Um Reifenbreite

Unnötiges Massaker

Komisch. Niemand scheint auch nur im Geringsten überrascht vom positiven EPO-Test bei Giro-Etappensieger Mauro Santambrogio. Also außer ihm selbst – und seinem Teamchef.

Der fällt aus allen Wolken, verflucht sein "idiotisches Vertrauen" in seine nun schon zwei erwischten Fahrer, die er als "krank" tituliert und gibt sich selbst zur "Massakrierung" frei.

Danke für das Angebot Signore Scinto, aber das ist auch keine Lösung.

Die Affäre um Santambrogio ist aber eine perfekte Gelegenheit, um diesem Beispiel zu zeigen, wie unterschiedlich im Top-Radsport inzwischen zu Werke gegangen wird. Zwischen "old school" und Hightech liegen dabei auch Lösungsansätze, um weiter aus dem Dopingschatten zu kommen – wenn man denn will.

Vom Helfer zum Highflyer

Denn warum war niemand verwundert über Santambrogios Fall? Weil seine extreme Leistungssteigerung in diesem Jahr überall die Alarmglocken schrillen ließ. Der Italiener war mit 28 Jahren plötzlich vom Durchschnittsfahrer zum Top-Kletterer mutiert, der bei Tirreno, im Trentino und schließlich beim Giro mit den absoluten Assen bei den schwersten Bergetappen mitfuhr.

Sein Vorstoß in diese neue Liga machte ihn hochgradig verdächtig. Und sein positiver Test könnte nun das Ende für sein Team Vini Fantini sein, das ja auch noch den neuen Sündenfall der Altlast Danilo di Luca zu verkraften hat.

Ahnungslose Insider?

Dass ausgerechnet Teamchef Scinto nun aus allen Wolken fällt, ist kaum zu glauben. Schließlich war er selbst in den 90ern lange genug Profi in Italien, um die dunklen Hintergründe des Geschäfts bestens zu kennen. Doch wie zeitgleich Hans-Michael Holczer im Streit mit Stefan Schumacher will er von illegalen Machenschaften nichts gewusst haben.

In beiden Fällen fällt es schwer, absoluten Insidern so absolute Unwissenheit abzukaufen.

Aber die zentrale Frage ist: Wie soll man eine "gute" von einer "bösen" Leistungssteigerung unterscheiden? Gerade, wenn man eventuell tatsächlich von verbotenen Beschleunigern nichts sicher weiß, Tests negativ sind und der Profi beim Augenlicht seines Hundes schwört, sauber zu arbeiten?

Watt bringt Wahrheit

Hier kommt der Franzose Fred Grappe ins Spiel, dessen Ideen und Arbeit hier schon längst mal hätten Thema sein sollen. Der Sportwissenschaftler ist seit über einem Jahrzehnt Trainer beim Team FDJ und dabei besessen von zwei Dingen: Daten und sauberem Sport. Grappe ist überzeugt, aus der Entwicklung der Leistungsdaten von Fahrern herauslesen zu können, ob diese betrügen oder nicht.

Wie das geht, hat er hier anschaulich meiner französischen Kollegin Marion Gachies am Rande des Trainingslagers von FDJ in Draguignan erklärt.

Kurz gesagt: Mit einem Powermeter wie SRM werden die Trainings- und Wettkampfdaten aufgezeichnet und durch ein Computerprogramm analysiert. Hauptzweck ist dabei die Belastungssteuerung, doch die Zahlen lassen eben auch klare Rückschlüsse auf Doping zu. Denn es gibt Leistungssprünge, die auch mit den besten äußeren Bedingungen, feinster Ernährung und genialem Training nicht mehr zu erklären sind.

"Sperrt mich, wenn meine Jungs dopen"

Aus den Daten von hunderten Trainings- und Renntagen erstellt Grappe für seine Fahrer über die Jahre hinweg individuelle Leistungsprofile. Werden dann plötzlich die persönlichen Rekordwerte massiv überboten, schrillen die Alarmglocken. "Man erlebt damit keine bösen Überraschungen mehr", erklärt er, "und kein Teamchef kann mehr sagen: Ich wusste nicht Bescheid. Wir sind mit diesem Ansatz nahe an der 'zero tolerance' – auch wenn es kein Wundermittel gegen Doping ist".

Grappe ist so überzeugt von Modell, dass er sich für seine Athleten verbürgt. "Ich wäre bereit, eine Sperre von einem Jahr, zwei Jahren, sogar das Aus zu kassieren, wenn einer meiner Fahrer gedopt wäre", bietet er persönliche Konsequenzen an. Und fordert eine Ausweitung des Systems auf alle Teams, um der UCI so eine zusätzliche Option zu geben, Doper zu enttarnen.

"Seit zehn Jahren wird den Leuten erklärt, mit dem biologischen Pass und Blutkontrollen ließe sich alles entdecken. Aber das stimmt nicht, es gibt jede Menge Mittel, die nicht nachweisbar sind", erinnert er. Sein Vorschlag: "Die Leistungsdaten, die von den Fahrern erbracht werden, in Korrelation zu ihren biologischen Werten setzen" – und damit individuelle Profile erstellen, die von Experten auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft werden können.

Hoffnungsträger Pinot

Auch dieses System wäre nicht perfekt, auch damit würden nicht alle Betrüger erwischt. Doch das Netz wäre noch engmaschiger und die Abschreckung noch größer. Nachdem Powermeter heute sowieso Standard im Radsport sind, wäre es durchaus möglich, neben und zum Blutpass auch ein solches Leistungsprofil zum Standard zu machen – wenn denn die UCI nur will. Nur am Rande: Der biologische Pass von Santambrogio war angeblich unauffällig.

Oder man macht es wie FDJ und zieht es auf eigene Faust durch. Um das Training zu optimieren - und um nicht eines Tages wie Scinto oder Holczer dazustehen. Um auf diesem Wege einschätzen zu können, ob einem Fahrer so wie Santambrogio, Kohl oder Schumacher einem ins Gesicht lügen. Oder ob man mit gutem Gewissen den Erfolg von Thibault Pinot, Gesamt-10. der Tour 2012, bejubeln kann – den Grappe schon seit fünf Jahren unter seinen Fittichen hat.

Das Konzept von Grappe ist nicht neu, seit fast 20 Jahren arbeitet er in diesem Bereich – und das Interesse an Wattzahlen und ihren Aussagen hat auch im Kreis der Radsportfans stetig zugenommen. Längst nicht immer wurden die Watt-basierten Urteile von Grappe oder auch Antoine Vayer begeistert aufgenommen. Doch gerade rückblickend zeigt sich, dass ein wissenschaftlich untermauertes "Das ist doch nicht mehr normal!" mehrfach schon lange vor der späteren Doping-Enthüllung kam:

Schon 2004 verschaffte sich das französische Fachmagazin "Velo" Ärger, als es nach dem Bergzeitfahren der Dauphiné am Mont Ventoux die Leistung von rund 6W/kg bei Iban Mayo und Tyler Hamilton kritisch anmerkte. Wenig später waren es Santiago Perez und Roberto Heras, die bei der Vuelta mit über bzw. an 7W/kg einen Schlussanstieg hinauf flogen.

Die Analyse der Daten des Powertap von Floyd Landis wiederum machte deutlich, dass er bei seinem Wahnsinns-Solo zum kurzzeitigen Toursieg 2006 plötzlich mit 31 Jahren eine absolute Ausnahmeleistung ablieferte, die in keinem Verhältnis zu seinen bisherigen Auftritten stand.

Und nach der Vuelta 2006 veröffentliche Grappe eine Analyse der Leistungsdaten von Sieger Alexander Winokurow. Fazit: Der Kasache, damals schon 33 Jahre alt, hatte sich in den Bergen massiv gegenüber seinen bisherigen Karriere-Leistungen gesteigert: So massiv, dass "selbst das beste Training der Welt eine solche Verbesserung nicht erlaubt".Wino war beleidigt, sprach nicht mehr mit dem Magazin - und wurde 2007 als Blutdoper ertappt.

Am Ende noch einmal zurück zum Angebot von Scinto, sich "massakrieren" zu lassen. Das will ich immer noch nicht annehmen, aber auch hier geht Grappe in die richtige Richtung, wenn er eine Sperre für sich selbst fordert. Der Radsport wird nur dann wirkliche Schritte nach vorne machen, wenn nicht nur die Fahrer bei Dopingfällen die Konsequenzen tragen müssen.

Tour-Chef Christian Prudhomme hat es bei der Strecken-Präsentation im Oktober gesagt: "Die Manager haben die Schlüsselposition inne". Genau so ist es: Sie stellen den Kader zusammen, engagieren Ärzte und Trainer. Sie entscheiden sich für Personal mit besten Referenzen oder fragwürdigem Leumund.

Also müssen sie auch die Konsequenzen tragen – wie jetzt das Team ag2r. Das schaut beim eminent wichtigen Heimrennen Dauphiné zu, weil es innerhalb von zwölf Monaten zwei positive Fälle hatte.

Veranlasst hat das aber nicht die UCI, sondern die Selbstverpflichtung der ‚Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport‘ (MPCC). Deren Präsident Roger Legeay erinnerte nun auch die Veranstalter an ihre Möglichkeiten. Der Giro hatte zum Beispiel drei seiner vier Wildcards an MPCC-Mitglieder vergeben. Die vierte ging an Scinto.

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