Sigi Heinrich

Die Angst geht um!

Und jetzt: Ungebremster Jubel? Die deutschen Biathletinnen haben die letzte Staffel vor der Weltmeisterschaft in Nove Mesto na Moravje (Tschechische Rebublik) gewonnen. Heißt das dann im Umkehrschluss, dass ihr bei den Titelkämpfen die Favoritenrolle gebührt? Wäre so schön, wenn es so einfach wäre. Die Sachlage nämlich, die ist um vieles komplizierter, was schon aus der offiziellen Nominierung des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) für eben die WM hervor geht.

Es wurden vier Damen benannt. Exakt jene vier, die in Antholz (Italien) die Staffel gewannen. Mehr Biathletinnen, die auf höherem Niveau momentan mithalten können, gibt es nämlich derzeit in Deutschland nicht. VIER! Und ja, das ist, um es feinfühlig und ganz vorsichtig zu formulieren, bedenklich. Etwas weniger charmant ausgedrückt, was durchaus auch passen würde: Es ist ein Armutszeugnis. Und die Beste in Südtirol war sogar eine, die der DSV mangels Perspektive schon näher in der Wüste sah als im Schnee und den beim Biathlon zugehörigen Stadien mit Schießplatz. Nadine Horchler musste Pizzen schleppen, um finanziell über die Runden zu kommen und um sich ihren Traum vom Biathlon überhaupt noch finanzieren zu können. Jetzt läuft sie in Preisgeld-Regionen. Wer hätte das gedacht? Ich nicht, gebe ich zu.

Teilweise ein großer Bluff

Die deutschen Trainer und Funktionäre aber auch nicht. Somit stehe ich nicht allein im Regen. Auch ohne ein Rennen gewonnen zu haben, ist Horchler die große Siegerin im deutschen Team. Franziska Hildebrand verblüfft durch ihre Stabilität, Andrea Henkel ist der Rettungsanker, weil der Sonnenschein im Team, Miriam Gössner, vieles, was sie in der Loipe gewinnt, am Schießtand wieder verliert. Das also sind sie, die vier Damen, um die sich zwei Trainer kümmern (ohne den Cheftrainer Uwe Müssigang). Von einer Unterversorgung auf der Betreuerseite kann man also auch nicht reden. Und wenn nun eine aus diesem Quartett krank werden sollte? Es wird sogenannte Nachnominierungen gegen, aber auch die sind übersichtlich. Entweder Evi Sachenbacher-Stehle, die zur Biathletin umgeschult wird. Oder Kathrin Lang, die Mama geworden ist und früher mal Weltklasse war. Vielleicht aber auch die Juniorin Laura Dahlmayr. Es gibt noch ein paar Wettkämpfe vor der WM außerhalb des Weltcups. Das ist die Chance für die zweite Reihe.

Das große Gesamtbild stimmt mich dennoch nachdenklich. Die Veranstaltungen der Internationalen Biathlon-Union (IBU), vornehmlich der Weltcup, sind teilweise ein großer Bluff. Biathlon ist zum einen nur in wenigen Ländern ein Spektakel. Egal, ob bei den Frauen oder bei den Männern: Die Teams sind fast überall am Anschlag, die personellen Decken sind nicht bloß dünn, sondern schon durchsichtig. Auch ein Grund übrigens, warum die Mixed-Staffel eingeführt wurde (mittlerweile auch olympisch). Zwei Frauen, zwei Herren, beide wettbewerbsfähig, bringt man dann doch noch auf die Beine.

Große Aufgabe für DSV-Athleten

Der Sieg der deutschen Staffel war deshalb wichtiger als viele ahnen, denn im Biathlon geht die Angst um. Ein kollektives Versagen deutscher Teams mehrere Wochen hintereinander würde das filigrane Gebilde aus Einschaltquoten und Sponsoren gehörig ins Wanken bringen, vor allem, weil es im internationalen Verband ausschliesslich deutsche Geldgeber gibt. Diese Abhängigkeit ist extrem gefährlich, denn die Lust dieser Partner wird vergehen, wenn die Erfolge ausblieben.

Auch deshalb steht die deutsche Mannschaft immer besonders im Fokus. Dass die Leichtigkeit des Seins darunter leidet, ist nur allzu verständlich. Die Anspannung ist greifbar, aber wer mag das den DSV-Vertretern verdenken. Nicht Norwegen, Russland, Österreich oder Schweden sollen und müssen Biathlon am Leben erhalten, sondern die deutschen Athleten. Das ist viel verlangt, sehr viel sogar, weil man eigentlich mit sich selber momentan genug zu tun hat.

Herzliche Grüße,

Euer Sigi Heinrich

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