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Der torhungrige Weltenbummler

Seydou Doumbia im ivorischen NationaldressSeydou Doumbia im ivorischen NationaldressDie Erwartungshaltung der Elfenbeinküste an seine Nationalmannschaft ist traditionell sehr hoch. Seit dem Afrika-Cup-Sieg 1992 wartet das ganze Land sehnsüchtig auf den nächsten Titel. Erschwerend kommt hinzu, dass Spiele gegen die Ivorer für jedes afrikanische Team ein Highlight darstellen: Keine andere Mannschaft des Kontinents ist mit so vielen Stars gespickt wie die "Elefanten".

Dort standen in den letzten Jahren vor allem Chelsea-Star Didier Drogba und die Touré-Brüder von Manchester City im Fokus. Mit Seydou Doumbia schickt sich jetzt ein torhungriger Weltenbummler an, den Traum von 19 Millionen Ivorer wahr werden zu lassen.

Spieler: Seydou Doumbia

Geburtsdatum: 31. Dezember 1987

Geburtsort: Yamoussoukro, Elfenbeinküste

Nationalität: Elfenbeinküste

Größe: 1,78 m

Fuß: beidfüßig

Position: Sturm

Derzeitiger Klub: ZSKA Moskau (seit Juli 2010)

Rückennummer: 8

Frühere Clubs: Denguelé Sports d'Odienné, Kashiwa Reysol, Tokushima Vortis (Leihe), BSC Young Boys

Kurzer Rückblick: Doumbias Kindheit in den Slums von Abidjan ist hart. Gemeinsam mit seinem Onkel verkauft er Taschentücher auf der Straße. Haben sie keinen Erfolg, haben sie auch nichts zu essen. Der erste Fußball, gegen den er tritt, besteht aus Papier und Stofffetzen. Alltag in der Stadt am Golf von Guinea, in der viele Familien darauf angewiesen sind, dass ihre Kinder etwas zur Haushaltskasse beisteuern.

Mit zwölf Jahren, er verkauft wieder einmal Taschentücher, trifft er auf Olivier Koutoua. Der Präsident des Conservatoire Football Club nimmt den Jungen unter seine Fittiche und bei sich zu Hause auf. Mit 16 Jahren schafft er den Sprung in die Jean-Marc Guillou Academy, eine vom ehemaligen französischen Nationalspieler gegründete und nach ihm benannte Fußballschule.

"Das war zu diesem Zeitpunkt bereits wie ein Traum. Viele brillante Nationalspieler sind aus dieser Akademie hervorgegangen", erinnert sich Doumbia zurück. Doch der Traum wird schnell zum Albtraum. Statt mit offenen Armen begegnen ihm seine Mitspieler mit Ablehnung. Sein einziger Freund wird Gervinho, heute Arsenal-Star und Doumbias Sturmpartner in der Nationalelf.

Der Sprung ins kalte Wasser

Auf Dauer ist das keine Umgebung, in der sich der treffsichere Angreifer wohlfühlt. Er wagt den Sprung in die erste ivorische Liga zu AS Denguélé d'Odiénné, einem Klub aus dem Mittelfeld. In den ersten drei Partien sitzt er auf der Bank, in der vierten wird er schließlich eingewechselt. Es dauert ganze zwei Minuten, bis er trifft. Ab da netzt er mit solcher Regelmäßigkeit ein, dass er die Saison mit 17 Jahren als Topscorer beendet.

Das ruft die französischen Erstligisten Lille, Guingamp und Nizza auf den Plan. Doch ein Wechsel der Nachwuchs-Hoffnung in das Land des Weltmeisters von 1998 scheitert an der Bürokratie: Die französische Botschaft in der Elfenbeinküste verschläft es, sein Visa pünktlich auszustellen. Weniger Probleme mit dem Amt gibt es hingegen in Japan: Kashiwa Reysol lockt den 18-Jährigen in die J-League.

Im Land der aufgehenden Sonne prallt der Ivorer auf eine Welt, die nichts mit der ihm bekannten gemeinsam hat. Doch er passt sich an: Er lernt die Sprache und entdeckt seine Liebe zu Sushi. Auf dem Platz läuft es hingegen schlecht. Der Trainer hat kein Vertrauen in ihn, er kommt nicht über den Status eines Ergänzungsspielers hinaus.

Nach 18 Monaten hat Doumbia die Nase voll, nur die Bank zu wärmen. Er wird auf die Insel Shikoku verliehen, Heimat des Zweitligisten Tokushima Vortis. "Ich traf und traf und traf", fasst er eine Saison zusammen, an deren Ende er zum besten Spieler der Liga gewählt wird. Das hat Signalwirkung in der Heimat: Im Mai 2008 debütiert das Sturm-Juwel in der Nationalelf der Elfenbeinküste, die bei einem Turnier in Asien auf den verletzten Superstar Didier Drogba verzichten muss.

Vom Bankdrücker zum Top-Torjäger

"Die kamen nur mit 12 oder 13 Spielern plus Torwart, und ich war sowieso schon in Japan. So kam ich in die Nationalmannschaft", erzählt Doumbia später mit einem Lachen. Doch sein Auftritt in Japan macht erneut europäische Klubs auf ihn aufmerksam. Er wechselt zu den Young Boys nach Bern in die Schweiz. Dort schlägt er ein wie eine Bombe.

In seiner ersten Saison wird er Topscorer und zum besten Spieler der Liga gewählt. Erstaunlich daran ist, dass Doumbia lediglich ein Einwechselspieler ist. Nur in acht seiner 32 Saisonspiele steht er beim Anpfiff auf dem Platz. In seinem zweiten Jahr bei den Eidgenossen netzt er unglaubliche 30 Mal in 32 Spielen ein, diesmal als unumstrittener Stammspieler.

Diese enorme Ausbeute sorgt unweigerlich für die Aufmerksamkeit der großen Klubs. In den Spielen der Rückrunde geben sich die Scouts die Klinke in die Hand. Den Zuschlag erhält ZSKA Moskau. Für zehn Millionen Euro wechselt Doumbia in die Premier Liga und erweitert seinen Reisepass um einen russischen Stempel.

Doumbia verlädt zwei Gegenspieler im Moskauer Stadt-Derby gegen SpartakDoumbia verlädt zwei Gegenspieler im Moskauer Stadt-Derby gegen Spartak

"Ich hatte einige Möglichkeiten, aber ZSKA war die mit der besten Perspektive. Hier kann ich international spielen und meinem großen Traum ein Stück näher kommen: eines Tages für Chelsea spielen", lässt er keine Zweifel an seinen Ambitionen. Und den markigen Worten bei seiner Vorstellung im Juli 2010 lässt er Taten folgen. In 41 Spielen für den dreimaligen russischen Meister netzt er 29-mal ein.

Doumbias größte Stärke ist zweifellos sein fast schon unheimlicher Torinstinkt. Dank seiner Schnelligkeit und Wendigkeit ist er der ideale Strafraumspieler. Obwohl nur 1,78 Meter groß, ist er ein robustes Kraftpaket, das sich nicht so leicht vom Verteidiger wegschieben lässt. Luft nach oben hat der zweimalige Spieler des Jahres in der Schweiz noch beim Auge für den Nebenmann.

Vom Afrika-Cup ist die Elfenbeinküste seit 20 Jahren nicht mehr mit dem Titel nach Hause gekommen. Die "goldene Generation" um Superstar Didier Drogba und die Touré-Brüder steht in diesem Jahr gewaltig unter Druck. Diese hohen Erwartungen werden auch auf Doumbia projiziert. Ob er mit einer solchen Erwartungshaltung umgehen kann, wird sich zeigen. Sollte er die "Elefanten" jedoch mit starken Auftritten zum Titel schießen, käme er seinem großen Ziel Chelsea einen weiteren Schritt näher.

Christoph Volk

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