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Das Missverständnis Marin

Wie bitte?! WOW! Waaaaaahnsinn: Marko Marin hat endlich sein Startelf-Debüt in der Premier League gegeben! "The forgotten Wunderkind", wie der Ex-Bremer schon vom englischen Boulevard genannt wurde, durfte nun tatsächlich am Mittwochabend erstmals in der Liga von Beginn an ran. Nun ja, das Ganze endete in einer denkwürdigen 0:1-Heimschmach im West-Londoner Derby gegen Tabellen-Schlusslicht Queens Park Rangers.

Es ist denkbar leicht dieser Tage, über den 16-fachen Nationalspieler Marin zu spotten, der - auch ohne entsprechende Leistung auf dem Platz - via Facebook einen Online-Store mit "MM"-Produkten eröffnet, als Twitter-Selbstbeschreibung angibt: "Dribbelkünstler, Flügelflitzer und deutscher Fußball-Nationalspieler - folgt mir, wenn ihr schnell genug seid", und zuletzt ein Foto seines getunten weißen Protz-Porsches postete. Fans rätselten bei Twitter schon als Running Gag über den Aufenthaltsort ihres Acht-Millionen-Phantom-Spielers: "Wird Marko Marin irgendwo als Geisel gehalten?", zwitscherte jüngst ein Anhänger. Und: Liebe Zeitung "Independent", was hat dich bitte geritten, vor der Saison einen "German Messi" anzukündigen?

Doch nun - endlich, endlich - feierte der 23-Jährige seine Premier-League-Startelf-Premiere. Zum zweiten Mal stand er in der Anfangsformation der Blues (zuvor im Ligapokal gegen Leeds United) - und er stockte sein Liga-Einsatzminuten-Konto auf 82 auf. Denn 60 Minuten kamen am Mittwoch dazu, ehe er ausgewechselt wurde und dabei mit respektablem Applaus an der Stamford Bridge verabschiedet wurde. Man muss klar sagen: An ihm lag es nicht, dass Chelsea sich gegen den kleinen Nachbarn, der nur vier Kilometer entfernt sein Stadion hat, so blamierte. Das Gegentor fiel erst in der 78. Minute - und Marin hatte in einer schwachen Chelsea-Elf noch zu den Besten gehört. Er durfte die meisten Ecken treten, deutete an, wie pfeilschnell er sein kann und setzte einige gute Akzente in der Offensive - wie seine maßgerechte, scharfe Hereingabe in der 48. Minute, die sein Teamkollege Victor Moses nur noch über die Torlinie hätte stolpern müssen.

"Brutalo Foul" nach 185 Sekunden

Andererseits hätte Marin schon nach der vierten Minute unter der Dusche stehen müssen. Denn sein brutales Einsteigen mit gestrecktem Bein gegen das Schienbein des Kameruners Stephane Mbia wäre in der Bundesliga mit Dunkelrot geahndet worden. Referee Lee Mason ließ jedoch Milde walten mit dem Debütanten und zückte nur Gelb.

Es ist aber auch nachvollziehbar, wenn einer übermotiviert zur Sache geht, der sich so lange bei seinem neuen Klub nicht hatte zeigen können und von den Medien schon als Flop und Missverständnis Marin abgetan wurde. Mal ehrlich, es war von vornherein rätselhaft, weshalb der Champions-League-Sieger sich die Dienste des Ex-Mönchengladbach-Shootingstars gesichert hatte, dessen Entwicklung schon in Bremen weitgehend stagnierte. Schließlich hat Chelsea mit Juan Mata sowie den Neuzugängen Eden Hazard (40 Mio. Euro) und Oscar (32 Mio. Euro) nominell mit das stärkste offensive Mittelfeld der Welt.

Marin gibt manchmal ein bisschen eine tragische Figur ab, als wolle er nicht wahrhaben, dass die größten Hoffnungsträger des deutschen Fußballs längst andere sind und Marco Reus, Mesut Özil und Mario Götze heißen. "Ich habe hier für fünf Jahre unterschrieben. Nach fünf Monaten, davon leider drei mit einer Verletzung, gibt es keinen Grund, alles infrage zu stellen", sagte er trotzig im "Kicker"-Interview Anfang dieser Woche. Tatsächlich hatte Marin, ehe er wie schon am Werder-Saisonende einen Muskelfaserriss im Oberschenkel erlitt, in der Vorbereitung durchaus überzeugt - bei der US-Promo-Tour schoss er ein schönes Tor gegen Seattle Sounders und erntete Lob für seine Dribblings.

Auch die Nationalelf schreibt er noch keineswegs ab. Im November habe ihn Hansi Flick besucht und ihm erzählt, dass er "immer noch nah dran" sei. Immerhin hat er jetzt unter Interimscoach Rafael Benitez einen besseren Stand als unter Roberto Di Matteo. "Es ist von Vorteil, dass mich Benitez mag, dass er mich von früher kennt, aus den Spielen Werders gegen Inter", meint Marin. Aber für seine Engelsgeduld ist der FC Chelsea sicher nicht bekannt. Marin muss sich sputen mit seinem Durchbruch. Er will ja schließlich nicht nur mit Mops-Hündin Ceca im schicken West-London an der Themse spazieren gehen.

Inga Radel

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