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Italiens Mann des Jahres

Platz zwei bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine: Italiens Nationalmannschaft hat sich im Sommer in die Herzen der Italiener gespielt. Pirlo, Balotelli, Cassano, Buffon - viele Spieler haben ihre Klasse unter Beweis gestellt. Ein Mann ragt aber heraus: Cesare Prandelli.

Der "commissario tecnico", in Italien CT genannt, ließ seine Mannschaft einen erfrischenden Fußball spielen, seine größte Leistung vollbrachte er aber mit Auftreten und Charisma. Hinter dieser Nationalmannschaft stecke "hauptsächlich das Gesicht eines normalen Mannes", schrieb die Tageszeitung "L’Unitá". "Prandelli hat das Gesicht eines perfekten Familienvaters. Seine ruhige und Vertrauen erweckende Stimme entgleist nie." Eine Ode an die Normalität.

Moral, Leidenschaft und Leistung

Prandellis Prinzipientreue ließ von Beginn an einen großen Mannschaftszusammenhalt entstehen. Nicht umsonst stellte er einen Ethikkodex auf, der Spieler zwischenzeitlich verbannt, wenn sie disziplinäre Entgleisungen offenbaren, und er wandte ihn bei allen an, auch wenn sie De Rossi oder Balotelli hießen und deren Fehlen das Team personell schwächte.

Moral, Leidenschaft und Leistung gehen bei Prandelli Hand in Hand, sie sind nicht voneinander zu trennen. "Wir repräsentieren alle Menschen, die uns mit Enthusiasmus verfolgen", sagte er während der EM. "Es ist wunderschön zu wissen, dass sich die Menschen wieder in uns verliebt haben."

Prandelli verkörpert diese Werte durch und durch. Als er vor Jahren einen Vertrag als Cheftrainer beim AS Rom unterschrieb, löste er ihn nach kurzer Zeit auf, um seine schwerkranke Ehefrau zu pflegen. Bei ihrem Begräbnis war halb Florenz auf den Beinen und nahm an Prandellis Trauer teil. Nicht, weil er ein bekannter, in der Öffentlichkeit stehender Mann war, sondern weil er mit seiner herzlichen und sanften Art die Herzen der Menschen erreicht hatte. Damals und heute.

Ein Vorbild für das Land

Für ihn war die Nationalmannschaft von Beginn an mehr als nur die Auswahl der besten Fußballer des Landes. Er setzt mit ihr Zeichen, rüttelt auf. Prandelli ließ sein Team auf einem Sportplatz in Kalabrien trainieren, der einst der mächtigen lokalen Mafia-Organisation 'Ndrangheta gehörte und mittlerweile ein Symbol für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen ist. Er besuchte mit seinen Spielern ein Gefängnis, unterstützte diverse Aktionen gegen Rassismus und regte im Zuge des Manipulationsskandals zum Nachdenken an, als er sagte, dass er mit seiner Mannschaft nicht zur EM reisen würde, falls das erwünscht sei.

Prandelli hat Gelassenheit und Normalität gebracht, deshalb ist er mehr als nur ein Nationaltrainer. "Prandellis Fußball kann dem Land als Vorbild dienen. Man kann auf die Normalität bauen, auf Vertrauen und Integration. Man muss es", hieß es in "L’Unitá". "Prandelli hat auf einfache und spontane Art und Weise eine tiefe, einzigartige Spur gezogen. Das ist ein wertvolles Erbe, das nicht vergeudet werden darf."

Christian Bernhard

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