Um Reifenbreite

Todesstrafe, Dämonen und viele offene Fragen

Wenn Teil 1 des großen "Nichts-ist-tabu- Interviews" noch eine ordentliche Bergetappe mit ein paar saftigen Anstiegen war, kann ich Teil 2 fast nur als lockere Trainingsfahrt sehen.

Lance Armstrong, so mein Fazit, geht als klarer Punktsieger aus dem Gespräch hervor - er konnte seine Botschaft unters Volk bringen, während viele Fragen letztlich offen blieben. Von "Hart aber fair" bewegte sich die Sendung immer mehr Richtung "Vera am Mittag" und "Verzeih mir".

Kinder müssen draußen bleiben!

Oprah blieb im 2. Teil vieles schuldig – sie ließ ihn ausweichend antworten, stellte die offensichtliche Nachfrage nicht – und ging inhaltlich nicht mehr dorthin, wo es wehtut. Außer, was die Familie betrifft, ihr Spezialgebiet.

Dazu nur so viel: Es wäre besser gewesen, Armstrong diesen Seelen-Striptease zu ersparen und ihn lieber inhaltlich anzugehen. Manche Dinge sollten privat bleiben – und egal was Armstrong alles getan oder nicht getan hat: Wie er es seinen Kindern erklärt, dass er auch sie jahrelang belogen hat und sie ihn nicht mehr verteidigen sollen, ist zu intim. Das geht ans Innerste – und lenkt von den Fragen ab, auf die die Öffentlichkeit mit umso mehr Recht eine Antwort erwartet.

Lance meets Gollum

Etwa, wie Armstrong es jahrelang geschafft hat, seine angebliche Sauberkeit mit dem Verweis auf den Glauben von Millionen Krebskranken zu begründen, die er nie enttäuschen würde. Denn das ist der vielleicht stärkste Moment in den insgesamt fast zwei Stunden mit Oprah:

Erst der "alte Lance" in der Videoaufzeichnung, der voller Nachdruck dem Anwalt der Gegenseite einhämmert, dass er NIE das Vertrauen jener Überlebenden aufs Spiel setzen würde – und dann der angeblich "neue Lance", der genau das sagt, was dazu zu sagen ist: "Krank".

"Unbesiegbar" habe er sich damals gefühlt – und ja, "dieser Typ, der ist immer noch da – ich versuche aber, ihn loszuwerden", präsentiert sich Armstrong als gespaltene Persönlichkeit. Das erinnert mich irgendwie frappierend an Gollum.

Dazu passt, dass Armstrong davon spricht, wie er sich nun "den Dämonen stelle" in einem Prozess, "der wohl den Rest des Lebens dauern wird".

"75 million Dollar day"

Doch es drohen ihm ja auch noch ganz konkrete Prozesse – darüber aber will Winfrey nicht reden. Die drohende Millionenklage, die Floyd Landis ins Rollen gebracht hat? Die Schadensersatzforderungen? Die Preisgelder der Tour? Der verjährte Meineid? Müssen alle leider draußen bleiben.

Dabei wird sehr wohl über Geld gesprochen, viel Geld sogar. Armstrong darf schildern, wie ihn die Sponsoren reihenweise verließen, kumulierend im "75 million Dollar day". Da hat man fast für eine Sekunde Mitleid – bis einem einfällt, dass Armstrong einerseits noch immer weit vom Ruin entfernt ist, dass er sich dieses Geld unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen hat – und er selbst gnadenlos Gegner in den Ruin zu treiben versuchte.

"Bekam die Todesstrafe"

Wie ungerecht behandelt sich Armstrong vorkommt, gerade im Vergleich zu anderen Dopern, macht der 41-Jährige ohne Umschweife deutlich. "Ich bekam die Todesstrafe" bringt er seine lebenslange Sperre auf den Punkt. "Alle anderen kamen mit sechs Monaten davon" – er könne hingegen nicht einmal mit 50 Jahren beim Chicago Marathon mitlaufen. Da wirkt Oprah fast so geschockt wie bei den 75 Millionen.

Doch dass die anderen zwar spät, aber eben nicht so wie er erst nach dem Urteil gestanden, scheint Armstrong nicht begreifen zu wollen. Er hatte die gleiche Chance auf eine verkürzte Sperre wie Leipheimer, Zabriskie und Co. – aber es war seine Entscheidung, damals zu schweigen.

Wer rollte die Joints?

In dramatischer Weise erzählt Armstrong dann davon, wie er sich vor seinem Comeback 2009 die Erlaubnis seiner Ex-Frau für die Rückkehr in den Rennzirkus holte. Diese habe eine Bedingung gestellt: Er müsse diesmal sauber bleiben – sonst gebe sie ihren Segen nicht. Er habe wegen der mittlerweile besseren Kontrollen an einen "sauberen Sport mit Chancengleichheit geglaubt", so Armstrong – und an seine Chance auf einen sauberen Toursieg.

Warum er dann aber weiter mit Michele Ferrari arbeitet, dem Italiener insgesamt siebenstellige Summen überweist und auch sonst genau jenes Umfeld behält, in dem er ein Jahrzehnt lang sein Doping perfektionierte – leider keine Nachfrage wert.

Auch die Rolle von Kristin Armstrong selbst, deren hohe Wertmaßstäbe er preist, wird nicht in Frage gestellt. Dass sie laut Zeugenaussagen bestens über die Betrügereien informiert war, dass das EPO im Butterfach des Kühlschranks lag, dass sie bei der WM 1998 vor dem Start die Kortison-Tabletten in Alufolie packte ("Kristin rollt die Joints" sollen die Fahrer gescherzt haben) – kommt nicht zu Sprache.

Mit 112 Fragen, so Winfrey, sei sie in das Gespräch gezogen. Ich habe nicht mitgezählt, wie viele gestellt wurden. Aber hier sind ein paar, die ich mir doch sehr gewünscht hätte:

- Wenn das Comeback 2009 wirklich sauber war: Wie erklären sich dann die Blutwerte aus jenen Jahren, die laut WADA unzweifelhaft Doping belegen?

- Was geschah in den 20 Minuten, die der Dopingkontrolleur am 17. März 2009 warten musste, bis er ins Haus durfte?

- Wofür hatte das Team bei der Tour 2009 Transfusionsbesteck dabei, wenn der Besitz in Frankreich doch strafbar ist?

- Warum wurde an die UCI großzügig gespendet, während im Team US Postal die eigenen Helfer auf Prämien verzichten sollten?

- Und weshalb behaupten Sie, die Zahlungen an die UCI seien erst geflossen, als die Karriere bereits beendet war - wenn doch die UCI selbst erklärt hat, schon 2002 habe sie 25.000 Dollar erhalten?

- Warum wollen Sie auf die Frage nach dem Dopinggeständnis im Krankenhaus in Indiana nicht antworten?

- Sie behaupten, es habe kein sechsstelliges Angebot an USADA gegeben - lügt dann also deren Chef im TV-Interview?

- Wer ist eigentlich Johan Bruyneel? Und wo könnte der stecken? Und was dürfte der zu dem Geständnis meinen?

- Wie kam es denn dazu, dass Filippo Simeoni zufällig als amtierender italienischer Meister nicht am Giro 2009 teilnehmen durfte, wo sie zufällig erstmals am Start waren?

So sehr ich diese Fragen von Winfrey vermisst habe - sie sorgte immerhin für ein prophetisches Ende. Sie gab Armstrong einen Bibelspruch mit auf den Weg:

"Die Wahrheit wird euch frei machen."

Und was erwidert Armstrong? "Das sagt Kristin mir auch immer wieder." Doch die ist tiefgläubig - und er Atheist. Und zur befreienden Wahrheit ist es für ihn noch ein weiter Weg.

Mehr zum Thema:

Armstrong: Kannste vergessen?

Armstrong: Kannste vergessen?

Blut, Betrug, Lügen & Schumi

Armstrong ist nur der Anfang

Es geht auch sauber: Adieu, Anti-Armstrong

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen