Eurovision

Boxing Day: Kein normaler Spieltag

Boxing Day: Englands ganz spezieller SpieltagLukas Podolski kommt dieses Jahr noch nicht in den Genuss des Boxing-Day-Kultes.

Sein FC Arsenal musste sein kleines Londoner Derby gegen West Ham United verschieben. Schuld ist die Associated Society of Locomotive Steam Enginemen and Firemen (Gewerkschaft der Zug- und U-Bahn-Fahrer), die am Zweiten Weihnachtsfeiertag streikt.

Das hatte die ASLEF im Vorjahr auch schon gemacht. Und sie trifft damit die Londoner schmerzhaft genau bei ihren Lieblingsbeschäftigungen, die Zusammenhalt stiften: dem Shopping (der 26.12. ist der größte Umtausch- und Schnäppchenjäger-Tag des Jahres) und dem Fußball.

Weil ja nun mal Weihnachten ist, werden am Boxing Day traditionell viele Derbys angesetzt  - für kurze Anfahrtswege der Fans und der Teams. Arsenal und Coach Arsène Wenger, ein erklärter Verfechter der in Frankreich und der Bundesliga üblichen Winterpause, wollten den 60.000 Fußball-Anhängern und den Stadionangestellten nun keine Tortur und kein Chaos zumuten, hieß es. Dagegen spielen die West-Londoner Clubs Queens Park Rangers (gegen West Bromwich Albion) und FC Fulham (gegen FC Southampton) ihre Heimpartien planmäßig.

Zehn Partien, 66 Tore

Und - mal ehrlich, liebe Gunners - die meisten Fans sind heilfroh, den familiären Weihnachtsspannungen entfliehen zu können und sich den opulenten Truthahn und den Christmas Pudding vom Ersten Weihnachtsfeiertag wieder von den Rippen zu laufen. Verkatert vom Sherry beweisen sie sich in der Kälte außerdem die eigene Leidensfähigkeit.

"Sie ist grundsätzlicher Bestandteil des Nationalcharakters, diese tiefäugige, feierliche Wanderung", schrieb der "Guardian" einmal über den weihnachtlichen Besuch im Fußballstadion. "Die Wesenseigenschaft eines umherziehenden, fröstelnden Volkes, das es zu feuchten unergiebigen Wallfahrten zieht."

Der Begriff "Boxing Day" ist davon abgeleitet, dass früher an dem Tag Essenspakete (boxes) an die Armen verteilt wurden. Begonnen hat alles 1860, als der älteste und der zweitälteste Fußballclub der Welt - der FC Sheffield und der FC Hallam - an der Sandygate Road das erste Vereinsderby der Geschichte bestritten. Sheffield gewann 2:0 - allerdings mit "Sheffield-Regeln." Dabei war das Fangen des Balls mit den Händen noch erlaubt.

Weihnachtlicher Torsegen

Als legendär gilt der Boxing Day des Jahres 1963. In der ersten Liga wurden damals reihenweise Torfestivals gefeiert und in zehn Partien insgesamt 66 Tore erzielt. Fulham fertigte Ipswich Town mit 10:1 ab, der FC Liverpool schickte Stoke City mit 6:1 nach Hause. Der FC Burnley düpierte Manchester United ebenfalls mit 6:1 und der damalige Spitzenreiter Blackburn Rovers verpasste West Ham United im Upton Park eine 8:2-Packung.

Einmal - im Jahr 1979 - nahmen Kicker und Fans das Wort "Boxing Day" allzu wörtlich: Da verkeilten sie sich bei der brisanten Partie Sheffield Wednesday gegen Sheffield United in einer Massenschlägerei - mehr als 50 Beteiligte wurden festgenommen.

Am 26. Dezember stehen für die sportverrückten Briten traditionell auch andere Disziplinen an: Seit 1947 wird da das King George VI Chase - das prestigeträchtige Pferderennen in Kempton - ausgetragen. Für die "Upper Class" ist das außerdem der traditionelle Tag der Fuchsjagd mit Hunden.

Das gehört auch für die Windsors dazu, wenn sie auf dem königlichen Landsitz Sandringham (Norfolk) alljährlich Weihnachten feiern - ein alljährliches Aufreger-Thema für Tierschutzverbände und Boulevardblätter. Ansonsten erfreuten sich die britischen Medien seit jeher an verrückten Fotos, wenn im Schnee Kricket gespielt wurde oder zitternde Menschen nur mit Gänsefett eingeschmiert und mit Nasenschutz masochistisch ins Meer sprangen.

Fußball zwischen Schützengräben

Doch Fußball hatte in seinem Mutterland schon immer die größte Strahlkraft. Während des Ersten Weltkriegs riefen die verfeindeten britischen und deutschen Truppen sogar spontan eine kurze Waffenruhe aus, um über Weihnachten 1914 ein Fußballmatch gegeneinander zu spielen. Der "Guardian" zitierte jüngst aus historischer Feldpost, dass man sich die Hände geschüttelt und Zigaretten und Zigarren geteilt habe.

An diesem Mittwoch geht es nicht um Krieg und Frieden, sondern bloß um Punkte in der Premier League. Aber immerhin. Der FC Chelsea will nach dem 8:0 gegen Prinz Williams Lieblingsklub Aston Villa nun bei Norwich City seine Aufholjagd fortsetzen - und der frühere Bremer Marko Marin hofft dabei wieder einmal tapfer auf sein Startelf-Debüt in der Liga.

Ein anderer Ex-Bundesliga-Star - FC-Liverpool-Mittelfeldstratege Nuri Sahin - will nach seinem Nasenbeinbruch gegen Robert Huths Stoke City sein Comeback geben. Der ehemalige BVB-Regisseur hätte aber auch nichts gegen ein Familienfest im heimischen Sauerland gehabt. Er meinte kürzlich ein bisschen wehmütig: "Leider haben wir keine Winterpause."

Inga Radel

Zurück zur Übersicht

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen