Oliver Kahn

Verdammt und vergöttert – die mediale Achterbahnfahrt der Spieler

Servus liebe Eurosport Yahoo-User,

Uli Hoeneß regte sich zuletzt öffentlich über die Berichterstattung auf.

die Resultate des FC Bayern schwankten in den letzten Wochen zwischen frustrierenden Pleiten (Gladbach, Basel, Leverkusen) und beeindruckenden Siegen (Hoffenheim, Basel, Berlin). Noch extremer als die Leistungen der Spieler ist das jeweilige mediale Echo. Da wird Mario Gomez nach der vergebenen Großchance gegen Leverkusen zum "Gurken-Gomez" gemacht und wenige Tage später als "Gomessi" überhöht. Noch vor kurzem wurde die Spielweise von Arjen Robben als zu egoistisch eingestuft, heute wird wieder vom Traumduo "Robbery" (Robben und Ribery) gesprochen.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß sagte nach dem Sieg gegen Basel: "Vor 14 Tagen waren alle Bratwürste, jetzt sollen alle Super-Stars sein. In diesem Umfeld möchte ich nicht leben." Diese harsche Kritik von Uli Hoeneß führt zu der Frage, wie die heutige Spielergeneration mit dieser medialen Achterbahnfahrt umgehen kann?

Schnelligkeit wichtiger als Gründlichkeit?

Es ist kaum zu übersehen wie das Internet die Art der Berichterstattung der Printmedien zunehmend beeinflusst. Überspitzt formuliert steht das, was morgen in der Zeitung steht, heute schon im Internet. Dieser Umstand führt dazu, dass häufig die Schnelligkeit der Informationsverbreitung wichtiger scheint als Gründlichkeit und saubere Recherche. Halbwahrheiten und Gerüchte werden schnell in Umlauf gebracht, es könnte ja was dran sein...

Geschichten lassen sich vor allem dann verkaufen, wenn sie spektakulär, einzigartig und aggressiv erscheinen oder wenn sie einen Mehrwert in Form einer intelligenten Einordnung des Geschehens in das Informationsgetöse bieten.

In den digitalen Zeiten von Facebook, Twitter, Blogs und eigenen Webseiten können Spieler und Klubs direkt mit den Fans und Interessierten kommunizieren und somit die Berichterstattung bis zu einem gewissen Grad selbst steuern. Die Informationshoheit liegt somit immer weniger auf Seiten der traditionellen Medien. 

Die Klubs müssen Spieler und Trainer schützen

Gegen den "Gerüchte-Journalismus" hat sich der FC Bayern vor dem Spiel gegen Basel mit einer deutlichen Presseerklärung zur Wehr gesetzt, als der Club "diese ungeheuerlichen Medien-Spekulationen, die auf keinerlei Fakten basieren, aufs Schärfste" verurteilte. Natürlich wissen auch die Bayern-Verantwortlichen, dass sie den "Gerüchte-Journalismus" so nicht stoppen können. Sie senden aber ein deutliches Signal aus, dass der Klub absolut gewillt ist und auch in der Verantwortung steht, Trainer und Spieler zu schützen.

Mediengeschäft ist Tagesgeschäft. Eine Negativ-Schlagzeile entwickelt weniger Wucht, wenn der Spieler weiß, dass er nach dem nächsten Tor schon wieder in den Olymp geschrieben wird. Diese extreme Schnelllebigkeit sollte dazu führen, dass die heutige Spielergeneration kritische Schlagzeilen, die ja auch durchaus berechtigt sein können, nur noch bedingt an sich heran lässt. Dabei ist es hilfreich, sich ein dickes Fell zuzulegen, Kritik richtig einzuordnen und keinesfalls persönlich zu nehmen. Als Spieler lernst du mit der Zeit einzuschätzen, welche Kritik fachlich und sachlich fundiert ist und welche Schlagzeile nur Unruhe und Kaufinteresse erzeugen soll.

In der Kabine sind Extrem-Schlagzeilen kaum ein Thema

In den Kabinen sind solche Extrem-Schlagzeilen oder Berichterstattungen übrigens kaum ein Thema. Auf dem Platz hingegen reagieren die Spieler unterschiedlich, wenn sie in der Kritik stehen. Während einige eine gewisse Motivation aus Negativschlagzeilen ziehen, wirken andere verunsichert und gehemmt.

Die derzeitige Leistungsexplosion der Bayern habe ich schon vor drei Wochen beim Spiel gegen Schalke gespürt (siehe Blog 23 vom 27. Februar). Sie hat ihre Ursache in vielen internen Prozessen, die Trainer und Spieler angestoßen haben. Wichtig war auch, dass sich die Mannschaft durch die Kritik nicht hat aus der Ruhe bringen lassen.

Grundsätzlich gehört es zum Beruf des Profifußballers, auch schwierige Phasen zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen. Bei den meisten Profis wächst im Laufe der Karriere die Widerstandskraft automatisch. Als junger Spieler schaust du noch täglich nach den Bewertungen. Auf dem Höhepunkt deiner Karriere interessieren dich die Beurteilungen nur noch am Rande. Gegen Ende deiner Laufbahn musst du dann wieder aufpassen, dass du nicht in den medialen Strudel gerätst und mit dem Lasso von der Bühne geholt wirst.

 PS: Interessant ist es auch, wie die Fans über bestimmte reißerische Geschichten denken. Auf fanorakel.de haben wir zu diesem Thema ein großes Special vorbereitet. Ist die Leistungsexplosion der Bayern auf die Schlagzeilen der letzten Wochen zurückzuführen? Hat der FC Bayern Recht, wenn er sich über den Gerüchte-Journalismus beklagt? Klickt Euch rein, ich bin gespannt auf Eure Meinung.

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Oliver Kahn

Der 86-fache Nationaltorhüter gewann mit dem FC Bayern München acht deutsche Meisterschaften, sechsmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. Zudem wurde Oliver Kahn dreimal als „Welttorhüter des Jahres“ ausgezeichnet. Auch nach dem Karriereende 2008 blieb der „Titan“ aktiv. Neben seinem BWL-Studium, und mittlerweile drei Buchveröffentlichungen, gründete er eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Und: Kahn rief das Meinungsportal fanorakel.de ins Leben. Die „Stimme der Fans“ steht auch im Mittelpunkt seiner wöchentlichen Kolumne für Yahoo! Eurosport.

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