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Twitter-Tiraden: Rüpel Barton vs. Didi Hamann

In der Premier League hat Twitter einen ganz anderen Stellenwert als im deutschen Fußball. Da gibt Waynes Ehefrau Coleen Rooney ganz selbstverständlich via Twitter bekannt, dass sie wieder schwanger ist. Manchester-United-Routinier Rio Ferdinand kassiert eine Geldstrafe, weil er seinem Chelsea-Intimfeind Ashley Cole vorwirft, nicht zu seiner schwarzen Hautfarbe zu stehen ("choc-ice") . Und Ex-Stürmer-Star und Geschäftsmann Michael Owen (inzwischen bei Stoke City) zwitschert oft über Belanglosigkeiten wie ein gewonnenes Hockeyspiel seiner Kids.

Peinliches Beleidigungs-Ping-Pong

Bei 2002-Vizeweltmeister Dietmar Hamann kann man sich ernsthaft fragen, ob er unter Langeweile leidet - derart viele ungefragte 140-Zeichen-Kommentare gibt "The Kaiser", wie sie ihn immer noch respektvoll auf der Insel nennen, zu sämtlichen Fußball-Partien, zum Cricket oder sonst was für Sportereignissen ab. Und am Montagabend ließ sich der 39 Jahre alte Champions-League-Gewinner mit dem FC Liverpool auf ein erstaunlich wüstes Twitter-Beleidigungs-Ping-Pong mit Fremdschäm-Garantie ein - mit dem berüchtigsten englischen Fußball-Rüpel der Gegenwart: Joey Barton. Dabei fielen so Sätze von Barton wie: "Ich kremple die Ärmel hoch und schufte, Junge. Und zocke nicht Online-Poker und rauche Tüten in der Nacht vor dem Spiel. Ich würde dich nicht mal eine Tierhandlung managen lassen." Er warf Hamann an den Kopf: "Dein Leben ist ein Autounfall!" Oder auch: "Hasse mich nicht, nur weil du so abgefuckt bist."

Dazu muss man wissen, dass der Mittelfeld-Kämpfer Joseph Barton von Olympique Marseille, der schon insgesamt 77 Tage im Gefängnis saß, einst auf einer Vereinsweihnachtsfeier von Manchester City einem Nachwuchsspieler eine Zigarette ins Auge drückte, FC-Everton-Fans auf dem Feld schon mal seinen blanken Hintern entgegenstreckte, einen Mitspieler im Training krankenhausreif prügelte und die Premier League in der Vorsaison mit einer 12-Spiele-Rekord-Sperre verließ, weil er im Trikot der Queens Park Rangers gleich drei (!) ManCity-Profis tätlich angegriffen hatte - ein Ellbogencheck gegen Carlos Tévez, eine Knie-Attacke von hinten gegen Sergio Agüero und ein versuchter Kopfstoß gegen Vincent Kompany.

Es ist also quasi ein Kompliment, mit diesem Kerl nicht befreundet zu sein. Das muss man Hamann lassen. Aber sich zu so einem öffentlichen Kindergarten-Schlagabtausch verleiten zu lassen? Ist das nicht ein bisschen tragisch?

"Du englischer Nationalspieler"

Hamann war darauf eingestiegen, dass Barton gelästert hatte, dass Newcastle United - einer ihrer gemeinsamen Ex-Vereine - nicht in der Lage gewesen sei, Loic Rémy von Marseille zu verpflichten, der nun stattdessen bei Schlusslicht Queens Park Rangers unterschrieben haben soll: "Tu dir selber einen Gefallen und halte dich aus Transferfragen raus. QPR und NUFC haben dich fürs Fußball spielen bezahlt, nicht um die Transferpolitik zu kommentieren", zwitscherte Hamann. Und so nahmen die Tiraden ihren Lauf - in unzähligen Tweets im Minuten-Takt.

Barton giftete zurück: "Versuch nicht, mir hier Prügel zu versetzten, du unverschämter Kerl. Bring zuerst dein eigenes Leben in Ordnung. #leuteimglashaus". Und der 30-Jährige schoss sich gleich auf Hamanns Probleme mit Online-Sportwetten und Alkohol ein, die der frühere Mittelfeld-Stratege im Vorjahr in seinem Buch "The Didi Man. My Love Affair with Liverpool" öffentlich gemacht hatte.

"Nur weil du dir gerade die Eier abarbeitest, um einen neuen Job zu bekommen, jetzt wo du pleite bist. Sei nicht so selbstgerecht, du Trottel. Ich kenne dich", wütete Barton und steigerte sich gerade zu in einem Beleidigungsexzess hinein: "Du warst ein guter Spieler. Du hast mehr gewonnen als ich, ok. Das war auf dem Fußballplatz, Junge."

Hamann konterte: "Mein Leben war in Ordnung, lange bevor deines es war." Er hielt ihm entgegen: "Das Problem ist, dass du denkst, nur weil du in Frankreich spielst, seist du ein Spieler auf internationalem Niveau #weitdavonentfernt". In der Folge nennt er ihn noch "Du englischer Nationalspieler" - in spöttischen Gänsefüßchen, weil Barton einst 2007 mal 12 Minuten für die englische Nationalmannschaft auflief.

Und Hamann rechtfertigt sich: "Ich liebe ein gutes Pint, aber ich habe in meinem Leben nie Drogen genommen. Sei vorsichtig, was du sagst, englischer Nationalspieler. #nichtwütendwerdenjoseph."

Klagt Hamann etwa?

Doch Barton ist da längst wütend und leistet sich Bösartigkeiten unter der Gürtellinie: "Hast deine Kohle verkokst und verzockt. Was für eine Verschwendung. Hast dir ne Jüngere an Land gezogen und Frau und Kinder verlassen. Tragisch. Jetzt mach ein Tourette-Gesicht." Er echauffiert sich: "Ich habe es satt, dass sich abgehalfterte Ex-Profis, die ihr ganzes Geld verprasst haben, groß aufspielen. Mit Medaillen kannst du nicht die Schulgebühren deiner Kinder zahlen."

Aber auch Hamann kann nicht aufhören und kartet noch einmal nach: "Die Medaillen sichern mir nicht den Respekt meiner Kinder, aber ich bin auch nicht bereit, einem Kind bei McDonald's ins Gesicht zu schlagen, damit es mir Respekt entgegen bringt." Damit erinnerte er daran, dass Barton im Dezember 2007 auch schon mal jemanden in einem Fast-Food-Restaurant verprügelt hat.

Am Ende befasste sich mit diesem denkwürdigen Tiraden-Twitter-Gewitter am Dienstag sogar der seriöse "Guardian": "Sie waren einmal Teamkameraden bei Manchester City, aber jetzt sind Joey Barton und Dietmar Hamann Twitter-Feinde geworden - nach einem langen, bösartigen und bisweilen urkomischen Schlagabtausch des Paares", fasste die Zeitung zusammen.

Barton gilt als enorm aufbrausend, aber nicht nachtragend. Und so gab er sich tags darauf reumütig: "Ich habe eine Nacht darüber geschlafen. Ich habe kein Recht dazu, einen Mann infrage zu stellen, den ich kaum kenne. Ich muss mich deshalb entschuldigen für meinen Part in dem hitzigen Austausch vergangene Nacht." Hamann dagegen, der die meisten seiner Tweets schnell gelöscht hat, erwägt laut "Daily Mirror" nun, Barton wegen der persönlichen Beleidigungen zu verklagen.

Inga Radel

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