Jan Ullrich

Warum noch schwerer und steiler?!

Liebe Radsport-Fans,

die Saison 2013 ist bereits in vollem Gange und verspricht höchste Spannung für die kommenden Monate. Auf den ersten kleinen Frühjahrs-Rundfahrten konnte man bereits die ersten Schlagabtausche der großen Tour-Favoriten beobachten und mit dem auch für mich überraschenden Sieg von Gerald Ciolek beim ersten Klassiker Mailand-San Remo beginnt das Radsportjahr mit einem richtigen Paukenschlag für alle deutschen Fans. Fantastisch, was dieser Kerl bei extrem schwierigen Bedingungen insbesondere im Finale des Rennens gegen herausragende Fahrer wie Peter Sagan oder Fabian Cancellara geleistet hat. Etwas traurig stimmte mich, dass dieser Riesenerfolg in den deutschen Medien kaum gewürdigt wurde.

Bevor ich aber im kommenden Blog auf das nächste große Highlight, die Flandern-Rundfahrt, eingehen werde, möchte ich die Geschehnisse der vergangenen Monate einordnen.

Jeder kann sich selber ein Bild machen, was in der Vergangenheit im Radsport passiert ist und auch ich habe meinen Teil dazu beigetragen. Lance Armstrong und viele andere haben ihre Vergangenheit in TV-Interviews dargelegt, da das für sie persönlich offensichtlich der richtige Weg war. Über die Beweggründe kann ich nur spekulieren. Ich für meinen Teil bin nach meiner sportrechtlichen Verurteilung einen Weg gegangen, den nicht alle verstehen, der für mich persönlich aber richtig ist. Meine aktive Radsport-Karriere liegt schon fast zehn Jahre zurück, für meine Familie und mich zählt nur noch die Zukunft. Ich stehe damals wie heute, in erfolgreichen Tagen wie in schwierigen Zeiten, in der Öffentlichkeit. Aber mein Weg ist es dennoch, die Sache mit mir selber zu vereinbaren, anstatt womöglich die Menschen und Förderer, die mich in meiner aktiven Zeit unterstützt haben, mit hineinzuziehen.

Meiner Meinung nach sollte der gesamte Radsport wieder mehr in die Zukunft blicken. Die jetzige Generation um Tony Martin und Gerald Ciolek hat es erstens nicht verdient, dass nur über die Vergangenheit gesprochen wird und zweitens schadet es ihr umso mehr, wenn immer wieder neue Geschichten ehemaliger, längst aus dem Geschäft ausgestiegener Rennfahrer auf den Tisch kommen. Ich kenne die Jungs wie Gerald oder Tony persönlich und ich kann nur sagen: Hut ab vor ihren Leistungen - ich vertraue ihnen und das sollten die Fans auch tun. Unsere junge Generation hat eine faire Chance verdient!

Ich kann nur für den Radsport sprechen. Mein langjähriger Freund Andreas Klöden berichtet mir wöchentlich in welchem Ausmaße heute Fahrer kontrolliert werden. Da ist der Radsport, soweit ich das von außen betrachten kann, unter allen Sportarten absolut führend. Tennis zum Beispiel, führt erst in diesem Jahr Blutkontrollen ein.

Anforderungen steigen von Jahr zu Jahr

Ich habe nur meine Bedenken zu der Rolle der Rennveranstalter und stelle die Frage in den Raum ist hier die Entwicklung richtig? Die Tour feiert ihr 100-Jähriges und lässt Alpe d’Huez gleich zweimal am Tag fahren. Der Giro, schon immer im Schatten der Tour de France und natürlich "eifersüchtig" auf die Werbeeinnahmen der Kollegen der ASO, steigert von Jahr zu Jahr die Zahl der Bergetappen. Die Zahl der Flachetappen kann man an einer Hand abzählen.

Gleiches gilt für die Vuelta. Bei Tirreno-Adriatico, was ich natürlich auch persönlich bei der Live-Übertragung auf Eurosport spannend empfand, musste das Peloton Steigungen von fast 30 Prozent bewältigen. Es bleibt abzuwarten, wie diese Entwicklung fortgesetzt wird.

Auf jeden Fall bin ich nach wie vor ein glühender Radsportfan und freue mich sehr auf die nächsten spannenden Rennen, so wie viele Millionen Fans auf der ganzen Welt.

Euer Jan Ullrich

Mehr Blog-Posts von Jan Ullrich

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen