Felix Neureuther

Die Macken vor dem Start

Je weniger Platz, desto mehr Spaß oder Anspannung - je nach Starter-TypJe weniger Platz, desto mehr Spaß oder Anspannung - je nach Starter-Typ

Hallo liebe Skifreunde!

Ich melde mich aus Vail, Colorado, USA. Bei mir läuft es endlich wieder besser. Der Rücken zwickt zwar noch gelegentlich, aber im Großen und Ganzen lässt er mich ganz ordentlich trainieren. Und das geht hier in den Rockies wieder mal extrem gut. Tiptop Verhältnisse, Sonne, Schnee und super Pisten... Aber ich will Euch den Mund nicht zu wässrig machen — obwohl ich im Netz gesehen habe, dass Ende der Woche auch bei uns zuhause der Winter kommen soll. Ich hoffe es, denn mit Schnee schaut die Welt sehr viel besser aus.

Zuerst möchte ich unseren Abfahrern einen Glückwunsch aussprechen!!!

Tobias Stechert (bekennender BVB-Fan) ist sensationeller Fünfter in der Abfahrt von Lake Louise geworden. Ich glaube das hat es noch nie gegeben, dass ein Dortmund-Fan in einer Skiabfahrt so eine überragende Vorstellung abgegeben hat. Aber ernsthaft: Ich freu mich riesig für den Tobi, denn er hat es absolut verdient, nach so vielen Verletzungen und geschätzten 15 Vollnarkosen den Durchbruch zu schaffen! Er hat das Talent, den Willen und auch die körperlichen Voraussetzungen, uns in den nächsten Jahren noch sehr viel Freude zu bereiten! Darauf freue ich mich jetzt schon!!!

Während der letzten Tage ist mir die Idee gekommen, mit Euch einen Blick hinter die Kulissen des Rennalltags zu werfen. Da gibt es ein paar recht kuriose Geschichten — vor allem bei der direkten Startvorbereitung. Wir Rennfahrer sind da sehr eigen und lassen uns in vier Grundtypen vielen Variationen und Mischformen einteilen:

Die Abergläubischen...

…sind am lustigsten zu beobachten, weil sie Gewohnheiten an den Tag legen, die zum Teil wirklich sehr seltsam wirken. Bereits Tage vor dem Rennen sind sie in ihrer ganz eigenen Welt unterwegs. Vor dem Start zeigen sie dann ihr gesamtes Repertoire: Sie klappern mit den Skischuhschnallen, stampfen auf den Boden, haben riesige Kopfhörer über dem Helm gestülpt und wiederholen immer wieder exakt die gleichen Bewegungen. Ansprechbar sind sie längst nicht mehr, und wenn man es doch einmal wagen sollte, wird man mit Verachtung gestraft oder bekommt maximal einen sehr bösen Blick zugeworfen. Trotzdem respektiert man dieses Verhalten natürlich, denn man kennt sich ja und weiß: Nach dem Rennen sind die Jungs wieder wie ausgewechselt.

Die Konzentrierten...

…sind mindestens dreißig Minuten vor Rennstart im Warmup-Bereich. Hier gehen sie gefühlte tausendmal den Lauf im Kopf durch und simulieren dabei mit den Händen die Fahrten. Sie wollen absolut nichts dem Zufall überlassen und beschäftigen sich ausschließlich mit sich selbst. Sie stehen daher eher etwas abseits der Gruppe und machen ihre Aufwärmübungen in aller Ruhe. Sie sprechen dabei nur das Nötigste - und das auch nur mit einem Betreuer ihres Vertrauens.

Die Hyperaktiven...

…singen am Start, erzählen Witze und haben meist irgendeinen Blödsinn im Kopf. Sie bringen es fertig und drücken dir am liebsten noch eine Minute vor deinem eigenen Start eine Story rein. Etwa, dass sie eine Pizza Diavolo gefrühstückt haben oder sonst irgendeine Nebensächlichkeit. Ziel ist es, die Konzentration der anderen ein bisschen durcheinander zu bringen. Die Abergläubischen und Konzentrierten gehen den Hyperaktiven daher unter allen Umständen aus dem Weg!

Die Entspannten...

…kann nichts aus der Ruhe bringen. ABSOLUT NICHTS! Sie kommen erst kurz vor dem Start und lassen sich von keinem noch so schiefen Gesang oder Skischuhschnallengeklappere ablenken. Sie sind total relaxt und summen auch mal ein Lied mit, dass gerade jemand zu singen angefangen hat.

Besonders spannend sind die Rennen, bei denen sich aufgrund des beschränkten Platzes alle ganz nahe und damit in die Quere kommen. In Zagreb ist es beispielsweise recht eng im Startbereich. Dann kann es, je nachdem welche Fraktion in der Mehrheit ist, entweder sehr lustig zugehen oder aber der Ton sehr rau werden. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, live vor Ort zu sein, dann schaut mal rauf zum Start — es lohnt sich garantiert.

Ich werde mich jetzt ganz entspannt auf meinen Start im Riesenslalom von Beaver Creek vorbereiten. Für das Rennen habe ich ein gutes Gefühl. Das Setup passt und die Trainings hier haben mir höllisch Spaß gemacht. Ich bleibe also ruhig, falle niemandem auf die Nerven. Gut, vielleicht fällt mir eine banale Geschichte ein, die ich Ted erzählen könnte, bevor er seine zum Besten gibt...

In diesem Sinne, drückt mir die Daumen und bleibt locker!

Eurer Felix

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