Oliver Kahn

Spielphilosophie gegen Trainerverschleiß

Servus liebe Yahoo! Eurosport-User,

Ralf Rangnick hat sich öffentlich dazu bekannt, wegen eines Erschöpfungssyndroms seinem Trainer Job nicht mehr nachkommen zu können. Das verdient Respekt und zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, in allen gesellschaftlichen Bereichen offen mit dem Thema "Burnout" umzugehen. Ich bin bereits in einem früheren Blogbeitrag intensiv auf dieses Thema eingegangen

(siehe Blogeintrag "Burnout: Gefährdete Profifußballer?).

Dass ein Bundesligatrainer eine große Stressresistenz benötigt, zeigt das Beispiel des Hamburger Sport-Vereins. Mit Michael Oennings Entlassung hat der HSV in den letzten acht Jahren neun Trainer verschlissen. Die mit diesen häufigen Trainerwechseln verbundenen unterschiedlichen, mitunter auch gegensätzlichen Auffassungen der jeweils aufeinanderfolgenden Cheftrainer stellen die Spieler immer wieder vor erhebliche Schwierigkeiten, da diese sich permanent auf neue Vorstellungen und Ideen der jeweiligen Trainer einstellen müssen. Ganz zu schweigen von den immensen Kosten und dem ständig wechselnden Spielerpersonal, die so eine Trainerrotation versursacht.

Die Entwicklung einer Mannschaft setzt eine gewisse Kontinuität auf der Trainerposition voraus. Mannschaften wie Manchester United, Arsenal London, FC Barcelona und der SV Werder Bremen zeigen beispielhaft, dass die Umsetzung einer bestimmten Spielphilosophie nur möglich ist, wenn dem Trainer das Vertrauen und die nötige Zeit dafür gegeben wird.

In diesem Zusammenhang wird dann häufig das Killerargument "kurzfristiger Erfolg" bemüht, der im Profifußball über allem steht. Es fehle die Zeit für langfristige Entwicklungen und man könne sich eigentlich keine Übergangsjahre leisten. Das stimmt sicherlich zum Teil.

Es ist für die Führung eines Vereins keine einfache Aufgabe und setzt viel sportliche Kompetenz voraus, das Tagesgeschäft erfolgreich zu gestalten und darüber hinaus durch die Entwicklung einer Spielphilosophie den langfristigen Erfolg des Vereins zu stabilisieren.

Finke macht es vor

Eine Spielphilosophie definiert die festgelegten Spielprinzipien (taktisch und spielerisch) der unterschiedlichen Positionen in einer Mannschaft und gibt somit den roten Faden sowie die Richtlinien und Leitplanken vor, an denen sich die Spieler orientieren können. Die Orientierung an einer Spielphilosophie bietet zudem den Vorteil, eine Abhängigkeit der Spielerkaderplanung von den individuellen Vorstellungen unterschiedlicher Trainer zu vermeiden. Der Trainer bildet das Fundament der generierten Vereinsphilosophie. Und wenn dieser Trainer aus dem Amt scheiden sollte, macht es Sinn, einen Nachfolger zu finden, dessen Anforderungsprofil sich an der Vereinsphilosophie ausrichtet.

Beeindruckend fand ich es deshalb, als Kölns Sportdirektor Volker Finke vor einigen Tagen sagte, er sei trotz schwachem Saisonstart von Stale Solbakkens Philosophie überzeugt und der Neu-Trainer hätte in jedem Fall 68 Spiele, also zwei Jahre Zeit, diese an die Mannschaft heran zu bringen. Ich hoffe, dass er Wort hält und der FC Köln dem Norweger auch wirklich diese Zeit lässt. Das ist ein vielversprechender Ansatz und der erste Schritt hin zu einer klaren sportlichen Ausrichtung des gesamten Vereins!

Euer Oliver Kahn

Noch was: Auf fanorakel.de haben wir eine große Umfrage zum Thema "Vereinsphilosophien" vorbereitet. In welchem Bundesliga-Club wird eine Philosophie gelebt und wo wird sie nur propagiert? Klickt Euch rein und votet mit! Ich bin gespannt auf Eure Meinung!

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Oliver Kahn

Der 86-fache Nationaltorhüter gewann mit dem FC Bayern München acht deutsche Meisterschaften, sechsmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. Zudem wurde Oliver Kahn dreimal als „Welttorhüter des Jahres“ ausgezeichnet. Auch nach dem Karriereende 2008 blieb der „Titan“ aktiv. Neben seinem BWL-Studium, und mittlerweile drei Buchveröffentlichungen, gründete er eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Und: Kahn rief das Meinungsportal fanorakel.de ins Leben. Die „Stimme der Fans“ steht auch im Mittelpunkt seiner wöchentlichen Kolumne für Yahoo! Eurosport.

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