Um Reifenbreite

Noch Fragen?

"Das war eine Befreiung", jubelte Alberto Contador nach seinem Sieg in Verbier - und nicht nur für ihn. Die wochenlange Diskussion um die Kapitänsrolle im Team Astana, die regelmäßigen Umfragen über Armstrongs Chancen auf de Tour-Sieg und die dauernden Psycho-Spielchen des Texaners sind nun wohl endgültig beendet. "Ich brauchte diesen Sieg, denn ich habe schwierige Tage hinter mir", gestand Contador freimütig.

Familienfest

Passend zur Machtübernahme des Spaniers hatte sich seine Familie in den Schweizer Bergen eingefunden, die eine Bilderbuch-Kulisse für den großen Auftritt des Top-Favoriten boten. Erst bangend, dann begeistert verfolgte die Contador-Sippe den Sturmlauf ihres 26-jährigen Aushängeschildes.

Bruder Francisco begleitet das Rennen in seiner Funktion als persönlicher Manager seit Beginn, doch nun standen auch die stolzen Eltern im Zielraum und warteten nach der Siegerehrung geduldig auf den Mann des Tages. Kein Fan und kaum ein Journalist beachtete die kleine Gruppe am Rande der Absperrungen. Die meisten dachten wohl, dass hier einfach eine Dame mit etwas Glück den Siegerstrauß des Etappensiegers gefangen hatte, mehr nicht.

"Auf dem Rad gestorben"

Das lange Warten auf eine Vorentscheidung in dieser Tour hatte sich gelohnt. Die zweite Bergankunft sorgte für überraschend klare Verhältnisse, dank des extremen Tempos durch Saxo Bank zu Beginn des Anstiegs und der frühen Attacke durch Contador.

Sofort zeigte sich, dass der Sieger von 2007 als Kletterer eine Klasse für sich bleibt - ebenso wie Andy Schleck den restlichen Konkurrenten bergan überlegen ist. Offensichtlich wurde auch, wo die Grenzen von Armstrong liegen. Zu viele Gegner musste der selbstbewusste Superstar ziehen lassen, zu offensichtlich litt er in den Serpentinen. "Es war verdammt hart, ich habe alles gegeben und war nicht der Beste - da gibt es nichts zu diskutieren", gestand er seine Niederlage ein.

Als er über anderthalb Minuten nach Contador über die Ziellinie fuhr, war in seinen Augen nichts mehr zu sehen vom früher stets so herausfordernden Blick: Da kam ein Fahrer am Ende seiner Kraft, die einstige Siegesmaschine wirkt plötzlich menschlich und verletzlich. Fix und fertig war aber auch der Überraschungsmann dieser Tour. Bradley Wiggins fiel mit aschfahlem Gesicht nach seiner sensationellen Fahrt auf den dritten Gesamtrang fast vom Rad.

Am Ende seiner Kraft und seines Lateins sah sich kurz hinter dem Briten genauso Cadel Evans. "Ich bin auf dem Rad gestorben. Das war mein schlimmster Tag überhaupt - und ich wusste es vom ersten Kilometer an", verriet der Australier später. "Für einen schwarzen Tag habe ich mich noch gut geschlagen", meinte er zwar mit Recht, doch statt geplanter Aufholjagd liegt er nun weiter außerhalb der Top Ten.

Generationswechsel?

Auffällig bei diesem großen Schlagabtausch mit offenem Visier war die klare Verteilung der Spitzenplätze im Duell jung gegen alt: Die ersten fünf Ränge gingen allesamt an U30-Fahrer, erst dahinter kamen dann die fünf erfahrenen Recken Sastre, Evans, Klöden, Armstrong und Kirchen. Vielleicht nur eine zufällige Momentaufnahme, in jedem Fall aber der Vorbote der sich abzeichnenden umfassenden Wachablösung.

Die Machtdemonstration durch Contador hat dabei zum Glück nicht alle eingeschüchtert. Andy Schleck gab sich weiter kämpferisch: "Das war erst die erste Alpenetappe und dazu die leichteste, sie war perfekt für ihn", bilanzierte der Luxemburger und versprach: "Wir werden kämpfen bis zuletzt!" Allerdings wird es für den 24-Jährigen schwer, den Rückstand zum neuen Spitzenreiter noch aufzuholen, denn dieser ist ihm auch im Zeitfahren überlegen.

Spannung bis zuletzt

Doch das Podium in Paris steht noch lange nicht fest und in ihrem Stolz verletzte Asse werden noch mindestens auf die Jagd nach einem prestigeträchtigen Tagessieg in den Alpen gehen. Ganz davon abgesehen, dass schwarze Tage à la Evans jeden Fahrer treffen können. Vor dem Gipfel des Ventoux darf sich niemand seiner Platzierung sicher sein - auch Contador nicht.

Dass dieser bei aller Begeisterung für den geglückten Befreiungsschlag die schwersten Momente seines Karriere nicht vergessen hat, sorgte für einen bewegenden Moment des Innehaltens im schier endlosen Mikrofon-Marathon. Ob das der schönste Tag in seinem Leben sei, fragte ein Kollege. "Nein", antwortete Contador und rückte mit einem Satz den ganzen Hype um die Tour oder den teaminternen Zwist mit Armstrong in die Dimension der Nebensächlichkeiten. "Nein, denn das war jener Tag 2005, an dem ich wieder mein erstes Rennen fuhr - nachdem ich ein Jahr davor bei einer Operation fast mein Leben verloren hätte."

Schöne Grüße aus der Schweiz,
Andreas Schulz

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