Rolf Kalb

Das Experiment des Snooker-Exoten

Pankaj Advani ist ein Exot auf der Maintour. Das schreibe ich nicht, weil er neben Aditya Mehta der einzige Inder auf der Tour ist. Der Grund ist ein ganz anderer: Pankaj Advani ist der einzige Spieler unter den Profis, der auch in einer anderen Disziplin Weltspitze ist, im English Billiards. Das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der nur die Spezialisierung zählt.

Natürlich: Es hat auch andere gegeben, die über den Rand der eigenen Disziplin hinausgeschaut haben. Tony Drago hat sehr erfolgreich Pool gespielt; aber Pool war für ihn immer nur eine Ersatzbeschäftigung in Snooker-losen Zeiten (wie er mir einmal gestanden hat). Mark Selby war sogar Weltmeister im English Pool, aber seine Snooker-Karriere ist erst richtig in Fahrt gekommen, nachdem er sich darauf konzentriert hat. Die Ausflüge von anderen in die Welt des Pool (Steve Davis, Ronnie O’Sullivan) dagegen waren eher Werbe-Gags.

Vergessen in Indien?

Pankaj Advani aber bestreitet beide Disziplinen ernsthaft und mit Anspruch. Das ist etwas anderes. Und das ist ambitioniert. Im Billiards ist er Weltspitze; da ist er schließlich (zumindest in einer Disziplin) amtierender Weltmeister. Im Snooker hat er gestern bei seinem Sieg über Shaun Murphy bewiesen, dass er das Zeug zum Top-Spieler hat. Und den Ehrgeiz, auch im Snooker den Durchbruch zu schaffen, hat er durchaus. Er zahlt einen Preis, um seine Snooker-Karriere voranzutreiben.

English Billiards spielt im Heimatland England mittlerweile nur noch eine Nebenrolle, obwohl es dort bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch erheblich populärer war als Snooker. In Indien aber ist English Billiards noch immer ungeheuer populär. Und als Weltklassespieler in dieser Disziplin ist Pankaj Advani zu einem indischen Sporthelden geworden, ausgezeichnet mit den höchsten Ehren, die das Land für Sportler zu vergeben hat. Snooker hat die dortige Öffentlichkeit aber kaum auf dem Radar.

Nach seinem gestrigen Erfolg über Shaun Murphy wurde er gefragt, ob dieser Erfolg denn in Indien auch registriert wird. Er glaubt eher nicht: "Vielleicht vergessen sie mich da mittlerweile sogar." Er hat seit seinem Triumph bei der Billiards-WM im vergangenen Herbst nämlich kein Turnier mehr gespielt und damit keine Schlagzeilen mehr produziert.
Seitdem konzentriert er sich auf Snooker. Billiards trainiert er trotzdem noch: "Das hilft meiner Spielballkontrolle." Ob es daran lag? Auf jeden Fall hat er die Weiße gestern brilliant unter Kontrolle gehabt.

Das Experiment geht weiter

English Billiards wird mit drei Bällen gespielt, zwei weißen und einem roten (ähnlich wie Karambol früher). Es geht darum, nicht nur durch das Lochen, sondern auch durch Karambolagen Punkte zu holen. Billiards ist natürlich der ältere Bruder des Snooker, und damit gibt es eine Reihe von Parallelen: Die Tische sind identisch (historisch gesehen sind die Billiards-Tische einfach für Snooker missbraucht worden), und auch die Kugeln haben dieselbe Größe und dasselbe Gewicht; die Ballphysik ist damit auch identisch.

Trotzdem bleiben es zwei unterschiedliche Spiele. Ich bin gespannt, wie das Experiment von Pankaj Advani weiter geht. Für das World Open, das PTC-Finale und die China Open ist er nicht qualifiziert, aber vielleicht kann er ja bei der Weltmeisterschaft wieder für Aufsehen sorgen. Und vielleicht nimmt man dann auch in Indien von seinen Snooker-Erfolgen Notiz. Für das Vorhaben, ein Ranglisten-Turnier in Indien zu etablieren, wäre das sehr hilfreich.

Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb

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