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Jahrhunderttalent in Götzes Windschatten

Es ist noch gar nicht so lange her, da erkannten zynische Beobachter rund 30 Kilometer westlich der polnischen Grenze ein Auffangbecken für mittelmäßig begabte Fußballer aus Osteuropa. In der beschaulichen Lausitz, am Rande des Spreewaldes.

Dort wurden sie zuhauf angeschwemmt und verstopften im Kader von Energie Cottbus den Durchlauf talentierter Nachwuchskicker aus der eigenen Jugend hinauf in die erste Mannschaft.

"Da wurde viel vernachlässigt zu Zeiten als Eduard Geyer Trainer war". Schon vor rund fünf Jahren hatte Christian Beeck diesen Missstand angeprangert. Doch der ehemalige Kapitän der Cottbuser verwies auch gleich auf die zwischenzeitlich veränderten Rahmenbedingungen. Bei Energie hatte ein Umdenken stattgefunden.

"So langsam ernten sie die Früchte ihrer Arbeit", prophezeite Beeck schon 2007 und nannte die Namen der Erntehelfer. Nachwuchstrainer Thomas Köhler natürlich, aber auch sein Assistent. Ein ehemaliger Energie-Aktiver, ein Brasilianer aus dem Lausitzer Schwemmland, der vom namhaften Fluminense Football Club über den VfB Leipzig nach Cottbus gespült wurde und 2005 seine ostlastige Fußball-Karriere bei Blau-Gelb Laubsdorf beendete.

Wie der Vater, so der Sohn - nur noch besser

Gemeint ist Franklin Bittencourt, den auch Beeck im Zusammenhang mit der Cottbuser Jugendarbeit ausdrücklich erwähnt. Der Verdienst des 42-Jährigen ist neben fachlicher auch genetischer Natur. Seit 2010 ist der Vater von Supertalent Leonardo Bittencourt für die U17 des FCE mitverantwortlich. Als er kam, war sein Filius gerade auf dem Absprung zur U19.

Nur wenige Monate später schwärmt FCE-Coach Coach Pele Wollitz vom 17-Jährigen, bezeichnet ihn als Cottbuser "Jahrhunderttalent." Bittencourt sei schlichtweg "unglaublich. Er kann noch A-Jugend spielen, ist aber schon eine richtige Persönlichkeit auf dem Platz. Unfassbar!"

Horst Hrubesch, der das Talent vor einem Monat in der U19 gegen Montenegro debütieren ließ, beschreibt einen torgefährlichen Spielmacher-Typ: "Er ist schnell, beweglich, sehr schwer auszurechnen und hat ein gutes Auge", meint der Nationaltrainer gegenüber eurosport.yahoo.de. "Seine technische Stärke und Kreativität sind herausragend, Tore kann er auch schießen. Im Grunde ist er ein kompletter Spieler."

Die Vorschusslorbeeren bestätigte das Talent am zweiten Spieltag der laufenden Saison mit seinem ersten Profi-Treffer für Energie. Beim 2:1-Sieg in Duisburg wurde er mit 17 Jahren, sieben Monaten, drei Tagen und zehn Spielminuten zum jüngsten Zweitliga-Torschützen seit 27 Jahren.

Der Kompass zeigt Richtung West(falen)

Für Bittencourt schloss sich mit dem MSV ein Kreis, denn gegen Duisburg hatte Wollitz den hochveranlagten Offensivspieler im vergangenen April ins kalte Wasser geworfen. Energie hatte damals mit 3:1 gewonnen, weil Nils Petersen mal wieder doppelt geknipst hatte. Der 22-jährige Angreifer zeichnete zuletzt selbst jenen Cottbuser Weg vor, auf dem auch Bittencourt bald aus der Lausitz wandern wird.

Petersen war zwar in der Jugend des FC Carl Zeiss Jena groß geworden. Doch in Cottbus schaffte er den Durchbruch und bescherte dem FCE als heiß umworbenes Exportgut rund drei Millionen Euro Ablöse aus München.

Am frisch gebackenen U19-Nationalspieler Leonardo Bittencourt waren die Bayern zuletzt natürlich ebenfalls interessiert, wie Wollitz bestätigt und zudem auch Bayer Leverkusen als Interessenten nennt. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass der nächste Top-Transfer aus der Lausitz ins Ruhrgebiet zur Dortmunder Borussia wandert.
"Wir sind ein Schaufenster für junge Spieler und stolz, dass große Vereine auf uns aufmerksam werden", erklärt Präsident Ulrich Lepsch. "Wir stecken pro Jahr zwei Millionen in den Nachwuchs."

Und diese Investition scheint sich doppelt zu amortisieren, zunächst sportlich, dann folgerichtig auch finanziell. Und weil das Prinzip von "Werte schaffen und veräußern" die neue Philosophie widerspiegelt, wird Leonardo Bittencourt nicht an die Kette gelegt.

"Es wäre unverantwortlich, Leonardo nach Ende seines Vertrages im Sommer 2014 ablösefrei ziehen zu lassen. Damit würden wir die Existenz des Vereins aufs Spiel setzen", betont Wollitz deshalb.

Hrubesch: "Der BVB passt zu ihm"

Borussia Dortmund scheint jedenfalls in vielerlei Hinsicht eine sinnvolle Sprosse auf der Karriereleiter des Supertalents zu sein. Nirgendwo sonst könnte ein 17-Jähriger in relativer Ruhe die raue Luft im Oberhaus schnuppern als unter den Fittichen von Jürgen Klopp. "Der BVB passt zu ihm", bestätigt Hrubesch.

Bittencourt ist im offensiven Mittelfeld recht flexibel einsetzbar und könnte somit als Wechselspieler peu à peu auf die nächste Entwicklungsstufe gehoben werden.

"Er bringt alles mit, er hat alle Voraussetzungen", lobt Hrubesch im Gespräch mit eurosport.yahoo.de. "Ich sehe ihn in der Zentrale, im offensiven Mittelfeld - als Zehner. Dort wird er seinen Weg in der Bundesliga mit Sicherheit machen."

Dass sich Bittencourt grundsätzlich im Kreativzentrum am wohlsten fühlt, sollte in der Tat kein Hindernis sein. Beim BVB weiß man schließlich, dass man die millionenschweren Geldpakete aus Europa nicht auf Dauer an die Absender zurückschicken kann, sobald sich der Vertrag von Mario Götze seinem Laufzeitende nähert.

Das wäre allerspätestens im Sommer 2014. Bittencourt wäre dann 19 - so wie Götze jetzt. Ein durchaus denkbares Erbe.

Von Michael Wollny und Daniel Rathjen

 

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