EuroScout

Disziplin statt Feuerwerk und Alkohol

Den Ball fest im Blick: Alan DsagojewDen Ball fest im Blick: Alan DsagojewAls Kevin Kuranyi 2010 seinen Wechsel zu Dinamo Moskau bekannt gab, erntete er in Deutschland nur ein müdes Lächeln. Aus deren Sicht war Russland höchstens ein lohnendes Ziel für Fußballer, wenn es galt sich den Karriere-Herbst vergolden zu lassen.

Dass dem nicht zwangsläufig so ist, zeigt ein Blick auf Europa und die Champions League: Alle fünf russischen Vertreter überwintern in den europäischen Wettbewerben. Darunter auch ZSKA Moskau in der „Königsklasse", woran überragende Leistungen eines 21-Jährigen nicht ganz unschuldig sind.

Spieler: Alan Dsagojew

Geburtsdatum: 17. Juni 1990

Geburtsort: Beslan, Russland

Nationalität: Russland

Größe: 1,79 m

Fuß: beidfüßig

Position: Offensives Mittelfeld

Derzeitiger Klub: ZSKA Moskau (seit Juli 2008)

Rückennummer: 10

Frühere Clubs: Krylja Sowetow

In Beslan nahe der georgischen Grenze geboren und aufgewachsen, wird Dsagojew die Fußball-Karriere quasi mit der Muttermilch verabreicht. Von klein auf ist er jeden Tag mit seinem Bruder draußen und tritt gegen den Ball. Sehr zur Freude seiner Mutter Lyana, die selbst fußballbegeistert ist und nichts gegen die liebste Freizeitbeschäftigung ihres Sohnes einzuwenden hat.

Als Zweitklässler tritt er seinem ersten Klub in Beslan bei, mit zehn Jahren wechselt er in die Jugend von Alania Wladikawkas. Ab da sind alle anderen Aktivitäten passé. „Ich hatte nie Zeit für Hausaufgaben, aber meine Eltern waren damit einverstanden", beschreibt er später eine Kindheit, von der wohl jeder Zehnjährige träumt.

In Wladikawkas ist er zwar zwei Jahre jünger als seine Mitspieler, macht die körperlichen Defizite allerdings durch hohe Einsatzbereitschaft wieder wett. Er übernimmt Verantwortung bei Standards und spielt dort, wo der Trainer ihn aufstellt. Nach sechs Jahren ist er dem Provinzverein entwachsen und nimmt den nächsten Schritt.

Der 18-Jährige treibt die Älteren an

Der Rohdiamant geht den Scouts einer von Öl-Milliardär und Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch gesponserten Fußballschule ins Netz, und diese verpflichten ihn für den dazugehörigen Klub Krylja Sowetow. Nach eineinhalb Jahren, 37 Spielen und sechs Toren für den Drittligisten haben sich seine außergewöhnlichen Fähigkeiten bis in die Hauptstadt herumgesprochen. ZSKA klopft an und holt Dsagojew nach Moskau.

Dort geht es Schlag auf Schlag für den technisch versierten Mittelfeldspieler: Der dreimalige russische Meister startet 2008 schwach in die Saison und plagt sich mit vielen Verletzten, also schenkt Coach Valery Gazzajew dem Youngster das Vertrauen. Mit Recht. Dsagojew übernimmt mit zarten 18 Jahren auch bei den Profis Verantwortung, nicht selten werden teils deutlich älteren Teamkollegen von ihm gepusht und angetrieben. „Er arbeitet sehr hart, immer", ist der Trainer vom Fleiß seines vielversprechenden Schützlings begeistert.

Dsagojew setzt sich gegen Fábio (Manchester United) durchDsagojew setzt sich gegen Fábio (Manchester United) durch

Mit seiner Spielintelligenz, dem feinen Näschen für den Pass im richtigen Moment und seiner Beidfüßigkeit führt Dsagojew ZSKA trotz des verkorksten Saisonstarts noch zur Vizemeisterschaft und wird mit Lob überhäuft. Als „Die Zukunft der russischen Nationalelf" und „der neue Arshavin" wird der frischgebackene beste Nachwuchsspieler der Saison bezeichnet.

Seinen Ehrgeiz stachelt das nur noch mehr an. Im WM-Qualifikationsspiel 2008 gegen Deutschland debütiert er in der russischen Nationalmannschaft. Zur Halbzeit wechselt ihn Guus Hiddink ein, doch auch seine starke Leistung kann die 1:2-Pleite nicht verhindern. Kurz vor Schluss schießt er sich mit einem fulminanten Pfostenkracher auch außerhalb seines Heimatlandes ins Blickfeld.

„Wir haben verloren, also ist es misslungen", diktiert er den ungläubigen Pressevertretern anschließend in die Blöcke, als sie ihn nach seiner Einschätzung zum Premierenspiel bitten. Es ist diese hochprofessionelle Einstellung zu seinem Beruf, die ihn von einem Großteil anderer hochveranlagter Kicker unterscheidet.

Ein Profi wie aus dem Lehrbuch

Während die Feuerwerkskörper im Bad zünden (Mario Balotelli) oder an Weihnachten dicht wie eine Knasttür um die Häuser ziehen (Wayne Rooney), fährt er auch weiterhin mit der U-Bahn oder dem Bus zum Training. „Wenn Du zu den Besten gehören willst, dann bleibt keine Zeit für Spaß", begründet er seinen spießig anmutenden Lebensstil.

Doch die Konzentration auf den Sport lohnt sich für Dsagojew. Mittlerweile ist der 17-malige Nationalspieler der „Sbornaja" ins Visier von Italiens Rekord-Meister Juventus Turin geraten, auch das neureiche Paris Saint-Germain soll seine Fühler nach dem jungen Russen ausgestreckt haben. Ein Preisschild von knapp 22 Millionen Euro hat ZSKA seiner Nummer 10 angeheftet, bisher war das Abschreckung genug.

Doch die Premier Liga wird auf Dauer eine Nummer zu klein sein für Dsagojew. Seine erfrischende Bodenständigkeit und die eisenharte Disziplin, gepaart mit seinem zweifelsohne außergewöhnlichen Talent, werden ihn auch in diesem Sommer wieder bei den großen europäischen Klubs ins Gespräch bringen. „Meine Zeit kommt noch, ich muss jeden Tag hart arbeiten", winkt er ab. Bei ihm, da kann man sicher sein, ist das keine Phrase.

Christoph Volk

Zurück zur Übersicht

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen