleinwunder, Magdalena Neuner, bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Sibirien auf. Und das ist dem deutschen Sportfan allemal näher als dieses seltsame Spiel, das freilich uralte Wurzeln hat. Schon 1711 gab es die ersten schriftlichen Regeln dieses Spieles, das entweder Schotten, Holländer oder Franzosen erfanden. Darüber lässt sich ja trefflich streiten.

Alles eine Frage der Zeit

Martin Kaymer wird das alles ziemlich egal sein. Der junge Mann ruht in sich selbst. Er wird nie laut werden oder gar nach einem verpatzten Schlag seine Schläger fremder Bestimmung zuführen, was überehrgeizige Hobbyspieler schon mal machen. Kaymer ist in jeder Beziehung ein Vorbild. Er ist ein perfekter Botschafter dieser Sportart und er hätte es verdient, größer und umfassender gewürdigt zu werden, nach seinem stillen Sturm an die Spitze der Weltrangliste.

Doch das wird sich ändern. In fünf Jahren, bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, wird Golf nach 1904 wieder olympisch sein. Dann ist Kaymer im besten Golfalter (obwohl das schwer zu definieren ist). Dann wird er 31 Jahre alt sein und eine Goldhoffnung. Und dann könnte er endlich auf Augenhöhe mit Graf und Becker grüßen. Es ist wie so oft nur eine Frage der Zeit.

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