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Mourinho vs. Ferguson: Eine Wein-Freundschaft

Cristiano Ronaldo findet den Vergleich zwischen Sir Alex Ferguson und José Mourinho unfair. "Das ist, als würde man einen Ferrari mit einem Porsche vergleichen", meinte Real Madrids Megastar kürzlich. So wie "CR7" dem ersten Wiedersehen mit seinem Ex-Coach Ferguson und Ex-Club Manchester United entgegenfiebert, so hüpfen die Herzen von Millionen Fußball-Fans weltweit höher vor dem Champions-League-Giganten-Treffen am Mittwochabend (ab 20:45 Uhr im Liveticker auf eurosport.yahoo.de) im Estádio Santiago Bernabéu von Madrid.

"Das ist das Spiel, auf das die Welt wartet", trompetet Mourinho in seiner unbescheidenen Art heraus. "Also hoffe ich, dass wir der Welt den Fußball schenken können, auf den sie wartet." Und es gibt einmal mehr die packende Rivalität dieser eigenwilligen Trainer-Ikonen, diese beiden für ihre "Psychospielchen" berüchtigten obsessiven Siegertypen, und sich ungemein mögen: In guter alter Tradition wollen "Mou" und "Fergie" im Anschluss an die beiden Achtelfinal-Begegnungen wieder einen guten Rotwein zusammen trinken.

Dabei schien ihr erstes Aufeinandertreffen vor neun Jahren - ebenfalls im Champions-League-Achtelfinale - eher wie der Beginn einer langen Feindschaft. Nach der 1:2-Hinspiel-Niederlage beim FC Porto im Estádio do Dragão kochte Ferguson, hielt Mourinho mahnend den Finger ins Gesicht und warf den Portugiesen Theatralik vor. Die Legende, dass er ihm den Handschlag verweigerte, stimmt aber nicht. Nach dem Rückspiel in Old Trafford (1:1) rutschte Trainer-Jungstar Mourinho provokant jubelnd auf seinen Knien auf das Spielfeld.

Plötzlich klopfte es an der Kabinentür

In der Porto-Kabine wurde wild weitergefeiert und plötzlich klopfte es an der Tür: Ferguson und Gary Neville. Es wurde still, aber sie wollten nur gratulieren. Neville schüttelte die Hand jedes Gegenspielers und Ferguson lud Mourinho warmherzig ein, ihm auf ein Glas Wein Gesellschaft zu leisten. So nahmen diese Gespräche bei einem guten "Roten" ihren Anfang - angeblich zogen sie das nach all ihren Duellen in der Premier League durch. Nach dem ersten Wein, den Mourinho mitbrachte, moserte Ferguson über einen Geschmack wie "Abbeizmittel".

Ferguson ist echter Weinkenner, der Schotte hortet Weine im Wert von weit über 100 000 Euro in seinem Weinkeller. Und Mourinho war das eine Lehre. Beim nächsten Mal hatte er eine 300 Pfund teure Edel-Flasche portugiesischen Wein im Gepäck. Nur als Real Madrid kürzlich bei Uniteds verhasstem Nachbarn Manchester City gastierte, da durchbrachen "The Special One" und Sir Alex mal ihre Wein-Tradition. Da trafen sie sich im Lowry Hotel in Manchester zu einer Tea Time.

Ferguson "der Boss der Bosse"

Mourinho nennt Ferguson hochachtungsvoll "the Boss". "The Boss" wird im englischen Fußball zwar fast jeder Premier-League-Trainer in seinem Club genannt - aber der 71-jährige Ferguson ist nun mal "der Boss der Bosse". Mourinho schwärmte gleich weiter über seine "fantastische Beziehung" zu "Fergie" , als er am Sonntagabend als Tribünengast in Old Trafford Uniteds 2:0 Liga-Erfolg gegen den FC Everton analysierte. Er sei stolz auf diese Freundschaft.

"Ich fühle mich deshalb privilegiert, weil er so eine wichtige Person in der Fußballwelt ist, und noch wichtiger: Er ist ein guter Mensch." Ferguson hatte sich nach Bekanntwerden der Auslosung ebenfalls mit reichlich Respekt und seinem verschlagenen schottischen Humor über Mourinho geäußert: "Er ist sehr intelligent, hat Charisma, die Spieler spielen für ihn und er ist ein gut aussehender Kerl." Für eine TV-Doku über "The Ego" Mourinho stand Ferguson bereitwillig Rede und Antwort und schilderte: "Wenn er in mein Büro kommt, kann er einen Witz über sich vertragen, das ist das, was ich an ihm mag. Ich mach mich über ihn lustig und er lacht sich kaputt."

Sir Alex bewundert "Mou"

Kürzlich im BBC-Interview ergänzte Ferguson noch, dass Mourinho ihm bei seinen berühmten "Mind Games" (Psychotricks) ebenbürtig sei. "Und er genießt diesen Part. Er ist brillant dabei. Das ist dieser bösartige Teil von ihm. Du weiß nie genau, was er im Schilde führt", so Ferguson, "aber so lange er mir weiterhin eine anständige Flasche Wein mitbringt, lasse ich ihm das durchgehen".

Wer der bessere ist, der gerissene Stratege Mourinho oder der Risiko-Freund und Ex-Stürmer Ferguson? Sir Alex hat als erfolgreichster Trainer der Welt in knapp 39 Jahren 48 Titel gesammelt. Er wies aber darauf hin, dass der 50-jährige Mourinho in zehn Trainerjahren schon 20 Trophäen eingeheimst habe und damit rechnerisch auf Kurs liege, ihn zu überflügeln. "Er ist ein gieriger Bastard", witzelte Ferguson. Mourinho gab die Komplimente zurück und will von einem nahenden Karriereende Fergies nichts hören. "Zehn Jahre" könne der 71-Jährige noch weitermachen: "Er wird besser und besser."

Bilanz spricht für Real

Wie sieht die Statistik zwischen beiden Trainer-Füchsen aus, die jeweils schon zwei Champions-League-Medaillen haben? Die spricht eher gegen Ferguson und United. Von den 14 Pflichtspielen gegen Mourinhos FC Porto, FC Chelsea und Inter Mailand hat er nur drei gewonnen (inklusive des Elfmeterschießens um den Community-Shield-Pokal 2007) und sechs verloren. Auch die Bilanz zwischen Real Madrid und Manchester United spricht eher für ein Weiterkommen der "Königlichen".

Bisher gab es acht Partien zwischen beiden Clubs, dreimal siegte Real, zweimal United, Real setzte sich in drei von vier Europapokal-Entscheidungen durch. Erstmals traf man im Halbfinale 1957 aufeinander, als Real um Alfredo di Stéfano sich gegen die Busby Babes durchsetze - und dann den Landesmeister-Titel holte.

Es ist eigentlich bitter, dass einen dieser Clubs das Achtelfinal-Aus ereilen wird. Vielleicht ist das schon das vorweggenommene Finale. Die beiden Trainer-Füchse ärgert das frühzeitige Aufeinandertreffen überhaupt nicht, wie sie versichern. Stattdessen: Vorfreude pur in beiden Vereinen. "Das ist eine riesige Herausforderung, es sind die zwei größten Clubs auf der Welt", meint Ferguson. Uniteds Innenverteidiger Jonny Evans nennt die Begegnung zwischen dem englischen und dem spanischen Rekordmeister das "Glamour-Duell der Champions League".

"Dankbar für die Auslosung"

Und Madrids Rechtsverteidiger Sergio Ramos schwärmt im "Observer"-Interview: "Ich war dankbar, dass wir gegen United ausgelost wurden. Sie sind vielleicht in der Premier League das, was Madrid in Spanien ist: die Werte, die Historie." Ramos' Vater ist ausgerechnet Fan der Red Devils. Jose María Ramos wird aber diesmal dem eigenen Sohn und den Blancos die Daumen drücken, schließlich will Real endlich den zehnten Landesmeister-Triumph. Und das am legendären Endspielort: "La Décima' in Wembley zu gewinnen, wäre das Maximum", sagt Sergio Ramos.

Auch Ferguson weiß, dass die "Königlichen" diesmal unbedingt den Titel in der "Königsklasse" holen wollen - zumal der spanische Meistertitel angesichts des 16-Punkte-Rückstands auf den Erzrivalen FC Barcelona abgehakt ist: "Also setzt José in diesem Jahr auf den Europa-Cup, kein Zweifel. Das macht es auf eine Art für uns härter, aber für sie auch."

Für Mourinho steht ungemein viel auf dem Spiel. Und trotzdem gab er sich in Uniteds vereinseigenem Sender MUTV am Sonntag betont locker: "Ich will gewinnen und er will gewinnen. Aber ich glaube, dass der Verlierer - während er ein bisschen traurig ist - auch ein bisschen Platz dafür haben wird, sich ein bisschen zu freuen, weil der Freund gewonnen hat." Ob das nicht auch etwas Show dabei ist? Andererseits klingt das schon fast so, als wolle da einer ein Bewerbungsschreiben für Fergusons Nachfolge abgeben. Darüber wird in den englischen Medien immer mal wieder gern spekuliert, zumal jetzt Pep Guardiola weg vom Trainermarkt ist. Ferguson könnte sich das durchaus vorstellen.

Charlton steht nicht auf Mourinho

Allerdings äußerte jüngst die United-Eminenz Bobby Charlton - der Inbegriff eines fairen Sportsmanns - Mourinho passe nicht als Erbe der großen Matt Busby und Alex Ferguson. "Er lobt sich für meinen Geschmack zu sehr“, schrieb Charlton im "Guardian". Über die Aktion, als der portugiesische Trouble-Maker Barças Tito Vilanova ins Auge stach, befand Sir Bobby: "Ein United-Trainer würde so etwas nicht tun." Auch Manchesters Keeper-Legende Peter Schmeichel erklärte: "Ich glaube nicht, dass der Club glücklich wäre mit all dem, was Mourinho mitbringt."

Falls Mourinho trotz der Vorbehalte in Old Trafford Fergusons Nachfolge antreten sollte, bringt er womöglich seinen Landsmann Ronaldo mit zurück. Das spekuliert zumindest der englische Boulevard. Tatsächlich hat Ronaldo, der sich in Madrid ja bisweilen ungeliebt fühlt, zuletzt in englischen Zeitungsinterviews regelrechte Flirt-Offensive mit seiner alten Liebe gestartet. Für ihn sei das erste Wiedersehen mit dem Ex-Club "ein Vergnügen, ein echtes Vergnügen", betonte der 28-Jährige jüngst in der "Sun". "Es ist nur ein Spiel, ein Fußballspiel gegen meinen alten Club. Ich ziehe nicht in den Krieg, ich komme nach Hause - und freue mich wirklich sehr darauf." Die Chancen seien "50:50".

"Eine emotionale Nacht"

Und er habe regen Kontakt nach Manchester: "Ich unterhalte mich noch mit recht vielen United-Spielern: Rio (Ferdinand), Patrice (Evra), Nani, Anderson. Die Jungs habe schon ihre Späße mit mir gemacht." Besonders freue er sich auf das Rückspiel am 5. März in Old Trafford. "Manchester war mein Zuhause und hat einen Platz in meinem Herzen. Ich liebe es. Wenn dich Menschen gut behandeln, vergisst du das nie." Abwehr-Routinier Ferdinand rechnet mit einer "emotionalen Nacht" für Ronaldo und meint mit einem Augenzwinkern: "Hoffentlich wird es zu emotional für ihn."

Ferguson hätte Ronaldo liebend gern zurück, den er für besser hält als die "Galácticos" Zinédine Zidane und Luís Figo. Was wäre das für ein Trio Infernale mit Ronaldo, Robin van Persie und Wayne Rooney?! Der Schotte hält eine Ronaldo-Rückkauf-Aktion allerdings für völlig unrealistisch. "Ihr sprecht da von hunderten Millionen - also kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das passieren wird. Außerdem ist er lebenswichtig für alles, was sie tun." Er witzelte, er hätte sich im Sommer 2009 nicht mit den 80 Millionen Pfund (94 Mio. Euro) für den Jungstar zufrieden geben sollen. "Ich hätte 150 Millionen Pfund verlangen sollen - und hätte sie wahrscheinlich bekommen."

Inga Radel

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