Rolf Kalb

Das muss nicht sein, Mark!

Tag eins der Weltmeisterschaft sorgte mit der 147 von Stephen Hendry für das erste Highlight dieser Titelkämpfe, an Tag zwei folgte der erste Skandal. Und es war wieder einmal Mark Allen, der kein Blatt vor den Mund nahm.

Was war passiert: In Frame 16 von Allens Erstrundenmatch schien der Ire schon das 7:9 in der Tasche zu haben, als er nach Blau und Pink auch Schwarz lochte. Er war sogar schon auf dem Weg aus der Arena heraus, um sich auf den nächsten Durchgang zu konzentrieren, als er plötzlich realisierte, dass der Spielball quer über den Tisch lief und in die gelbe Tasche fiel — Foul also und 10:6 für Cao statt 7:9; over and out. Meine Meinung: Allen hätte Schwarz niemals mit diesem horrenden Tempo in die Tasche knallen dürfen; das war unnötig, da wollte er einfach mal wieder Dampf ablassen.

Aufwallung der Gefühle

Auf der Pressekonferenz danach passierte es dann. Allerdings lobte Mark Allen seinen Gegner auch in den höchsten Tönen: „Wenn jemals eine Position in der Weltrangliste nicht korrekt war, dann seine. Er hat eine große Zukunft." (Anmerkung: Mit nicht korrekt meint er nicht die Klasse widerspiegelnd) Dann aber legte er los: Dass Weiß gefallen sei, das sei nicht sein Fehler gewesen, sondern der Tisch laufe dort ab: „Auf einem normalen Tisch wäre der niemals gefallen." Aha! Aber dann kam es noch dicker.

Schiedsrichter Paul Collier habe im zehnten Frame in einer entscheidenden Situation einen offensichtlichen Durchstoß von Cao nicht bemerkt (vermutlich während eines Breaks von acht Punkten für Cao zum 41:0). Er habe auf den Schiedsrichter und auf Michaela Tabb, die Scorerin, geschaut, und auch Cao, aber ein Foul sei nicht gegeben worden (stimmt). Und dann ging es los: „Chinesische Spieler sind dafür bekannt, offensichtlich zu betrügen, und sie kommen damit durch. Er ist eigentlich zu gut dafür, aber sie kommen damit durch. Snooker ist in einem schlimmen Zustand, und Leute wie Marco Fu und Liang Wenbo waren ja auch schon in der Vergangenheit bekannt dafür."

Vorweg: Ich habe größtes Verständnis für den Frust eines Spielers, gerade nach einer so frustrierenden Niederlage. Das Adrenalin pulst noch durch die Adern, Blut ist kam dabei, und in solchen Situationen macht man in der Regel nicht die klügsten Aussagen. Und ich muss natürlich auch einschränken: Ich war bei der Pressekonferenz nicht dabei und muss mich darauf verlassen, dass die mir vorliegenden Zitate korrekt sind.

Sollte sie aber korrekt sein, so ist Mark Allen klar über das hinausgeschossen, was ich einem jeden Sportler in der Aufwallung der Gefühle zugestehe. Das klingt natürlich zunächst einmal wie bei einem trotzigen Kind, das die eigene Verantwortung nicht wahrhaben will. Die Verallgemeinerung ist aber beleidigend. Lieber Mark — das war zuviel.
Da hoffe ich lieber auf weitere Highlights als auf weitere solcher Geschichten.

Herzliche Grüße,

Ihr / Euer Rolf Kalb

Update 25.4.2012

Gestern am Abend hat das Management von Mark Allen eine Entschuldigung des Spielers verschickt. Er sei in der Emotion nach der Niederlage über die Ziellinie hinausgeschossen und entschuldige sich bei allen, die sich angegriffen fühlten. Insbesondere entschuldige er sich bei Cao Yupeng, falls der sich als Betrüger hingestellt fühle. Er sei allerdings weiter der Meinung, dass der fragliche Stoß ein Foul gewesen sei. Außerdem entschuldige er sich bei World Snooker. Die WPBSA hatte zuvor angekündigt, dass sich die Disziplinarkommission mit den Äußerungen von Mark Allen beschäftigen werde.

Update 2: Ding macht den Allen

Die Pressekonferenzen in Sheffield scheinen ähnlich viel Dramen zu bieten wie die Matches selber. Am Mittwoch war es Ding Junhui, der in der Pressekonferenz nach seiner Niederlage für Aufsehen sorgte. Der sichtlich frustrierte Ding: "Die Tische waren nicht in Ordnung, und die Fans waren nicht in Ordnung." Zu oft sei hereingerufen und er dadurch gestört worden. "Man sagt, die Fans in China seien nicht gut; jetzt bin ich hier, und was ist?" Gefragt, ob die Zuschauer unfair gewesen seien, sagte er aber ausdrücklich nein. Meine Meinung: Das ist nicht ganz so starker Tobak wie bei Mark Allen, weil er niemanden direkt beleidigt hat. Mit Zuschauerschelte sollte man als Profisportler aber vorsichtig haben. Die bezahlen nämlich viel Geld (und sie haben in der Regel weniger davon als Ding), um die WM live zu erleben. Und sie sorgen am Ende auch für Dings Einkommen. Mich würde nicht wundern, wenn World Snooker auch diesen Fall untersucht, und Ding könnte sich auch nicht darüber beschweren.

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