Oliver Kahn

Absturz des Überraschungsmeisters

Hallo Yahoo-Eurosport-User,

2008 landete der Überraschungsmeister Stuttgart nur auf Platz sechs. 2010 landete der Überraschungsmeister Wolfsburg nur auf Platz acht. Und aktuell? Liegt Überraschungsmeister Dortmund nur auf Platz elf. Zufall? Ich glaube nicht!

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum das zweite Jahr fast zwangsläufig von Schwierigkeiten begleitet wird.

Am Beispiel von Mario Götze oder Kevin Großkreutz kann man das zurzeit ganz gut erkennen. Die beiden haben eine Saison hinter sich, die perfekt gelaufen ist. Fast ein ganzes Jahr lang ist durch die Adern der Dortmunder Spieler Adrenalin pur gerauscht. Auf einen solchen Rausch folgt bedauerlicherweise aber meist ein gewaltiger Kater - im Kopf und in den Beinen. Es ist nahezu ausgeschlossen, denselben Enthusiasmus weiterzuleben und den Adrenalinrausch aufrecht zu erhalten. Genau darunter leiden viele Überraschungsmeister.

Mit dem Erfolg wächst Druck und Anspruch der "Außenwelt" immer stärker. Und das spüren die Spieler überall, in ihrem privaten Umfeld, bei den euphorischen Fans (gerade in Dortmund) und am gestiegenen Medieninteresse. Dass dies auf Kosten der Leichtigkeit, der Unbekümmertheit geht, verwundert nicht.

Alles, was in der vergangenen Saison überragend war, wird mehr und mehr als Normalität betrachtet. Es zeigt sich dann auch, wer in der Meistersaison über seine Verhältnisse gespielt hat.

Dazu kommt Fluch und Segen der Champions League. Es ist weniger die körperliche Doppel-Belastung, die die Königsklasse zum Problem werden lässt. Es ist vielmehr der riesige sportliche Reiz des Wettbewerbs, der so verführerisch und deshalb so tückisch sein kann. Im letzten Jahr war für die junge BVB-Mannschaft noch jedes Bundesligaspiel ein Ereignis, jetzt überstrahlen die Duelle mit Arsenal & Co den Ligaalltag. Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung. Auch wenn man es sich nicht eingestehen will, die große Bühne Champions League lässt das Rauschgefühl eher wieder aufleben, als die Bundesliga.

Es ist deshalb kein Wunder, dass Mario Götze in der Liga weniger zu glänzen weiß als in der Nationalmannschaft und der Champions League. Bleibt die Frage, welche Möglichkeiten der Club hat, um diese Probleme zu lösen.

Eine Option wäre gewesen, sich im Sommer mit neuen Spielern zu verstärken, die den Konkurrenzkampf in der Mannschaft entfachen. Der BVB hat größtenteils darauf verzichtet. Das muss nicht falsch sein. Es ist ein Vertrauensbeweis für die junge Mannschaft. Gut möglich, dass Götze & Co. dieses Vertrauen mit engagierter Leistung zurückzahlen.

Vielleicht erweist sich die unglückliche 1:2-Niederlage in Hannover als heilsamer Schock. Die Spieler müssten spätestens jetzt wissen, dass man sich vom Erfolg des letzten Jahres nichts mehr kaufen kann und dass man sich alles wieder neu und hart erarbeiten muss. Viele im Dortmunder Umfeld vermissen ja zurzeit die Leichtigkeit im Spiel. Diese wird erst nach mehreren Erfolgserlebnissen zurückkommen.

Euer Oliver Kahn
 
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Oliver Kahn

Der 86-fache Nationaltorhüter gewann mit dem FC Bayern München acht deutsche Meisterschaften, sechsmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. Zudem wurde Oliver Kahn dreimal als „Welttorhüter des Jahres“ ausgezeichnet. Auch nach dem Karriereende 2008 blieb der „Titan“ aktiv. Neben seinem BWL-Studium, und mittlerweile drei Buchveröffentlichungen, gründete er eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Und: Kahn rief das Meinungsportal fanorakel.de ins Leben. Die „Stimme der Fans“ steht auch im Mittelpunkt seiner wöchentlichen Kolumne für Yahoo! Eurosport.

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