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Brentford-Kult: Rentner, Pubs und Fußball-Herz

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Uwe Rösler und seine Spieler standen kurz vor der Unsterblichkeit beim FC Brentford. Er und seine Bees (Bienen) hätten die "chance of a lifetime" verpasst, sagte Rösler. Und trotzdem war er "so stolz" auf seine Drittliga-Truppe, die gegen den FC Chelsea im FA Cup bis zur 83. Minute 2:1 geführt hatte. Ehe Fernando Torres den Titelverteidiger im mit 12.146 Zuschauern ausverkauften Griffin Park noch ins Wiederholungsspiel rettete.

Torres traf bei Gänsehaut-Atmosphäre natürlich mitten ins Herz der Brentford-Anhänger. Gestandene englische Kerle hatten zuvor schon vom Glück überwältigt geweint. Und doch überwog auch bei ihnen nach dem 2:2 der Stolz, dieses "Ich-war-dabei-als-wir-den-großen-FC-Chelsea-blass-aussehen-ließen-Gefühl". Egal, was im Rematch am 17. Februar an der rund zehn Kilometer entfernten Stamford Bridge des West-Londoner Nachbarn passiert.

Wie auf St. Pauli

Wenn man nicht gerade Blues-Fan ist, konnte man sich nur von Herzen mitfreuen mit diesem rührend familiären FC Brentford, der weltberühmt ist für sein Vier-Eckkneipen-Stadion und einen Ex-Spieler: Rod Stewart kickte dort vor seiner Gesangskarriere. Die Fans, die ähnlich kreativ wie St. Paulianer sind, dachten sich einen forschen Poster-Slogan aus, den sie auch als Hashtag twitterten: #ChampionsOfEuropeWeAreComingForYou (Champions von Europa, wir kommen, um euch zu holen). Kämpfer-Natur Uwe Rösler hatte als Motto für seine "Red and White Army" ausgegeben: "Wenn du an Trikots, Souvenir-Fotos oder was auch immer denkst, hast du schon verloren."

Der 1889 gegründete Traditionsclub steht noch für pure englische Fußball-Romantik und den ehrlichen Fußball. "Viele Leute haben ein bisschen genug von der Premier League und wollen zurück zu den Wurzeln. Da sind wir in Brentford eine gute Nische mit unserem 'old-fashioned Stadion' Griffin Park", sagte der 44-jährige Rösler jüngst. Rösler spricht von sozialer Verantwortung für die Community. "Wir hatten kürzlich ein Heimspiel unter dem Motto 'Pay what you can'. Wir leben in einer Rezession, das Geld ist eh knapp über Weihnachten." Rösler wird hoch angerechnet, dass er an jedem Arbeitstag jedem der Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle die Hand schüttelt. Darunter sind viele ehrenamtlich helfende Rentner. Wenn man den Ex-Manchester-City-Stürmer zum Interview auf dem Trainingsgelände trifft, bereitet er einem im rustikalen Clubhaus selbstverständlich noch selber löslichen Kaffee im "Bees"-Becher zu. Eine solche Szene kann man sich mit Chelsea-Interimscoach Rafael Benítez beim besten Willen nicht vorstellen.

Von der Umkleide zum Kult-Pub

Und so schwingt natürlich Schadenfreude mit, wenn sich ausgerechnet dieser zur Arroganz neigende Abramowitsch-Club, oft das Synonym des seelenlosen Fußballs, beim Drittliga-Dritten blamiert. Benítez sagte danach geradezu gönnerhaft: "Sie haben es sich verdient, an der Stamford Bridge zu spielen." Innenverteidiger Gary Cahill räumte einen "schlampigen" und "schrecklichen" Auftritt ein - und dass es laute Kabinen-Worte in der Halbzeitpause gegeben habe. Brentfords Top-Stürmer Clayton Donaldson plauderte aus, dass es auf dem Platz fiese Spannungen zwischen den Chelsea-Millionären mitbekommen habe. Er konnte Star-Linksverteidiger Ashley Cole belauschen: "Er murmelte immer etwas, immer leise, aber ich konnte trotzdem hören, was er sagte. Er wurde immer frustrierter", schilderte der 28-Jährige. "Er redete über die Angreifer, die keine Leistung zeigten." Donaldson setzt für das Wiederholungsspiel auch auf die üble Anti-Benítez-Stimmung an der Stamford Bridge: "Wir wollen das zu unserem Vorteil ausnutzen und die Fans wieder in Unruhe versetzen."

Für Uwe Rösler, der nach einer jüngst gerissenen Liga-Serie von 13 ungeschlagenen Partien auch vom Aufstieg in Liga zwei träumt, wird das Gastspiel an der Stamford Bridge ein absolutes Highlight in seiner Trainerkarriere: "Das wird wieder ein großartiger Tag für die Fans, für unsere Spieler, und auch finanziell wird es uns enorm helfen", betont der Leipziger und lenkt von der eigenen Person ab.

Gelingt dann tatsächlich die Sensation, wird ganz Brentford ausflippen. Eine feucht-fröhliche Party bis in die Morgenstunden würde im "Griffin Pub" steigen, der angesagtesten der vier Eckkneipen. Das kündigt Besitzer Ralph (69) jetzt schon an. Er begrüßte in seinem Kult-Pub, der vor rund 100 Jahren mal die Club-Umkleide war, schon Promi-Gäste wie den fußballverrückten Popstar Robbie Williams, Dart-Ikone Phil Taylor und "Herr der Ringe"-Schauspieler Elijah Wood. Sie alle mögen den Charme des FC Brentford.

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