Sigi Heinrich

Wie man sich bettet

Das Athletendorf in DaeguWie man sich bettet, so liegt man. Ein schöner Spruch. Ganz technisch angewendet auf ein Bett wäre das ja so schlecht vermutlich nicht gewesen - in Südkorea bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Weil wir erst sehr spät die Übertragungsrechte für die schnellsten Sprinter und Werfer erhalten haben, verließen wir uns bei der Hotelbuchung auf die Veranstalter.

Und ich muss sagen: Wir wurden nicht enttäuscht. Zunächst jedenfalls nicht, denn der erste Eindruck war gewaltig. Sie haben sich nicht bloß bemüht, sondern sie haben sich sensationell ins Zeug gelegt. Sie wollten augenscheinlich schlicht unser Bestes. Und so fanden wir das Bett am Ende des schmalen Ganges denn auch super.

Es war groß und schien äußerst bequem zu sein. Und vor der sicher strapazierfähigen Liegefläche hing ein schöner, großer Bildschirm. Ultraflach und riesengroß. Weil, so dachten sich die südkoreanischen Freunde vermutlich, ein Reporter als solcher ganz sicher ganz viel Zeit hat und so, in eben dieser Freizeit genannten Phase einfach nur in die Glotze schauen will. Schöner Gedanke.

Ein extrem puristisches Badezimmer

Doch wo war der Schrank? Klamotten für vierzehn Tage waren schließlich im Koffer und mussten unbedingt dort raus, um wieder in Form zu kommen. Kleiderbügel. Bitte?  Doch der Blick durch das Zimmer verhieß nichts Gutes. Da war nichts. Immer noch bloß das Bett. "Ungewöhnlich", dachte ich mir, blieb aber sehr positiv gestimmt. Ich hatte mich schließlich auf Daegu gefreut.

Vielleicht, so meine Überlegung, war das ja eines der neuen sogenannten Trendhotels, von Innenarchitekten als Kunstwerke geplant. Wie könnte man das also beschreiben? Funktionalität verbunden mit frischem Design und ungewöhnlichem Farbenspiel. Einfachheit als Formensprache. Dazu gehörte natürlich auch, dass man auch das Badezimmer als extrem puristisch betrachten konnte.

Immerhin: Es war alles da, was Mensch so braucht für die große und kleine Körperpflege. Weiteres intensives Suchen nach mehr Möbeln verhalf dann auch zu keinem Glücksmoment. Ein bequemer Sessel oder gar eine Chaiselongue? Ja träume ich denn? Es war ja vor und hinter und neben dem Bett nicht mal Platz für einen Klappstuhl. Ging das alles wirklich noch mit rechten Dingen zu?

Eine unerwartete Antwort

Ich schaute mich um. Es war auf jeden Fall seltsam, und da sich dann doch noch die Chance bot, in ein normales Hotel umzuziehen, auch wenn dies weiter entfernt vom Stadion lag, habe ich mich eher leichten Herzens entschieden, dieses Einbetteinraumzimmer nicht mit meiner Anwesenheit zu beehren. Die neue Herberge offerierte alles, was man von einem normalen Hotelzimmer erwartet.

Es gab sogar einen Wellness-Bereich, den wir aus Zeitgründen freilich nie benutzen konnten. Aber alleine die Möglichkeit zu haben, mal so richtig durchzuschwitzen, bescherte einfach ein gutes Gefühl. Aber ich wollte natürlich schon noch wissen, was es mit dem Hotel in einer belebten Straße auf sich hatte und habe wie immer gnadenlos recherchiert. Und ich bekam Antworten, wie ich sie nun wirklich nicht erwartet hatte.

Die Wohnungen für Familien sind in Daegu nämlich klein. Sehr, sehr klein. So klein, dass es kaum Chancen gibt, sich zurückzuziehen, wenn zum Beispiel mal die ehelichen Pflichten auf Erfüllung warten. Deshalb gibt es in der Innenstadt Etablissements, die sich darauf konzentrieren, den gestressten Familienvätern und ihren Ehefrauen eine wohlfeile Beherbergung zu bieten, damit diese sich weit weg von Kindern und Großeltern einmal so richtig austoben können.

Es sind also Stundenhotels, die freilich nicht automatisch mit Prostitution einhergehen. Es ist Teil des Lebens in Daegu. Und eben ein solches Hotel war die erste Wahl, die wir hatten. Ich habe dann natürlich auch verstanden, warum ein großes Bett das allerwichtigste war, auch wenn man auch auf einer Chaiselongue mal könnte und so. Aber für das Grundbedürfnis reicht natürlich ein Bett allemal aus.

Die wahre Einsamkeit Mittelschwedens

Wie gesagt: Man hat es sicher gut gemeint mit uns und letztlich haben wir darüber geschmunzelt und auch festgestellt, dass unsere Dienstreisen halt immer wieder nette Überraschungen mit sich bringen und vor allem die Hotelsituation spannend bleibt. In Atlanta hatte ich 1996 eine Suite mit Whirlpool, eigenem Schlafzimmer und einer Sofalandschaft. Ein absoluter Wahnsinn.

In Athen 2004 war das Zimmer eine Kammer. Auch ein Wahnsinn und eigentlich nicht mehr zumutbar. Die ideale Unterbringung habe ich vor vier Jahren in Östersund entdeckt. Immer zur ersten Biathlonwoche ziehe ich nach Brynje. Das ist ein kleiner Weiler mit ein paar Bauernhöfen, etwa 20 Kilometer vom Biathlonstadion entfernt in wirklich wahrer Einsamkeit Mittelschwedens.

Ich bewohne dort eine ehemalige Vorratskammer, die mit viel Liebe zu einer Hütte umgebaut wurde. Wenn ich ankomme, schürt mein Vermieter rechtzeitig den Kamin an. Wohlige Wärme umgibt mich und zum Frühstück gibt es selbst gemachtes Brot und Eier von ganz bestimmt glücklichen Hühnern. Und es gibt ein schönes, großes Bett, einen Schaukelstuhl, eine kleine Küche und morgens einen Sonnenaufgang, der unschlagbar schön ist. So, genau so, würde ich gerne immer wohnen wollen.

Herzlichst,

Euer Sigi Heinrich

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