Um Reifenbreite

Siege & Rückschläge im härtesten Rennen

Contador & Armstrong 2010Contador & Armstrong 2010

Ende gut alles gut? Von wegen. Jetzt ist also endlich ein Urteil im Fall Contador da - und in seiner Schärfe nicht unbedingt jenes, das erwartet bis befürchtet wurde.

Warum also "ein schwarzer Tag für den Radsport"? Dieses Zitat von UCI-Chef Pat McQuaid lässt im ersten Moment glauben, Alberto Contador sei vom CAS freigesprochen worden - wogegen eben jene UCI ja dort geklagt hatte.

Für mich bleiben eher Grautöne statt sattes Schwarz oder strahlendes Weiß die Farben der Saison, auch wenn Lagerdenken und "Immer feste druff" natürlich einfachere Wege sind, sich sein Bild der Wirklichkeit zu machen - nicht nur im Sport.

Es lohnt sich aber, mal wieder genauer hinzusehen - auf das Urteil im Fall Contador und auf den ewigen Kampf des Radsports gegen das Doping: Resignation oder Siegesgewissheit - für beides gibt es keinen Anlass.

CAS zieht Joker: "Lachender Dritter"

Dass der größte aktuelle Star der Radszene ein hartes Urteil bekommt, entgegen aller Munkeleien über Zusammenhänge wie die Nationalität des vorsitzenden Richters und die Ortswahl des Trainingslager von Contadors Team, ist ein gutes Zeichen.

Aber ein detaillierterer Blick in das 98-seitige Urteil zeigt auch, dass es letztlich ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten war. Wie konnte die minimale Clenbuterol-Spur am schlüssigsten erklärt werden: Schweinerei im Kalbsfleisch (Spanien)? Betrug mit Blut (WADA)? Weder noch!

The winner is... "Verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel", so das dreiköpfige Gremium nach monatelangem Verfahren in Punkt 512 des Urteils.

Weil er aber diese Spur kategorisch ausschloss, muss Contador nun jede Menge großer und kleiner Siege abtreten, eventuell noch mächtig Geld rausrücken und sein aktuelles Team Saxo Bank um die Lizenz fürchten.

Möglichkeit, nicht Märchen

Festzuhalten bleibt aber auch: Contadors Erklärungsversuch einfach in die Reihe der zahllosen kuriosen Begründungen ertappter Sünder zu stellen, greift zu kurz. Der CAS stellt eindeutig fest, dass verunreinigtes Fleisch eine plausible These für seinen positiven Test ist. Nur konnte das spanische Lager eben nicht überzeugend genug nachweisen, dass es wohl die wahrscheinlichste Quelle war. Besser gelang das einst etwa Tennis-Ass Richard Gasquet, der einen Kokain-Kuss ins Spiel brachte - und damit durchkam.

Es ist die Crux dieses Falles, dass er sich um winzigste Mengen von Clenbuterol oder Phthalaten dreht. Der rauchende Colt bzw. die tropfende Nadel wurde hier eben nicht gefunden.

Contador selbst wird sich erst noch äußern. Zurücktreten aber, wie er es für den Fall eines Schuldspruchs einst drohte, wird er nicht - das verkündete inzwischen sein Bruder Fran schon vorab.

Dreist bis zur Selbstverleugnung

Wie fast immer verstecken sich in den trockenen Urteilen des CAS auch manche Perlen, neben Diskussionen über Urinmengen und Gesamtgewichte von Kälbern, von denen man 3,2 Kilogramm beim Metzger gekauft hat.

Meine Lieblingspassage will ich nicht vorenthalten. Denn sie zeigt, wie sehr sich das Selbstbild Contadors von dem eines jeden halbwegs neutralen Beobachters der Szene unterscheidet:

Ohne jetzt in die Details gehen zu wollen, denn da gäbe es berüchtigte Namen im Großpack, zeigt dies schlagartig die Schmerzfreiheit, mit der da zu Werke gegangen wird.

Armstrongs nächster Sieg

Ist nun aber diese Sperre ein Grund, die Härte und Effektivität des Kampfes gegen Doping lauthals zu feiern, eine Durchbruch zu bejubeln, eine Zeitenwende gar? Eher nicht.

Denn während Seriensieger Contador nun also einen Tour-Titel verliert, ist Rekordmann Lance Armstrong gerade vor wenigen Tagen mal wieder der Triumphator gewesen.

Die Ermittlungen gegen ihn in den USA wurden eingestellt, ein ähnlich langes Prozedere wie im Fall Contador mündet nicht in ein Verfahren. Über die Gründe schwieg sich Staatsanwalt Andre Birotte Jr. bisher aus - 20 Monate Nachforschungen enden abrupt.

Ein extrem wichtiger Etappensieg für den umstrittenen texanischen Dominator, für den er auch große Summen für Top-Anwälte mobilisiert hatte. Es bleibt eine kleine Hoffnung auf weitere Aufklärung, die US-Antidopingagentur will die Materialien für ihre Zwecke nutzen - doch ob sie die (finanziellen) Mittel für ein Duell mit dem reichsten und mächtigsten Ex-Profi hat, ist zweifelhaft.

Wer lacht wirklich zuletzt?

Doch auch hier lohnt sich ein zweiter Blick: Armstrong wurde zwar nicht vor die "Grand Jury" gebracht, doch das stellt noch längst keine Entlastung in allen Punkten dar. Es konnte lediglich nicht nachgewiesen werden, dass Gelder des staatlichen Sponsors US Postal für ein organisiertes Dopingprogramm im Team missbraucht wurden.

Ob aber im Team gedopt wurde bzw. ob Armstrong unerlaubte Leistungsförderer anwandte, war nicht Gegenstand des Verfahrens, da Doping in den USA kein Straftatbestand ist.

Und die fast schon unüberschaubare Menge von Mosaiksteinchen, welche die dunkle Seite des strahlenden Comebacks von Armstrong nachbauen hilft, ist doch mächtig angewachsen. Die Aussagen von Tyler Hamilton über gemeinsame Praktiken etwa ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Endloser Kampf, schwerer Ausweg

Und neben diesen beiden "Königsetappen" gab es in den letzten Wochen viele kürzere Teilstücke im unendlichen Rennen des Radsports mit dem Doping. Teils hatten Aufklärer Rückenwind, dann wieder ließ ein Massensturz Hoffnungen auf grundlegende Besserung zu naivem Romantismus verkommen.

Ein Alejandro Valverde kehrt strahlend nach seiner Dopingsperre zurück, ist sich weiter keinerlei Schuld bewusst und wird umgehend wieder an vorderster Front in seinem alten Team integriert. Auf dich haben wir gern gewartet.

Stefan Schumacher rutscht durch Contadors Disqualifikation nun aufs Podium der Tour San Luis in Argentinien im Januar nach. Glückwunsch.

Frankreich wundert sich über eine wachsende Liste an Top-Radlern, die zu oft nicht in der Lage sind, den Testern ihren Aufenthaltsort rechtzeitig mitzuteilen — simple Schludrigkeit oder kaltes Kalkül?

In Erfurt haben sich Star-Athleten und Top-Talente mit mächtig fragwürdigen Methoden behandeln lassen - jetzt fallen alle aus allen Wolken. Naivität und Skrupellosigkeit sind nicht leicht zu trennen.

All' das zeigt, wie weit der Radsport noch davon entfernt ist, sein härtestes Rennen zu gewinnen. Auf Erfolge in Zwischensprints folgen böse Rückschläge, auf eindrucksvolle Solo-Ritte üble Hungeräste. Es wird weiter dreist betrogen und gelogen und gleichzeitig an anderer Stelle ernsthaft und erfolgreich in die richtige Richtung gearbeitet. Wer sich etwa fragte, warum eine "no-needle-policy" Sinn machen könnte, hat durch Erfurt-Affäre die beste Antwort bekommen.

Es gibt eben kein klares, schwarz-weißes Bild. Deshalb haben sich so viele Leute vom Radsport abgewendet, deshalb leiden seine engagierten Fans so an ihm - oder ziehen sich in den Zynismus zurück. Sperre für Contador - klar, die Jungs sind alle voll. Freispruch für Contador - klar, da wird doch jede Schweinerei gedeckt.

Welcher Ausweg bleibt? Nur ein steiniger. Mit hoher Gefahr, durch zu optimistische Mutmaßungen über den Stand der Sauberkeit böse aufs Maul zu fallen. Nie zu sehr jubeln, nie zu früh. Aber auch den Respekt vor der Leistung der Fahrer nie verlieren, die sich jetzt durch Wüsten- und Eiswind quälen.

Dass ein Saubermann-Team wie Garmin just am Tag des Contador-Urteils im Mannschaftszeitfahren der Katar-Rundfahrt zum Sieg jagt, kann einem eventuell ja auch Mut geben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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