Sigi Heinrich

Auf sie mit Gebrüll

Ist ja klar. Darauf haben wir schließlich sehnlichst gewartet. Die Pfeile waren nämlich schon feinsäuberlich im Köcher geordnet. Der Bogen war gespannt. Ab damit. Was für ein Glücksfall. Die Bayern stolpern gleich am ersten Spieltag. Nein. Stolpern ist zu harmlos. Das hieße ja, man habe sich noch im Fallen wieder aufgerafft. Der von den Experten, den Trainern der Bundesliga, zum Favoriten ausgerufene Rekordmeister, ist wie ein Baum gefällt worden und ausgerechnet der große Hoffnungsträger Manuel Neuer hat den ultimativen Hieb angesetzt mit seiner Fehleinschätzung.

Eine Katastrophe? Nein, einfach eine Niederlage. Zunächst einmal. Eine freilich, die den Münchnern mehr schlaflose Nächte bereiten wird als manche Schlappe, die sie in den letzten Monaten bezogen haben. Nicht weil Neuer eine Luftnummer bot. Er wird ganz sicher noch ein großer Rückhalt werden für die Bayern. Man kann mal verlieren und ob das nun gleich am Anfang passiert oder irgendwann dazwischen, ist von den Folgen her immer das Gleiche. Es fehlen drei Punkte.

Es ist vielmehr der Auftritt des letztjährigen Meisters Borussia Dortmund, der die Münchner möglicherweise noch viel mehr beschäftigen wird, als ihr eigenes Versagen. Garantiert schauten sie sich am vergangenen Freitag das Auftaktspiel der Kloppschen Jungs an.

Mehrere Szenarien sind denkbar:

1) Bastian Schweinsteiger klopft sich begeistert auf die Schenkel, wie wir das getan haben, und freut sich über diese wunderbare Leistung von Götze, Großkreutz, Lewandowski, Kagawa, Hummels, Bender und all den anderen total abgehobenen Borussen, die da so spielen, wie schon lange keine deutsche Mannschaft mehr.

2) Bleiben wir bei Schweinsteiger. Also: Schweinsteiger kriegt allmählich Bauchschmerzen, weil vor allem in den ersten 45 Minuten keine Pause zu erkennen ist im Borussenwirbel - und der Bayern-Zampano weiß, dass er das mit seinen Jungs nicht hinkriegt. Die Bayern pflegen im Verhältnis zu den Borussen den eher gemächlichen Kick und stützen sich auf die überfallartigen Antritte von Robben. Bei den Dortmundern sind alle am Überfall beteiligt.

3) Schweinsteiger wird plötzlich von Zweifeln geplagt und fragt sich schlaflos im Bett wälzend von Freitag auf Samstag immer wieder: Wie machen die das bloß? Im Traum sieht er schnelle, direkte Pässe, glänzende Balleroberung, vorbildliches Pressing und blitzschnelles Umschalten Richtung gegnerisches Tor. Und als er morgens aufwacht, ist er schweißgebadet und um ihn herum ist alles schwarzgelb.

4) Schweinsteiger schaut sich das Match gelassen an und denkt sich: Die haben ja noch eine nette Euphorie, rennen wie die Verrückten, aber die kriegen auch noch ihre Brause. Schließlich müssen sie in dieser Saison drei Wettbewerbe bestreiten und die besten Borussen auch noch die Nationalmannschaft verstärken. Er macht sich also keine Sorgen. Er kennt das schließlich. Er trinkt noch ein Glas Rotwein und legt sich dann ganz entspannt schlafen. Wieso, fragt er sich noch, wieso soll er sich mit Dortmund beschäftigen? Recht hat er.

Dann kommt der Samstag. Es ist kein guter Tag für viele Spieler, die mal auf irgendeine Art und Weise mit den Münchnern irgendwas zu tun hatten. Erst verliert Michael Rensing (früher offizieller Kahn-Nachfolger, dann ausgebootet) mit dem 1. FC Köln. Am Abend dann erwischt es Thomas Kraft (früher offizieller verspäteter Kahn-Nachfolger als Rensing-Nachfolger). Er verliert mit Hertha BSC im schwächsten Spiel des Wochenendes. Gegen das Tempo der Borussen aus Dortmund war das, was Hertha bot, wie ein Formel-1-Renner im Vergleich zu einem Seifenkisten-Eigenbau. Beide Keeper freilich können nichts dafür. Sie haben gezeigt, dass sie auch noch in München spielen könnten. Was Neuer hielt, das hätten beide auch gehalten. Und die Bayern hätten sich vermutlich so um die 20 Millionen Euro gespart.

Längst nicht so gut wie die Borussia

Aber so rechnet man natürlich in München nicht. Nur das Beste ist gut genug. Obwohl: Spielt Mats Hummels, derzeit der beste Innenverteidiger mit den schönsten Pässen ins Mittelfeld, spielt der bei Bayern, obwohl er bei Bayern spielte? Nein. Den haben sie nach Dortmund ziehen lassen. Das schmerzt, weshalb mindestens der sehr talentierte Jerome Boateng kommen musste.

Es liegt kein gutes Karma in der Luft für die Münchner. Sie spielen dann das letzte Match des Spieltages gegen den alten Rivalen, der am Ende der vergangenen Saison mühsam die Klasse gehalten hat. Und sie spielen längst nicht so gut wie Borussia Dortmund. Nicht einmal annähernd so gut - und der HSV, der Dortmunder Gegner, war besser als Mönchengladbach. Sie treffen einmal den Pfosten. Ansonsten haben die Gladbacher eines der größten Talente im Tor, den 19-jährigen Marc-André ter Stegen, der die Münchner zur Verzweiflung bringt. Natürlich haben sie auch Glück. Was soll's.

Das wird sich im Verlauf einer Saison immer mal ausgleichen. Das wird die Münchner nicht nervös machen. Vielmehr wird sie die Tatsache aufs Ärgste plagen, dass Borussia Dortmund in jeder Beziehung in der Bundesliga den Rhythmus vorgibt. Der Meistertitel war kein Zufall. Einen besseren Beweis als den ersten Spieltag hätte es nicht geben können.

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