Sigi Heinrich

Eine bemerkenswerte Wahl!

Unser Berufsstand hat es mitunter ja schwer. Wir nörgeln, wir kritisieren, wir legen auch mal den Finger deutlich in die Wunden, und wenn wir ganz böse sind, dann wühlen wir da auch noch ein wenig herum. Wir bleiben beim Thema, lassen mitunter nicht locker.

Und dabei verderben wir natürlich manchem Sportkonsumenten den bedingungslosen Spaß. Er will im Grunde ja gar nichts hören von gedopten Radfahrern oder Leichtathleten. Er will sich im Fernsehen in erster Linie an den Bildern erfreuen, Athleten sehen, die sich über das für den Normalbürger vorstellbare Maß erheben.

Oder er will Geschichten lesen. Schöne Geschichten, die nicht davon handeln, wie sich die Teufelskreise der Manipulationen zusammensetzen. Der Sport soll den Alltag schöner machen und den Fan, der fleißig arbeitet, nicht auch noch belasten mit all dieser negativen Energie. Ich verstehe das schon.

Aber die Welt ist kein großes Tablett mit täglich frischen Rosen. Auf ihr zu leben kein Wunschkonzert. Der Sport ist lediglich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Nicht besser aber auch nicht schlechter. Und einmal im Jahr, da können wir, die Sportjournalisten, unserem Herzen freien Lauf lassen und an die Urne treten. Wahl der Sportler des Jahres.

Sieger von der selben Agentur

Das ist dann schon auch eine kleine Nagelprobe. Wie also ticken wir? Wo setzen wir an? Was sind die Kriterien? Wir wollen da ja irgendwie auch Zeichen setzen. Uns nicht verführen lassen von der medialen Wucht bestimmter Sportarten. Wir wollen zeigen, dass wir wertfrei, neutral handeln und doch wollen wir auch ein klein wenig unser Herz sprechen lassen.

So ist Robert Harting ein würdiger Sportler des Jahres geworden. Ein Olympiasieger. Ein Weltmeister. Ein kritischer Geist, aber auch einer, der bei uns, den Medien, präsenter war als viele seiner Kollegen. Selbst, wer sich nicht ständig mit Leichtathletik beschäftigt, kann mittlerweile den Namen Robert Harting einordnen. Er ist auch in Talkshows zu sehen.

Auch außerhalb seines Diskusrings dreht sich manches um ihn. Und keine Frage: Er hat das verdient, weil er nicht nur weit wirft, sondern weil er eben auch was zu sagen hat. Auch deshalb respektieren wir Robert Harting, und dass er die Wahl gegen den flotten Vettel gewann, zeigt, dass wir doch sensibler sind als viele glauben.

Zufall oder nicht: Magdalena Neuner sahnte bei den Damen ab und wird von der gleichen Agentur betreut wie Harting. Nicht, dass sie das jetzt in den falschen Hals bekommen. Es gab da keinerlei Einflussnahme. Ich betone: keinerlei.

Fakt ist nur, dass sich sowohl Harting als auch die nicht mehr aktive Schneekönigin Neuner immer wieder auch außerhalb ihrer eigentlichen Wirkungskreise tummelten. Man sagt dazu gerne: Immer schön die Suppe am Köcheln halten. Hier ein kleiner Auftritt, da eine Autogrammstunde. Werbung in Fernsehspots hilft dabei auch. So ein klein wenig mag das unsere Entscheidung auch beeinflusst haben.

Wir sind ja schließlich nicht aus Stein gemeißelt. Dazu war die Wahl für Frau Neuner sicherlich auch ein letztes Dankeschön an ihre Karriere. Sie war ein steter Lichtblick und befriedigte die auch in uns latent vorhandene Sehnsucht nach einem Superstar, der ja auch hilft, die Einschaltquoten und die Auflagen zu steigern. Magdalena Neuner war auch deshalb ziemlich konkurrenzlos.

Schieflage im Lot

Eine Wahl aber fand ich dann doch noch höchst bemerkenswert und toll, weil sie zeigt, dass wir doch nicht nur Fussball im Kopf haben. Natürlich hätte sich keiner gewundert, wenn Borussia Dortmund Mannschaft des Jahres geworden wäre. Schliesslich haben die Klopper den Fussball hierzulande mit ihrer Spielweise auf ein neues Niveau gehoben und sogar den FC Bayern gezwungen, moderner, flotter, agiler zu spielen.

Oder die Handballer des THW Kiel, die schier unbesiegbar zu sein scheinen. Wäre auch eine gute Wahl gewesen. Doch diese fiel auf den Achter. Auf Ruderer. Auf Olympiasieger. Auf Amateure, nicht auf Millionäre (ich weiß, ich weiß, die Handballer gehören nicht in diese Kategorie, aber auch sie sind Berufsspieler und nicht nebenbei noch Studenten wie die meisten, die gemeinsam im Boot sitzen).

Das ist, finde ich, ein deutliches Zeichen, das die deutschen Sportjournalisten gesetzt haben. Ein klares Bekenntnis auch für die Vielfalt im Sport hierzulande und für Athleten, für die Sport tatsächlich noch immer die schönste Nebensache der Welt ist. Ja sein muss, denn ansonsten könnten und würden sie das harte Training mit kaum erkennbarem finanziellem Gegenwert kaum auf sich nehmen.

Schön, dass wir also in der Stunde des Glamours ein Zeichen gesetzt haben. Schade allerdings, dass diese Wahl nicht unbedingt in den grauen Alltag eindringt. Da ist die Entlassung eines Fussballtrainers noch allemal eine größere Schlagzeile mit Nachdreher wert als der Sieg des Deutschland-Achters. Aber für den einen, kleinen Moment war die übliche Schieflage der Berichterstattung mal wieder im Lot.

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