Sigi Heinrich

Blauäugige Münchner

Wenn man von Süden nach Garmisch-Partenkirchen kommt, sieht man die Sprungschanze schon von weitem. Sie scheint zu schweben und Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen. Es ist ein schönes Gebilde, ein Wahrzeichen der Marktgemeinde und alljährlich bei der Vierschanzen-Tournee ein Anziehungspunkt für die Skisprungfans. Sie ist ein Symbol für das moderne Garmisch, wirkt wie ein eleganter Pinselstrich inmitten der imposanten Bergwelt rund um die Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg.

Viele Touristen kommen aber auch ins Werdenfelser Land, weil in dieser Region die Tradition noch was gilt. Die Menschen lieben ihre Landschaft, die Bauern, wer sonst, pflegen sie und sie sind stolz auf ihre gediegenen Höfe und auf ihre Wiesen und Felder, die einen ungeheuren Artenreichtum aufweisen. Es ist lebendiges Kulturgut und wert, für die Nachwelt erhalten zu werden. Daran besteht kein Zweifel. Jetzt wird den Bauern, deren Lebensgrundlage immer noch ihre landwirtschaftlichen Grundstücke sind, der schwarze Peter in die Schuhe geschoben, weil die Olympiabewerbung Münchens für 2018 zuletzt kein Ruhmesblatt mehr darstellte. Für das olympische Dorf in Garmisch-Partenkirchen, das ja Teil der Münchner Bewerbung ist, sollen einige diese schönen Wiesen gerodet werden. Die Sportler brauchen Unterkünfte. Das ist verständlich. Die Olympiaplaner haben die Wiesen gesehen und sie kurzerhand schon mal in ihren Ideen zu Bauland umgewidmet. Ob die Besitzer sie dafür freigeben, ja gar verkaufen, das wollte man später klären. Nämlich jetzt. Also zu spät, denn München ist mittlerweile ein offizieller Mitbewerber für die Olympischen Winterspiele 2018. Und Garmisch-Partenkirchen soll das Schneezentrum werden.

Bauern doch nur Kleinvieh

Vielleicht wäre anderswo die Rechnung aufgegangen, aber die Bauern in Garmisch sind glücklicherweise ein besonderer Menschenschlag. Sie lassen sich so leicht nicht verführen von Hochglanzprospekten und der schönen olympischen Versuchung. Sie fragen nach und wollen wissen, was bleibt. Was sind die Wiesen noch Wert, wenn der Olympische Tross seinen Besuch hier beendet hat? Haben sich die Münchner diese Frage auch schon mal gestellt? Die Landeshauptstadt macht es sich leicht, schiebt die dringendsten Probleme Richtung Alpen und präsentiert sich gönnerhaft als treibende Kraft der Olympiabewegung. Gut, dass der ehrenamtliche Geschäftsführer der Bewerbergesellschaft, Willy Bogner, kürzlich auch mal Klartext geredet hat, was ihm viele jetzt als Verrat an der Idee ankreiden. Ja, wie blauäugig sind sie denn in München? Es drängt sich der Eindruck auf, dass man glaubt, eine Hundertschaft sogenannter Olympia-Botschafter (also jeder, der einen Schneemann bauen kann, ist dabei), ein nettes Emblem und die Erinnerung an die Sommerspiele 1972, die auch nicht frei von großen Schatten ist, würde genügen, alle olympianarrisch zu machen.

Der Bauer draußen mit seinen Wiesen: Kleinvieh. Der wird, so dachten sie wohl, unter dem Druck der Politik und der fünf Ringe schon nachgeben. Tut er aber nicht. Jetzt erst recht nicht, zumal der politische Mikrokosmos im Werdenfelser Land ausgesprochen sensibel ist und die verantwortlichen Volksvertreter nicht sonderlich populär sind. Demokratie funktioniert anders. Erst fragen, wenn man was will und wenn dann die Antwort nicht wie erhofft ausfällt, dann muss man halt Alternativen suchen oder absagen. So wie die Münchner vorgegangen sind, geht es jedenfalls nicht. Die Olympiaplaner sollten sogar froh sein über den Widerstand, der ihnen jetzt entgegen gebracht wird.

Norwegen hat vorgemacht, wie es geht

Muss denn ein Olympisches Dorf immer gleichbedeutend sein mit einem neuen Stadtteil? Warum denn nicht alles oder zumindest das meiste, was mit Olympia zu tun hat, temporär anlegen? Ich war in Lillehammer 1994 und habe mir mit vier Kollegen eine Holzhütte geteilt. War schön. Diese wurden hinterher wieder abgebaut und an anderer Stelle errichtet. Klingt verrückt, ich weiß. Aber die Häuschen könnten den olympischen Austragungsstätten folgen. Heute in Lillehammer, morgen in Garmisch und so weiter. Zu legen wären nur die Versorgungsleitungen. Mit einem überschaubaren Ausmaß wäre also eine Rückbildung der nur für vierzehn Tage benötigten Flächen möglich.

Ist denn noch nie jemandem aufgefallen, dass olympische Spiele vielfach Chaos hinterlassen? Im Stadtsäckel, in der Landschaft, bei den Menschen. Man muss akzeptieren, dass die mittlerweile sowieso ausschließlich auf Profit ausgelegte olympische Bewegung nicht bei allen gut ankommt. Das haben die Münchner in ihrer leichtlebigen Art einfach mal vergessen. Draußen im Lande, da gehen die Uhren noch anders. Sollen sie doch in München das Olympische Dorf für die Skifahrer bauen und eine Transrapid-Strecke nach Garmisch aufstellen oder wenigstens mal die Autobahn bauen oder eine vernünftige Bahnanbindung mit modernen Zügen und zweigleisig anbieten. Dann wären die Sportler von Großhadern (zum Beispiel) in einer halben Stunde in Garmisch-Partenkirchen und die Zugspitze quasi näher an München herangerückt und die Alpen direkt neben der Frauenkirche und die Skisprungschanze sowieso und München hätte einen neuen Vorort und die Bauern wären froh und wahrscheinlich nicht nur die.

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