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“Cashley” oder der Verkannte?

Ashley Cole erreicht am Mittwochabend als siebter Fußballer den 100er-Club der englischen Nationalelf. Und der Rahmen könnte festlicher nicht sein: in Wembley gegen Brasilien anlässlich der 150-Jahr-Feier des englischen Fußballverbandes FA. Eine Halbzeit hat ihm Three-Lions-Coach Roy Hodgson garantiert. Danach gehört der 32 Jahre alte Linksverteidiger vom FC Chelsea zu dem erlesenen Kreis, dem sonst die feinen Sportsmänner und Gentlemen Billy Wright, Sir Bobby Charlton, Bobby Moore, Peter Shilton, David Beckham und Steven Gerrard angehören. Und dazu stößt nun die Reizfigur. Immerhin liegt es erst vier Monate zurück, dass @TheRealAC3 die FA via Twitter im Zuge der Strafe für seinen Freund John Terry als "BUNCH OF TWATS" (Haufen von Fotzen) beschimpfte.

Das wurde schnell abgehakt. Er zahlte rasch seine 90.000-Pfund-Strafe (~110.000 Euro), die nicht einmal einem halben Wochengehalt entspricht. Und Hodgson wünscht sich jetzt: "Ich erwarte von den Leuten, dass sie ihm den Respekt entgegenbringen, den er verdient. Ob sein Ruf so, so oder so ist - ich hoffe, dass er am Mittwoch vergessen ist." Über Coles frühere Eskapaden äußerte sich der 65-jährige Hodgson sehr diplomatisch: "Diese Sachen, auf die ihr anspielt, passierten, als ich nicht im Land war", sagte der Weltenbummler-Trainer. "Ich kann ihn nach den neun Monaten beurteilen, in denen ich mit ihm gearbeitet habe. Ich finde, dass er ein sehr guter Profi ist, ein sehr guter Fußballer, ein ruhiger Mann, der lieber seinen Fußball auf dem Feld sprechen lässt." "Vielleicht bekomme ich nicht die Anerkennung und das Lob, aber ich will nicht hier sitzen und weiter darüber reden, dass ich geliebt werden will", sagte Cole im Interview mit dem "Daily Mirror". "Ich bin hier, um Fußball zu spielen. Das ist alles." Ist Ashley Cole der Verkannte?

Der bestbezahlte Abwehrspieler der Welt

Fakt ist: Kein englischer Linksverteidiger absolvierte so viele Länderspiele wie er. Cole gehörte der "Goldenen Generation" des Jahres 2006 an und reizte vielleicht als einziger sein sportliches Potenzial voll aus. Er gewann als einer von Chelseas erfolgreichen Elfmeterschützen die Champions League in München 2012, stand zwei weitere Male im "Königsklassen"-Endspiel, holte drei englische Meistertitel und siebenmal den FA Cup. Denkwürdig war zum Beispiel sein Duell gegen Cristiano Ronaldo bei dem WM 2006 in Deutschland. Der "Daily Telegraph" schrieb dieser Tage eine geradezu anbiedernde Lobeshymne: Der nur 1,73 Meter große Cole mit der enormen Antrittsschnelligkeit und der Offensivstärke sei noch immer "the best left-back in the world". Das Blatt meinte, er könne "bequem" die 125 England-Einsätze von Rekordnationalspieler Shilton toppen.

Immerhin gab Chelsea trotz seiner Anti-Ü30-Spieler-Politik Cole erst kürzlich einen neuen Ein-Jahres-Vertrag - mitsamt Gehaltsaufbesserung auf angeblich 200.000 Pfund (~240.000 Euro) pro Woche. Damit machten die "Blues" ihn zum bestverdienenden Abwehrspieler der Welt. Real Madrid, Paris Saint-Germain und Manchester United sollen an ihm dran gewesen sein. Allerdings ist Cole erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr unantastbar im Nationalteam. Der "Independent" schreibt, ausgerechnet zu seinem Jubiläum habe ihm Leighton Baines (28) vom FC Everton den Rang als Englands bester Linksverteidiger abgelaufen.

Die Friseurin packt aus

Und dann gibt es da jenseits des Fußballplatzes eben auch noch den Skandalprofi Ashley Cole. Im Jahr 2010 hasste ihn halb Großbritannien und stand ganz klar auf der Seite von Ehefrau Cheryl Cole (geb. Tweedy). Die ungemein beliebte Popsängerin der Casting-Mädchen-Band "Girls Aloud" war von Cole zigfach betrogen worden - es folgte die Scheidung. Unter anderem hatte eine Friseurin in der "Sun" ausgeplaudert, wie sich "Ash" beim Sex mit ihr übergeben habe. 2009 sorgte Cole auch für Schlagzeilen, weil er volltrunken nach einem Nachtclub-Besuch im Nobel-Stadtteil South Kensington Polizisten anpöbelte und dafür drei Stunden in Gewahrsam genommen wurde. Und dann war da noch die bescheuerte Aktion, als er 2011 beim Training in der Chelsea-Kabine mit einem Luftgewehr rumhantierte und sich dabei versehentlich ein Schuss löste, der einem Sportstudenten eine blutende Wunde zufügte. Die schlecht verkaufte Autobiografie "My Defence: Winning, Losing, Scadals and the Drama of Germany 2006", die Cole meinte als 25-Jähriger veröffentlichen zu müssen, hatte ebenfalls für Zündstoff gesorgt. Fans des FC Arsenal starteten sogar eine Kampagne gegen das Buch.

Die "Gunners"-Anhänger sind die, die den in Mixed-Zones extrem schnöselig und arrogant wirkenden Cole am meisten hassen. Sie nennen den Mann, der nur ein paar Meilen vom Highbury Stadium aufwuchs und schon als Neujähriger bei Arsenal anfing, nur noch "Cashley Cole". Sie wedeln bis heute mit 20-Pfund-Scheinen, wenn er mit Chelsea gegen Arsenal aufläuft. Schuld ist sein umstrittener Wechsel zum Londoner Rivalen, der schließlich 2006 nach reichlich Hick-Hack zustande kam. Schon 2005 hatte sich Cole ohne Arsenals Erlaubnis mit Chelsea-Vertretern um José Mourinho zu Verhandlungen getroffen.

Intimfeind Rio Ferdinand

Coles Intimfeind ist Rio Ferdinand von Manchester United - spätestens seit der John-Terry-Affäre, als Terry Ferdinands Bruder Anton rassistisch beleidigte und Cole, der einen Vater mit Wurzeln auf Barbados und eine weiße Mutter hat, als Zeuge für seinen Chelsea-Kapitän aussagte. Das führte so weit, dass der eigentlich ziemlich reflektierte, vorbildliche Rio Ferdinand, Cole via Twitter "choc-ice" nannte, also jemanden, der seine schwarze Hautfarbe verleugnet. Und Coles Mutter Sue, die ihren Ashley allein großgezogen hat, erdreistete sich, sich bei Facebook zu freuen, als Ferdinand kürzlich im Manchester-Derby von einem Münzwurf eine blutige Wunde am Auge erlitt. Bei solchen Soap-Opera-Possen kann sich Ashley Cole nicht beschweren, wenn seine sportliche Exzellenz bisweilen verkannt wird.

Und wer noch unnützes Wissen über Ashley Cole haben will: In einer Stammbaum-Untersuchung wurde festgestellt, dass er über einige Ecken väterlicherseits mit Sängerin Mariah Carey verwandt ist.

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