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Familien-Sache: Zerhackte Schläger und Rekorde

Mit Filzball, Vorhand und Familienpower - gerade im Tennis-Zirkus ist es keine ungewöhnliche Konstellation, dass Brüder und Schwestern beide auf der Profi-Tour spielen.

tennisnet-Redakteur Christian Albrecht Barschel hat die Tennis-Annalen durchforstet und stellt hier fünf der erfolgreichsten Familien-Unternehmen vor:

John McEnroe und Patrick McEnroe

An Erfolgen und Popularität überstrahlte John McEnroe seinen sieben Jahre jüngeren Bruder Patrick um Längen. John McEnroe gilt bis heute als einer der begnadetsten Spieler. Der US-Amerikaner konnte mit dem gelben Filzball so elegant umgehen wie kaum ein anderer. Die Erfolgsliste von "Big Mac" ist extrem lang, sowohl im Einzel als auch im Doppel. 17 Grand-Slam-Titel gewann McEnroe (sieben im Einzel, neun im Doppel, einen im Mixed), insgesamt sind es 148 Turniersiege auf der ATP-Tour (77 im Einzel, 71 im Doppel). Klarerweise war er die Nummer eins im Einzel und im Doppel - und das sogar für viele Wochen zur gleichen Zeit.

Bei John lagen Genie und Wahnsinn ganz dicht beieinander. Der US-Amerikaner trug Dr. Jekyll und Mr. Hyde in sich und lebte seine Emotionen auf dem Tennisplatz bis aufs Äußerste aus. Legendär ist sein Spruch "You cannot be serious", der bis heute nicht nur Tennisfans ein Begriff ist. McEnroe flippte in jedem Spiel regelrecht aus, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte oder sauer auf sich oder seine Gegner war. "Ich möchte in Erinnerung bleiben als ein großer Spieler, aber ich denke, ich werde für viele immer der Spieler sein, der wütend wurde auf dem Platz", sagte "Big Mac" in den Endzügen seiner Karriere.

Viel entspannter auf dem Platz gab sich hingegen sein Bruder Patrick, dem die Fußstapfen seines großen Bruders allerdings viel zu groß waren. Patrick legte aber eine ordentliche Karriere hin. Im Doppel gewann er 16 Turniere. Seinen Premierentitel feierte er an der Seite seines Bruders. Sein größter Erfolg war der Gewinn der French Open 1989. Im Einzel musste Patrick in seinem ersten Endspiel ausgerechnet gegen seinen Bruder antreten, der das Finale in Chicago knapp für sich entschied. "Jede Emotion, die man sich vorstellen kann, war da - vom Sorgen darüber, wie es ihm geht bis hin zum Sorgen, dass er mich vielleicht schlagen könne", sagte John nach dem Finale.

Für Patrick reichte es noch zu einem Turniersieg im Einzel sowie bis zu Platz 28 der Weltrangliste. Im Davis Cup war John mit fünf Titeln die prägende Figur im Team der USA. Doch in punkto Teamkapitän liegt Patrick eindeutig voraus. Patrick beerbte seinen Bruder nach dessen 14-monatiger Amtszeit als Davis-Cup-Kapitän der USA. Zehn Jahre lang blieb Patrick im Amt und ist damit der US-Kapitän mit der längsten Amtszeit. 2007 führte Patrick die USA zum bislang letzten Davis-Cup-Titel.

Arantxa Sánchez Vicario, Emilio Sánchez und Javier Sánchez

Bevor es die Ära Nadal und Co. gab, bestimmte vor allem eine Familie die Schlagzeilen im spanischen Tennis: Arantxa Sánchez Vicario und ihre Brüder Emilio Sánchez und Javier Sánchez. Das Damentennis in Spanien ist ganz eng mit dem Namen Arantxa Sánchez Vicario verknüpft. Keine Spielerin feierte so viele Erfolge wie die "Hummel aus Barcelona", wie die Spanierin aufgrund ihrer Einsatzbereitschaft und Lauffreudigkeit genannt wurde. 98 Turniersiege (29 im Einzel, 69 im Doppel), 14 Grand-Slam-Titel (vier im Einzel, sechs im Doppel, vier im Mixed), Nummer eins im Einzel und im Doppel, fünf Fed-Cup-Siege, vier olympische Medaillen. Die Vita von Sánchez Vicario ist eine Ansammlung von Erfolgen.

"Ich habe alles erreicht, worauf ein Sportler hofft. Ruhm, Triumphe und ganz viel Liebe", erklärte die Spanierin nach ihrem Karriereende. Seit 2012 ist Sánchez Vicario Teamchefin des spanischen Fed-Cup-Teams. So erfolgreich wie ihre kleine Schwester waren die Brüder Emilio und Javier nicht. Dennoch legte Emilio Sánchez eine starke Karriere im Einzel und im Doppel hin. Emilio gewann 17 Einzeltitel und schaffte es unter die Top Ten. Weitaus erfolgreicher war er im Doppel, wo er mit seinem Landsmann Sergio Casal eines der besten Doppel bildete. Emilio heimste 50 Doppeltitel ein, gewann drei Grand-Slam-Turniere, holte olympisches Silber und war die Nummer eins der Welt. Dazu kommen zwei Mixed-Titel bei Grand Slams. Als Davis-Cup-Kapitän führte er Spanien 2008 zum Titelgewinn.

Javier Sánchez stand hingegen meist im Schatten seines älteren Bruders und seiner jüngeren Schwester. Javier gewann vier Einzeltitel und 26 Doppeltitel. Der Sánchez-Clan, angeführt von Mutter Marisa, galt jahrelang als Vorzeigefamilie. In ihrer Biografie rechnete Aranxta Sánchez Vicario aber mit ihrer Familie ab. "Der Mythos der geeinten und glücklichen Familie war eben bloß das: ein Mythos", schrieb Arantxa und erhob schwere Vorwürfe gegen ihre Eltern. "Heute bin ich ohne Rücklagen. Meine Eltern haben mich viel leiden lassen und mir nichts übrig gelassen. Nun bin ich dem Finanzamt gegenüber verpflichtet", erklärte sie und gab an, dass ihre Eltern fast alle Verdienste aus ihrer Karriere genommen hätten. Den Kontakt mit ihren Eltern und ihren Brüdern hat Sánchez Vicario mittlerweile abgebrochen.

Marat Safin und Dinara Safina

Marat Safin und Dinara Safina sind das bislang einzige Bruder-Schwester-Gespann, das es auf Platz eins der Weltrangliste schaffte. Zwar war die sechs Jahre jüngere Dinara mit 26 Wochen insgesamt 17 Wochen länger an der Weltranglistenspitze als Marat, doch die größeren Erfolge erzielte ihr Bruder. Safin gewann 15 Titel auf der ATP-Tour, darunter die US Open 2000 und die Australian Open 2005. Der Russe stand zudem in zwei weiteren Endspielen in Melbourne und gewann mit Russland zweimal den Davis Cup.

Die Karriere von Safin war eine ziemliche Berg- und Talfahrt. Oft musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, zu sorglos mit seinem Talent umgegangen zu sein. Bei einem Spiel von Safin ging der Blick auch stets in seine Box, wo häufig zwei bis fünf hübsche Blondinen zu sehen waren, die sogenannten Safinetten. Eine skurrile Ehrung wurde Safin nach Karriereende zuteil. Der Russe wurde für 1055 zerhackte Schläger während seiner Karriere ausgezeichnet.

Nachdem es mit der Karriere von Safin bergab ging, stieg Safina in die Fußstapfen ihres Bruders. "Mein großer Bruder spielte Tennis, also wollte ich auch Tennis spielen", erklärte die Russin in jungen Jahren. Der Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier im Einzel, so wie es ihr Bruder getan hat, blieb aber ein unerfüllter Wunsch von Safina. Dreimal stand Safina in einem Grand-Slam-Endspiel, dreimal war sie unterlegen. Die Russin wurde häufig kritisiert, zu unrecht auf Platz eins zu stehen. Wie es sich für einen großen Bruder gehört, sprang Safin ihr zu Seite und verteidigte seine Schwester. "Sie bekommt die Aufmerksamkeit, aber nicht die Art Aufmerksamkeit, die eine Person verdient, vor allem wenn du Nummer eins der Welt bist."

Ein Grand-Slam-Turnier konnte Safina allerdings doch gewinnen. Und zwar 2007 im Doppel bei den US Open. Eines hatte Safina ihrem Bruder dann auch noch voraus. Sie gewann mit der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking olympisches Edelmetall. Beim Hopman Cup 2009 bildete das Geschwisterpaar das russische Team und schaffte es bis ins Endspiel. Im Oktober 2011 verkündete Safin das Karriereende seiner Schwester wegen chronischer Rückenprobleme, was Safina aber umgehend dementierte. Bis heute warten wir aber auf das Comeback von Safina.

Bob Bryan und Mike Bryan

Ob es jemals ein erfolgreicheres Doppel als die Bryan-Brüder, Bob und Mike, geben wird? Die beiden bilden das erfolgriechste Doppel der Tennisgeschichte und sind schon längst spielende Legenden. Der "Chest Bump" ist das Markenzeichen der Bryans. Wenn sich die beiden mit ihren Brustkörben gegenseitig abklatschen, heißt das, dass sie auf der Siegerstraße sind oder gerade gewonnen haben. Die Zwillinge haben alles abgeräumt, was man als Doppelpaar gewinnen kann und dazu noch Uraltrekorde gebrochen. 82 Turniersiege stehen für die 34-Jährigen bislang zu Buche. Der Gewinn des Karriere-Grand-Slams glückte den Bryans schon 2006. Zwölf Grand-Slam-Siege und zehn weitere Grand-Slam-Finals haben die US-Amerikaner bereits erreicht - ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Dazu gewannen die beiden olympisches Gold, dreimal die ATP-Weltmeisterschaft und einmal den Davis Cup. Die Weltrangliste führen die Bryans derzeit an. Insgesamt standen die beiden Brüder schon über 300 Wochen an der Spitze. Als Zwillinge bringen die beiden die besten Voraussetzungen für ein schlagkräftiges Doppel mit, vor allem weil sie als Rechts- und Linkshänder eine unterschiedliche Schlaghand haben. "Auf jeden Fall ist es ein Plus, wenn man sich gut kennt. Wir kennen uns ja gegenseitig auswendig. Und wir teilen viele gemeinsame Erfahrungen auf dem Platz. Aktionen von dem einen kommen eigentlich nie unerwartet für den anderen", erklärt der zwei Minuten jüngere Bob.

Ihre Ambitionen im Einzel haben die Zwillinge frühzeitig aufgegeben. "Ich denke immer noch, dass ich besser bin. Ich trete ihm immer noch jeden Tag beim Training in den Hintern", scherzt Mike. Dafür haben die Bryans neben dem Tennissport eine große Leidenschaft für die Musik entdeckt. Bei einigen Turnieren treten sie in einer Band als Rockmusiker auf. "Das ist jetzt schon eine Art Karriere. Wir treten regelmäßig bei kleineren Veranstaltungen auf und haben eine Platte draußen. Darauf rappen auch Andy Murray und Novak Djokovic. Bob spielt Keyboard und ich Schlagzeug, ein Freund macht die Gitarre. Irgendwann einen Song in die Charts zu bringen, wäre ein Traum", blickt Mike auf das zweite Karriere-Standbein.

Venus Williams und Serena Williams

Es gibt kein Geschwister-Duo, das erfolgreicher ist als Venus Williams und Serena Williams. Die beiden haben sich ihren Platz an der Spitze unserer Bestenliste redlich verdient. Die Karriere von Serena kann man durchaus als perfekt bezeichnen. Es gibt kaum einen wichtigen Titel, den sie nicht gewonnen hat. Die 31-Jährige ist auf dem Weg, in einem Atemzug mit Steffi Graf und Martina Navratilova als beste Tennisspielerin aller Zeiten genannt zu werden. Serena ist die bislang einzige Spielerin, die den Karriere-Golden-Slam sowohl im Einzel als auch im Doppel geschafft hat. Sie gewann jedes Grand-Slam-Turnier im Einzel und Doppel mindestens einmal, dazu olympisches Gold in beiden Konkurrenzen. Bei all diesen Erfolgen stand sie logischerweise auf Platz eins im Einzel und im Doppel - und das sogar für ein paar Wochen gleichzeitig.

Venus stand ihrer 15 Monate jüngeren Schwester in nichts nach, auch wenn ihre Karriere im Einzel bislang etwas weniger erfolgreich verlaufen ist. Venus gewann 44 Titel (Serena: 46 Titel), sieben Grand Slams (Serena: 15) und war ebenfalls die Nummer eins sowie Olympiasiegerin im Einzel. Im Doppel sind Schwestern ebenfalls nur schwer zu schlagen - wenn sie sich denn entschließen, anzutreten. 13 Mal standen Venus und Serena in einem Grand-Slam-Finale, 13-mal hielten sie später die Siegestrophäe in den Händen. Hinzu kommen drei olympische Goldmedaillen im Doppel und ein gemeinsamer Triumph im Fed Cup. Beide können zudem zwei Grand-Slam-Titel im Mixed aufweisen.

Die Erfolgsgeschichte der Williams-Schwestern wäre auch einen Hollywood-Film wert. Venus und Serena sind nicht nur auf dem Platz eng miteinander verbunden. Gegeneinander spielten die beiden allerdings nur sehr ungern. 23 Mal gab es den sogenannten Sister-Act, Serena führt mit 13:10. Richtig spektakulär waren die Duelle nie. "Einerseits möchte ich siegen, andererseits möchte ich, dass sie nicht verliert", erklärte Venus. "Die Familie kommt zuerst und das ist das Wichtigste. Wir haben begriffen, dass unsere Liebe tiefer ist als das Tennisspiel", sagte Serena über die Rivalität mit Venus. Blut ist eben doch dicker als Wasser.

Tipp: Eine Liste der 10 erfolgreichsten Tennis-Familien finden Sie bei unseren Kollegen von tennisnet.com

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