Um Reifenbreite

Bock zum Gärtner?

Solche "Richter" kann man sich nur wünschen: Kaum macht die UCI im Fall Contador Ernst - und dürfte damit manche ihrer Kritiker überraschen - kommt das Verfahren vom Regen in die Traufe.

Dabei geht alles brav nach Reglement: Der spanische Verband ist nun also gehalten, über den positiven Test beim Topfahrer des Landes zu befinden. Und was fällt dem Präsident der "Königlichen Föderation" als erste Reaktion noch am selben Abend ein?

"Ich wünsche mir, dass der Ausgang günstig für den Sportler sein möge."

Na prima. Und Juan Carlos Castano hat selbstverständlich einen guten Grund, weshalb er Contador für unschuldig hält. Denn: "Ich kenne ihn, seit er in der Nachwuchsmannschaft fuhr und kann gar nicht anders, als mich in seine Haut zu versetzen."

Da hätte es ja nicht wochenlange Untersuchungen und Expertisen benötigt, um den Fund minimaler Clenbuterol-Spuren zu erklären und zu bewerten.
Zwar hat Castano inzwischen neutralere Kommentare nachgelegt - doch die Scherben durch seine vielsagenden ersten Äußerungen im Radio sind damit nur schwer zu kitten.

Expertenstreit im Nano-Bereich

Immerhin soll jetzt mit Hochgeschwindigkeit das Verfahren begonnen werden, doch es ist wohl sehr mit einem neuen Justizmarathon zu rechnen. Einen Monat hat der spanische Verband nun Zeit, danach zieht jede weitere Verzögerung Strafzahlungen an die UCI nach sich. Sollte es länger als drei Monate dauern, kann die UCI das Verfahren direkt vor einen Schiedsrichter des CAS bringen. Dazu kommen dann, wie fast schon Standard, Einsprüche auf höchster Ebene, die das endgültige Urteil weiter verzögern dürften.

Zwischen Freispruch und zweijähriger Sperre ist noch alles möglich, ganz ungeschoren wird Contador aber kaum davonkommen. Das macht schon der Schritt der UCI deutlich, die nach langen Untersuchungen hochqualifizierter Experten den Fall nicht zu den Akten legen mochte.

Das ist die erste gute Nachricht. Denn zumindest ist klar, dass es jetzt keinen Deal mehr geben dürfte, wie ihn die UCI mit Contador wohl anfangs angestrebt hatten.

Jetzt werden wir alle hoffentlich Einblick in die wissenschaftlichen Gutachten der letzen Wochen und Monate erhalten, denn das Verfahren wird ein Duell der Analysen und Erklärungsansätze werden. Wo kam das Clenbuterol her? Ist eine Fleisch-Verunreinigung wahrscheinlich, gar belegbar? Was ist mit den Weichmacher-Spuren im Blut - wie wird dieses Indiz gewichtet. Gibt es vielleicht sogar Zeugen, die nicht nur anonym über mögliche Dopingpraktiken berichten können?

Schlimmer als der GAU

Schon vor dem Start der Anhörungen wird klar: Es ist eine Änderung des Verfahrensweges nötig. Anstelle der UCI oder gar der nationalen Verbände sollten die WADA oder die nationalen Anti-Doping-Agenturen die Verfahren führen, um eine dringend nötige höhere Unabhängigkeit zu gewährleisten.
Ich will nur hoffen, dass der Fall Contador nicht eine ähnlich endlose bis unverschämte Angelegenheit wird wie die Affäre Valverde. Bis heute gilt "Piti" seinen Landsleuten als unschuldiges Justizopfer.

Das heißt nicht, dass Contador für mich um jeden Preis schuldig gesprochen werden muss. Wenn es überzeugende, wissenschaftliche Erklärungen für seinen Befund gibt, ist ein Freispruch oder eine Verwarnung, ähnlich wie bei Tischtennis-Ass Dimitrij Ovtcharov durchaus drin.

Ein überführter Tour-Sieger ist der GAU für den Radsport, keine Frage. Doch noch schlimmer wäre es, wenn dem Urteil, ob Freispruch oder lange Sperre, ein "Gschmäckle" anhaften würde.

 

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