Um Reifenbreite

Feigheit vor dem “Feind”?

Prudhomme gibt die Richtung vor"Doping ist der Feind - nicht der Radsport, noch weniger die Tour!"

Christian Prudhomme war es ernst mit dieser Botschaft zum Auftakt der Tour-Präsentation.

Zumindest schien es so - energisch unterstrich der Franzose, dass der Radsport gefälligst endlich einen "Kulturwandel" schaffen solle.

Den Wunsch nach einem solchen Wandel spreche ich Prudhomme nicht ab, doch wo bleiben neben den engagierten Worten die Taten?

Der 51-Jährige ist ein absoluter Medien-Profi, war viele Jahre selbst einer der wichtigsten Sportjournalisten im Lande. Er weiß genau, was seine früheren Kollegen nun hören wollen und hat auch eine genau Vorstellung davon, wie sie im Idealfall über die Tour berichten sollen. Damit das funktioniert, liefert er jederzeit druckreif formulierte Statements - ob bei Präsentationen, Pressekonferenzen oder im Plausch nach dem Rennen.

Und er setzt als einstiger TV-Kommentator darauf, dass die Tour gerade auch optisch ein echter Leckerbissen für die Zuschauer am Bildschirm wird. Stolz zählte er im Palais des Congrès auf, an wie vielen UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten das Rennen 2013 vorbeikommt - für Hardcore-Radfans eher belanglos, für das TV-Erlebnis in HD auf großem Bildschirm unschätzbar.

Ich nehme Prudhomme seine Wut gegenüber den Dopern zwar durchaus ab. Gerade wenn große Stars mit größter Dreistigkeit "sein" Rennen mit Negativschlagzeilen versorgen, kann er richtig sauer werden. Ich erinnere mich etwa an die PK 2007 in Pau, als die Affäre Winokurow explodierte - da wollte man kein Kasache sein...

Wie aber soll nun der große "Feind" im Jahr 2013 bekämpft werden? Welche Maßnahmen ergreift ganz konkret die Tour? Wie will sie dafür sorgen, dass der Sieger der 100. Tour länger in den Listen steht als jener der Geburtstags-Auflage von 2003?

Wildcards statt warme Worte!

Eine Option reißt Prudhomme an. Er lobt die alternative Teamvereinigung MPCC und deren "drakonische Maßnahmen" als vorbildlich. Die 2007 gegründete Vereinigung jener Rennställe, die das Verhalten der Mehrzahl der Teams vor dem Tour-Start in London nicht mehr ertrug, hat sich interne Regelungen auferlegt, die deutlich über das hinaus gehen, was die UCI fordert.

Doch was tut die Tour tatsächlich, um den inzwischen elf Rennställen der 1. und 2. Liga Rückendeckung zu geben, die sich dem MPCC angeschlossen haben? Bei der Präsentation blieb es bei Worten, dabei hätte es sehr konkrete Möglichkeiten gegeben, ein Zeichen zu setzen.

Warum nicht festlegen, dass die vier Wildcards für die freien Tour-Startplätze nur an MPCC-Teams gehen? Das wäre ein starkes Signal gewesen und würde die Mannschaften, die es verdient haben, auch belohnen. Und es geht ja nicht nur um die Tour: Die ASO veranstaltet rund ein Drittel der wichtigsten Rennen des Jahres, bei Eintagesrennen wie Paris-Roubaix können dabei sogar bis zu sieben Teams nach Gusto geladen werden und nicht nur vier wie bei der "grande boucle".

Außerdem könnte die ASO mit ihrer geballten Macht auch beim Weltverband Druck machen, die Regelungen des MPCC verpflichtend für alle Teams zu übernehmen. Selten standen die Chancen so gut, derartige "Wünsche" auch erfüllt zu bekommen - die ASO ist mit Abstand der "big player" im Geschäft und in einer Position der Stärke, die UCI umgekehrt angeschlagen und zum Handeln in der Doping-Frage gezwungen.

Kohle statt Kommentare!

Mit Recht hat Prudhomme auch die Bedeutung der Dopingkontrollen in seiner Rede unterstrichen. Immerhin seien durch solche angeblich oft wirkungslosen Tests "zwei Tour-Sieger innerhalb von fünf Jahren" erwischt worden, kommentierte er mit Blick auf die Fälle von Floyd Landis und Alberto Contador die Kritik an den Kontrollen.

Wo bleibt jedoch der nächste Schritt? Tests schrecken ab, kosten aber Geld. Aktuell steuern zwar alle Rennveranstalter einen Obolus zur Finanzierung des "Biologischen Passes" bei - aber warum kündigt Prudhomme nicht auf der großen Bühne medienwirksam an, dass die ASO mit einem eindrucksvollen Betrag die Zahl der Analysen bei ihren Rennen massiv erhöht? Im Unterschied zu vielen anderen Organisatoren geht es dem Pariser Unternehmen glänzend und die Sponsoren dürften ein solches sichtbares Engagement für einen saubereren Sport auch goutieren.

Vorreiter statt Veranstalter!

Dass zielgerichtete Kontrollen viel bringen können, zeigte die Tour 2008, in deren Zuge immerhin acht Fahrer überführt wurden - darunter etliche Hauptdarsteller wie Kohl oder Ricco. Daran erinnerte auch ASO-Boss Jean-Etienne Amaury zur Eröffnung  der Tour-Präsentation. Immerhin sei man damals die "weltweit erste Veranstaltung gewesen, die ihre Antidoping-Kontrollen komplett in die Hände einer komplett unabhängigen Instanz, der AFLD, gegeben habe".

Prudhommes Chef aber erwähnte nicht, dass schon 2009 die 'Alleinherrschaft' der AFLD vorbei war und die französischen Fahnder seitdem in Zusammenarbeit mit der UCI am Werke sind. Welche Schwächen diese 'Zwangsehe' hat, ist seitdem gerade von der AFLD immer wieder beklagt worden.

Warum also nicht festlegen, dass die AFLD wieder unabhängig von anderen Organisationen auf die Jagd nach Betrügern gehen kann? Selten bot sich das mehr an als für 2013, wo nach zehn Jahren Pause die Tour wieder komplett auf französischem Boden verläuft, ohne Abstecher ins Ausland.

Eine Antwort für das zögerliche Verhalten der ASO gibt Amaurys Vorgänger: Patrice Clerc wurde nach der Tour 2008 entlassen und durch den Sprössling der Eigentümer-Familie Amaury ersetzt. Denn der erfahrene Manager stand für eine harte Linie im Dopingkampf, riskierte dabei auch Konflikte mit der UCI und machte lieber vom "Hausrecht" der Tour Gebrauch und schloss verdächtige Fahrer aus -  wie etwa im Zuge der Puerto-Affäre zum Tour-Start 2006.

Nun erklärt Clerc: "Seit sich die ASO mit der UCI auf ein Abkommen geeinigt hat, wiederholt man dort dauernd: 'Wir sind einfach nur Veranstalter'." Doch so einfach kann es sich der im Radsport einflussreichste Konzern meiner Meinung nach nicht machen. Er muss handeln - und er hat die Mittel dazu, finanziell wie strukturell.

Entlastung statt Extreme

Allerdings gehöre ich nicht zu jenen, die in den sportlichen Anforderungen der Tour das große Übel und den heimlichen Grund für Doping sehen. Um nur so viel zur nun präsentierten Strecke für die 100. Auflage zu sagen: Man mag manches daran kritisieren - aber zu hart ist sie nicht. Von der härtesten Tour aller Zeiten zu schwadronieren ist Quatsch.

Sehr viele Etappen sind recht kurz - gerade auf welligem Terrain wie in Korsika sowie im Hochgebirge. Die Transfers sind, von den zwei Flügen abgesehen, überschaubar gehalten - ein wichtiger Regenerations-Faktor für die Fahrer. Und die Schwierigkeiten sind nicht zu extrem - wer sich da von den Namen Ventoux und Alpe d'Huez blenden lässt, kennt sich nicht aus.

Ja - die Ventoux-Etappe ist sehr lang. Aber sie ist bis auf den schweren Schlussanstieg flach. Ja - Alpe d'Huez im Doppelpack gab es noch nie und klingt wild. Aber auch sonst war vor den 21 Serpentinen ein anderer Pass zu bezwingen, oftmals sogar mit weniger Abstand zur entscheidenden Kletterprüfung. Von steilsten Bergen im Exzess, wie man es zuletzt beim Giro teilweise finden konnte, ist die Tour weit entfernt. Die drei Zeitfahren haben auch alles andere als Überlänge - das gab es alles schon weitaus schwerer.

Bedenklich fand ich eher, dass Prudhomme sich zwar zu vielen oben genannten konkreten Aspekten nicht geäußert hat, dafür aber die Idee unterstützt, die Zahl der Fahrer pro Team von neun auf acht zu reduzieren.

Für mich ein Schritt in die falsche Richtung: Damit würde sich in jeder Mannschaft die Arbeit auf weniger Schultern verteilen und die Belastung der Fahrer unnötig erhöht. Ob Flaschenholen am Teamfahrzeug, Tempobolzerei auf der Jagd nach Ausreißern oder Hilfe für den abgehängten Kapitän - die Mannschaftskollegen würden drei Wochen lang grob gesagt jeder zehn Prozent mehr übernehmen müssen.

Dann doch lieber weitere kleine Verbesserungen für die vielen Profis, die nicht im Rampenlicht stehen. Ein vielfach unbemerkter, aber sehr sinnvoller Schritt war die zumindest teilweise Anpassung der Karenzzeiten in den letzten Jahren: Damit haben die auf Flachetappen abgehängten oder am Berg im Grupetto kämpfenden Fahrer ein wenig mehr Luft erhalten.

Selbst wenn also Spitzenfahrer ganz vorne mit verbotenem Treibstoff die Richtzeit in extreme Dimensionen schrauben, muss nicht jeder andere Fahrer auch "aufrüsten" um überhaupt rechtzeitig ins Ziel zu kommen.

Ich bin sehr gespannt, ob die ASO in den Monaten bis zum Auftakt auf Korsika doch noch ein paar handfeste Aktionen zustande bringt, um die Ankündigungen mit Leben zu füllen.

Nur mit Reden, so energisch sie sind, wird man den Feind nicht besiegen.

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