Oliver Kahn

Ballack verkennt die Zeichen der Zeit

Michael Ballack: In der Karriere-Sackgasse?Michael Ballack: In der Karriere-Sackgasse?

Servus liebe Yahoo! Eurosport-User,

das Thema Michael Ballack spaltet die Fußball-Szene. Im Kern geht es um die Frage, ob ein Star wie Ballack, der vier Mal Deutscher Meister geworden ist, in Leverkusen Erster unter Gleichen ist, oder ob er sich, wie jeder andere auch, tagtäglich im Training für einen Platz in der Startelf beweisen muss.

Ballacks Trainer in Leverkusen, zuerst Jupp Heynckes, jetzt Robin Dutt, wollten ihm diese Sonderrolle nicht zubilligen. Ballack reagierte verärgert, woraus er keinen Hehl machte. Der Streit eskalierte, offenbar haben die Beteiligten über Monate keine Lösung gefunden, jetzt ist der Schaden groß.

Wird Ballack zum Opfer seiner selbst?

Dabei wäre der Konflikt vermeidbar gewesen. Denn exakt das gleiche Dilemma hat Ballack bereits in der Nationalmannschaft erlebt. Auch dort wollte er nach seinen beiden Verletzungen im Mai und im September 2010 nicht einsehen, dass er verzichtbar geworden ist. Wenn sich Ballack jetzt bei Bayer in einer vergleichbaren Situation wieder uneinsichtig zeigt, dann muss man fragen, ob er falsch beraten wird und die Zeichen der Zeit nicht erkennen will oder kann.

Der mittlerweile 35-jährige Ballack hätte bei umsichtiger Analyse seiner Situation erkennen müssen, dass er den Machtkampf mit dem Club nicht gewinnen kann. Ein frühzeitiger, ehrenvoller Rückzug oder ein souveräner Umgang mit der Reservistenrolle wäre für Ballack die intelligentere Lösung gewesen. Irgendwann gilt es zu begreifen, dass die alten Mechanismen nicht mehr funktionieren und es gilt, die Zeichen der Zeit richtig zu erkennen. Auch wenn es persönlich sehr schwer fällt. Sonst wird Ballack zum Opfer seiner selbst, der die Fehler immer nur bei anderen sucht.

Bundesliga - eine große surreale Illusion

Grundsätzlich ist es für die allermeisten Profis sehr schwer, sich mit dem Gedanken ans Karriere-Ende anzufreunden. Der Profifußballer lebt in einer ziemlich abgeschotteten Welt. Es gibt feste Abläufe, Regeln und klare Ziele - das macht das Leben übersichtlich.
Wer Glück mit seiner Gesundheit hat, lebt 10, 15 Jahre in dieser Maschinerie Bundesliga, die ein Sportwissenschaftler richtigerweise als "totale Institution" bezeichnet hat. Dazu kommt, dass die Bundesliga ein Traum ist, der auch die Leute blenden kann, die in ihr leben.

Das Geld, der Ruhm, die Titel - das alles klingt wahnsinnig verlockend und fühlt sich mitunter auch äußerst gut an. Bei nüchterner Betrachtung stellt man aber schnell fest, dass das System Bundesliga eine große surreale Illusion ist, in der jeder wie in einem Kokon eingesponnen ist. Wer seine Leistung nicht bringt oder wer seine Karriere beendet, wird ganz schnell wieder ausgespuckt und landet in der Realität. Dort, wo sie dir früher zugejubelt haben, sind jetzt andere die Helden. Der Sportler ist im Grunde nichts anderes als ein kommerzielles Produkt, austauschbar, auf dem Platz genauso wie in den Medien. Das ist kein Drama, man muss es aber wissen, weil dieses Schicksal letztlich jeden Sportler ereilt.

Aus Anerkennung und Respekt wird schnell Häme

Die Frage, was nach dem Sport kommt, ist deshalb unbequem. Übrigens auch finanziell. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass nur zehn Prozent der Profis am Ende ihrer Laufbahn finanziell ausgesorgt haben. Die Spielergewerkschaft VdV schätzt sogar, dass "20 bis 25 Prozent der Spieler nach der Karriere pleite oder überschuldet" sind. Wer nach seiner Laufbahn nicht im Dschungelcamp, bei irgendwelchen daily soaps landen will, oder sinnentleert über rote Teppiche laufen möchte, muss versuchen sich auf anderen Ebenen weiterzuentwickeln. Gerade das Schaffen von Perspektiven ist grundlegend wichtig.

Auch wer finanziell ausgesorgt hat, dem wird ohne neue Herausforderungen schnell langweilig. Wo sind meine Talente und Interessen auch außerhalb des Sports? Wie kann ich meine vergangenen Verdienste jetzt außerhalb des Platzes sinnvoll zur Geltung bringen und neue Dinge bewegen? Auf diese Frage braucht ein Profi Antworten, je früher desto besser. Ansonsten erwächst aus der bisherigen Anerkennung weder Respekt noch Perspektive, sondern oftmals nur Mitleid und Häme. Die Titel und Verdienste verblassen schnell und Ex-Spieler mit großen Karrieren versinken in der Bedeutungslosigkeit. Aus einstigen Fußball-Helden werden tragische Figuren.

Ballack sollte über seinen Schatten springen

Erst die Nationalelf, jetzt Leverkusen: Ein großer Spieler wie Michael Ballack sollte nicht mit zwei total verkorksten Beziehungen abtreten. Es wäre wünschenswert, wenn alle Beteiligten - und vor allem er selbst - über ihren Schatten springen und Ballack den Abschied bescheren würden, den er verdient.

Auf fanorakel.de läuft zurzeit ein großes Voting-Special zu Michael Ballack - mit deutlichen Aussagen. So meinen etwa 80 Prozent, dass Ballack den richtigen Zeitpunkt für das Karriere-Ende verpasst hat. Zwei Drittel der User, dass das Theater der letzten Wochen eher Ballack als Leverkusen geschadet habe. Das Voting mit mehr als einem Dutzend Fragen läuft noch, klick Dich rein. Ich bin gespannt auf Deine Meinung.

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Oliver Kahn

Der 86-fache Nationaltorhüter gewann mit dem FC Bayern München acht deutsche Meisterschaften, sechsmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. Zudem wurde Oliver Kahn dreimal als „Welttorhüter des Jahres“ ausgezeichnet. Auch nach dem Karriereende 2008 blieb der „Titan“ aktiv. Neben seinem BWL-Studium, und mittlerweile drei Buchveröffentlichungen, gründete er eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Und: Kahn rief das Meinungsportal fanorakel.de ins Leben. Die „Stimme der Fans“ steht auch im Mittelpunkt seiner wöchentlichen Kolumne für Yahoo! Eurosport.

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