Um Reifenbreite

Sport-Märchen mit zwei “Geburtshelfern”

Andreas Schulz
Um Reifenbreite

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Simon Gerrans und Jean-Francois Quénet 2006

Simon Gerrans und Jean-Francois Quénet 2006

Vor zwei Tagen war das Orica-Team mit seinem Bus die Lachnummer der Tour. Mit Simon Gerrans schlugen sie zurück und schrieben Sportgeschichte.

Denn was für uns ein Sieg wie viele sein mag, ist für den australischen Radsport ein Meilenstein und zugleich die Erinnerung daran, was für Geschichten der Radsport schreibt.

Erstmals hat mit Orica ein australisches Team eine Etappe der Tour gewonnen: Bei der 100. Austragung ein schönes Zeichen für die Internationalisierung des Radsports. Was für uns heute normal ist, war ein langer, schwerer Weg für die gerade anfangs nur wenigen Profis aus "down under".

Gerade das Beispiel von Gerrans zeigt das, denn er wäre ohne zwei "Geburtshelfer" der besonderen Art nie Radfahrer bzw. Profi geworden.

Nachbarschaftshilfe vom Pionier

Der Bauersohn, der zweieinhalb Autostunden von Melbourne entfernt im Busch aufwuchs, hatte nie an eine Karriere im Radsport gedacht. Erst mit 17 Jahren verändert ein Schicksalsschlag letztlich sein Leben: Bei einem Unfall mit dem Motocross-Motorrad zertrümmert er sich sein Knie völlig. Ein Nachbar leiht dem Teenager aus Mansfield ein Rad, damit er wieder langsam fit werden kann.

Dieser Nachbar ist niemand anders als Phil Anderson, der erste australische Top-Profi, 1981 erster Träger des Gelben Trikots, der nicht aus Europa kam. "Ich wusste, dass er Radfahrer war – aber ich hatte keine Ahnung, was das in Europa bedeutet", erklärt Gerrans. Doch der nur 1,70m große Spätberufene hat Talent. Er schafft den Sprung nach Europa, aber der Durchbruch will nicht kommen.

Nimm mein Auto und meine Wohnung!

In kleinen Teams hält er sich über Wasser, bis ihm ein neuer Glücksfall hilft. Es ist ein Journalist, der letztlich dafür sorgt, dass aus dem Talent doch noch ein späterer Top-Fahrer wird. Jean-Francis Quénet, ein exzellenter Kenner der Szene und feiner Schreiber, bringt ihn im drittklassigen norwegischen Rennstall Ringerike unter. Dumm nur, dass dieser seinen Sponsor verliert. Aber Quenet springt wieder ein, er überlässt Gerrans eine Wohnung in Angers und seinen Wagen dort, während der 23-Jährige bei einem Amateurclub in Nantes einen letzten Versuch wagt.

"Ich hatte mein Auto in Australien verkauft, um mir den Flug noch einmal leisten zu können", blickt Gerrans zurück. Eine lohnende Investition. Er beißt sich durch, darf sich im Herbst 2004 beim Profiteam ag2r beweisen – und wird tatsächlich genommen.

Schritt für Schritt macht er sich einen Namen als Spezialist für mittelschwere Rennen, der gut über die Berge kommt und eine beachtliche Endgeschwindigkeit hat. Vor allem aber als ein Fahrer mit dem richtigen Näschen für Taktik und langfristiger Planung. "Körperlich habe ich keine enormen Fähigkeiten, aber ich kann alles mobilisieren – und mit der richtigen Taktik schaffe ich es, ein paar schöne Rennen zu gewinnen", fasst es Gerrans selbst perfekt zusammen.

Und die Siege werden immer hochkarätiger – von der Tour-Etappe 2008 über Tagessiege bei Vuelta und Giro 2010 bis hin zu Mailand-San Remo 2012, um nur die wichtigsten von nun 26 Erfolgen zu nennen. Und der WM-Kurs in Florenz könnte für den 33-Jährigen die ultimative Krönung bringen.

"Das hat Armstrong auch immer gesagt..."

Zum vollen Bild gehört aber auch, dass der langjährige Trainer von Gerrans neben exzellenten Referenzen auch Kontakte pflegte, die man mit Skepsis betrachten muss. Benoit Nave, der viele Jahre das Top-MTB-Team Volvo-Cannondale coachte, arbeitete auch sporadisch mit und für Lance Armstrong. Dem in Annecy residierenden Franzosen soll laut eigener Aussage auch der skandalumwitterte Bernard Sainz (alias Dr. Mabuse) als "einzigem Heilpraktiker mein Wissen weitergegeben haben". Daraus soll keine Sippenhaft konstruiert werden – aber es zu verschweigen, wäre schlichtweg nicht korrekt.

Zumal Gerrans niemand ist, der das Thema Doping nur bei Androhung von Waffengewalt anspricht. Ende November 2012 machte er nach dem großen Wirbel um das Urteil gegen Armstrong seine Position deutlich: "Ich bin immer sauber gefahren, meine ganze Karriere. Alle meine Tests waren ok - aber schon klar, das hat Armstrong auch immer gesagt", bringt er das Dilemma auf den Punkt und wirbt um Vertrauen. "Letztlich muss man mir mein Ehrenwort einfach glauben – mehr kann ich nicht anbieten."

Zankapfel Zahnspange

Was das notwendige Misstrauen großen Leistungen gegenüber für Folgen haben kann, machte Gerrans an einem schönen Beispiel deutlich. Als er 2008 seine erste Tour-Etappe gewinnt, lächelte er mit einer Zahnspange vom Podium – im stolzen Alter von 28 Jahren. "Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, ob die Leute nicht die falschen Schlüsse ziehen", gibt er zu – denn unnatürliches Kieferwachstum nach Missbrauch von Wachstumshormonen führt immer wieder dazu, dass Sportler verschiedenster Disziplinen sich ganz nebenbei die Zähne richten lassen müssen.

Aber Gerrans behauptet, in seinem Fall sei es viel banaler gewesen: "Als ich jünger war, konnten wir uns die notwendige Behandlung für meinen schlechten Kiefer schlichtweg nicht leisten. Ich hatte zwar schon einmal eine Zahnspange – doch die verlor ich als Schulkind. Meine Eltern waren stocksauer und die Behandlung wurde so nie richtig beendet."

Eine rührselige Geschichte, die uns von der wüsten Wirklichkeit des Spitzensports ablenken soll – oder vielleicht doch einfach die Realität? Ich bin total gegen eine naiv-romantische Sicht auf die Dinge. Aber nur noch müder Zynismus bringt uns auch nicht weiter: Sonst braucht man nicht mehr zum Metzger, in eine Bank, zum Zahnarzt oder zur Wahl zu gehen.

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