Rolf Kalb

Wer schafft den Marathon

Kann Neil Robertson Ronnie O'Sullivan stoppen?Zum Glück stehen seit vielen Tagen nicht mehr irgendwelche Aussagen in Pressekonferenzen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern das sportliche Geschehen auf dem Tisch. Das ist gut so! Schließlich wurde auf den beiden Tischen im Crucible Theatre genug Stoff geliefert. Top-Leistungen, Dramen, bittere Enttäuschungen, Überraschungen — alles war dabei. Eine richtige Weltmeisterschaft eben. Ich empfinde die Titelkämpfe 2012 als sehr abwechslungsreich. Der Aufstand der Qualifikanten in der ersten Runde war erfrischend. Über die Gründe habe ich ja schon auf dem Sender ausführlich gesprochen (Leistungsdichte, der erheblich erweiterte Kalender mit der PTC-Serie und die Tatsache, dass die Qualifikation in diesem Jahr erst kurz vor der WM gespielt wurde).
Um Weltmeister zu werden reicht aber ein Match nicht. Die WM ist ein Marathon — und wenn man die besonderen Anforderungen, die daraus erwachsen, schon kennt, dann hat man in den entscheidenden Phasen einen wichtigen Vorteil. Aber wer von den acht Viertelfinalisten kann denn nun Weltmeister werden? Hier einige Einschätzungen von mir (bewusst in alphabetischer Reihenfolge):
Ali Carter: Was für einen Kampf hat der im Achtelfinale geliefert. Der Captain meldet sich zurück — und wie. Über eventuell zu schwache Nerven von Carter braucht man auch gar nicht erst nachzudenken. Aus dem Holz schnitzt man Weltmeister. Aber: Wie viel Kraft hat er bei seinem Comeback gegen Judd Trump gelassen? Reichen seine Reserven auch noch für die letzten sieben Tage? Das sind die großen Fragezeichen, gerade nach der Krankheitsgeschichte von Ali Carter.
Ryan Day: Der Waliser ist bei der WM noch nie über das Viertelfinale hinaus gekommen. Und auch in seiner besten Zeit, als er die Nummer sechs der Weltrangliste war, offenbarte er oft Probleme in den entscheidenden Phasen des Turnieres. Das spricht gegen ihn. Wie soll da gerade bei der WM der Knoten platzen? Aber er kann das durchaus zu seinem Vorteil nutzen. Er muss einfach jede Session für sich nehmen und locker angehen, dann könnte er über sich hinauswachsen. Aber das ist leichter geschrieben als umgesetzt.
Stephen Hendry: Dem braucht keiner mehr was über die Weltmeisterschaft zu erzählen — der weiß, wie es geht. Phasenweise hat er durchaus das Spiel gezeigt, das ihn zu einem achten Titel tragen könnte (was wäre das für eine Geschichte), aber er hat diese Form nicht wirklich konstant konservieren können. Er selber hat ja realistisch zugegeben, dass er in der zweiten Session gegen John Higgins nicht gut gespielt hat. In den nächsten Runden aber darf er nicht erwarten, dass er weiterhin mit einer solchen Vielzahl an Chancen beschenkt wird.
Jamie Jones: WM-Debütant und das Küken im Viertelfinale — was ist für ihn noch möglich? Er hat mehr erreicht als er sich sicher vor Beginn der WM-Qualifikation erträumt hat. Eigentlich müsste für ihn gegen Ali Carter Schluss sein, aber wer Ricky Walden, Shaun Murphy und Andrew Higginson ausschaltet braucht sich auch vor dem Captain nicht zu verstecken. Er muss nichts mehr beweisen, kann die nächsten Sessions einfach nur genießen und aus dieser Stimmung heraus durchaus noch mehr schaffen. Frag nach bei Shaun Murphy, der genau das 2005 geschafft hat. Und für mich ist Jones heute reifer als Murphy 2005.
Stephen Maguire: Der hat das Spiel, der hat die Klasse und ein Titel für den Mann aus Glasgow liegt einfach in der Luft. Warum also nicht in Sheffield? Aber auch er stolpert gerne, wenn es in die wirklich wichtigen Matches geht. Das darf man sich im Crucible Theatre nicht erlauben. Für ihn wird entscheidend sein, ob er mental stark genug ist, wenn es darauf ankommt. Er muss mit dem Druck zurechtkommen (auch mit dem selbst auferlegten) und darf nicht an seinen eigenen Emotionen scheitern. Dann, aber auch nur dann, ist der Titel für ihn drin.
Ronnie O'Sullivan: Wenn er spielt wie in der zweiten Session gegen Mark Williams, dann führt der Weg zum Titel nur über ihn. Aber sein Weg führt über Neil Robertson. Der hat selber große Ambitionen, und der wird nicht so häufig verschießen wie Williams. Und ob Ronnie noch einmal eine solche Leistung abliefern kann wie in seiner Traumsession, dass weiß niemand — noch nicht einmal er selber. Setzt er sich aber gegen den Australier durch, dann ist der Weg zum Titel für ihn frei.
Neil Robertson: Der Australier hat es schon einmal geschafft. Daran, dass er Weltmeister werden kann, besteht kein Zweifel. Er selber hat es mal gesagt: „Die WM ist der Härtetest für deine Fähigkeiten als Snookerspieler und deine Psychologie." Das Spiel hat er. Auch mental scheint er mir bereit zu sein für einen weiteren Titel. In diesem Jahr hat er die Sache offensichtlich nicht auf die leichte Schulter genommen. Mir scheint, auf die WM 2012 hat er sich so professionell wie vielleicht noch nie vorbereitet. Das macht ihn zu einem heißen Titelkandidaten.
Matthew Stevens: Er kennt das Crucible bestens, auch die Ein-Tisch-Situation. Sowieso scheint ihm das Crucible zu liegen. Sehr oft schließlich hat er da noch eine eigentlich verkorkste Saison gerettet. Aber der ganz große Wurf war noch nicht dabei. Zwei Mal scheiterte er im Finale trotz klarer Führung. Das sitzt im Hinterkopf. In diesem Jahr hat er schon eine Vielzahl an tollen Breaks gezeigt, aber auch viele Frames, in denen er großzügig Chancen verteilt hat. Andere Gegner werden das konsequenter bestrafen als Barry Hawkins.
Mein Tipp? Keiner. Da wage ich keine Voraussage. Ich freue mich nur auf vier Viertelfinals, die toll zu werden versprechen. Und ich freue mich darauf, die gemeinsam mit Thomas Hein als Co-Kommentator am Mikrofon begleiten zu dürfen.
Viel Spaß und herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb

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