Um Reifenbreite

Armstrong: Beichte? Blödsinn!

Die große Beichte blieb aus, die schonungslose Enthüllung fand nicht statt, der Versuch, die Meinungshoheit zurückzuerobern, scheiterte. "Außergewöhnliche Vorwürfe", belehrte Lance Armstrong einst seine wenigen mutigen Ankläger, benötigten "außergewöhnliche Beweise".

Umgekehrt kann man nun sagen: Ein so extremer Betrug wie der seine, begleitet von massiver, jahrelanger Terrorisierung aller Gegner und Lügen gegenüber Millionen Krebskranken, denen er Hoffnung gab, erfordert eine "außergewöhnliche Entschuldigung".

Ja, er hat sich entschuldigt. Ob man diese Entschuldigung annimmt, muss jeder selbst entscheiden – vor allem jene, deren Leben er sehr erfolgreich teilweise zu jener "Hölle" gemacht hat, die er gerne androhte.

Aber außergewöhnlich war sein Auftritt nicht. Dabei hätte er vor dem riesigen Publikum von Oprah Winfrey die Chance gehabt, offensiv reinen Tisch zu machen. Auf jene zuzugehen, denen er über viele Jahre bitter Unrecht getan hat.

Doch so schnell konnte wohl auch ein Vollprofi wie Armstrong nicht innerhalb weniger Wochen vom Dauermodus "wüste Gegenattacke unter Aufbietung aller fiesen Tricks" auf die brandneue Version "reuiger Sünder" umrüsten.

Wo bleibt "the stare"?

Ja, so brav hat man Lance noch nie gesehen, schon gar nicht über fast anderthalb Stunden. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich mir schon Sorgen um ihn machte, weil sein so berühmt gewordener Angriffsblick "the stare" einfach nicht kam. Ja, er hat zumindest den absoluten Kern der Sache nicht bestritten und Doping gestanden.

Das war's dann aber auch schon. Druck auf Teamkollegen ausüben, er? Ach wo. Deals mit der UCI? Aber nein, höchstens eine kleine Spende, wenn man eben nett gefragt wird. Leute verklagen, die doch die Wahrheit sagen (wie Oprah erschüttert feststellt)? Na ja, nicht so doll, aber so war das eben.

Immerhin habe er Betsy Andreu, eine seiner mutigsten Gegnerinnen, zwar eine Schlampe genannt und für verrückt erklärt – "but I did not call her fat". Dann ist ja alles prima.

Sauber aufs Podium?

Und, nur damit das klar ist: Das Comeback, das war natürlich sauber. Zwar orchestriert von Ferrari und Bruyneel, begleitet von Infusionsbestecken bei der Tour, verweigerten Tests im Frühjahr und seltsamen Blutwerten – aber sein letztes Tour-Podium will sich Armstrong nicht nehmen lassen.

Die Tests seien so extrem gut inzwischen, der biologische Pass ganz knallhart – da schien doch immer wieder mal ein Stück des alten Lance und seiner endlos wiederholten Argumente durch. Dass es trotz aller tatsächlichen Verbesserungen im Verlauf der letzten 20 Jahre noch immer durchaus machbar ist, Test und Pass zu schlagen, dürfte kaum jemand besser wissen als Armstrong.

Eines aber steht fest: Eine Verkürzung seiner lebenslangen Sperre kann es so nicht geben. Dazu müsste er Informationen liefern, die den Ermittlern so noch nicht vorliegen – statt einen guten Teil ihrer Beweise abzutun. Klar wird damit auch: Eine halbwegs schnelle Rückkehr ins Sportgeschäft, um vielleicht doch noch beim Ironman auf Hawaii mit Mitte 40 abzuräumen, bleibt vorerst Illusion und war entgegen anderer Meldungen offensichtlich nicht seine Motivation für das Interview.

Gratwanderung für die Weggefährten

Auch die Gerüchte, Armstrong werde mit seinem Herrschaftswissen nun Köpfe rollen lassen und zumindest ein paar Funktionäre mit in den Abgrund reißen, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil – er wolle "keine Namen nennen", schließlich seien nicht alle Leute in dieser Geschichte "toxic and evil".

Das kann ich sogar ein Stück weit irgendwie verstehen – auch wenn es dem Sport alles andere als hilft. Aber egal ob Armstrong sie direkt belastet oder nicht – allein schon sein allgemeines Dopinggeständnis zieht die Schlinge um einige "big player" ein Stück weiter zu.

Die UCI-Spitze spürt die Einschläge näher kommen, Bruyneel und Ferrari nimmt nun sowieso niemand mehr ab, einfach nur mit Landkarte und Stoppuhr beim Training assistiert zu haben. Armstrongs geschätzter Teamkollege Ekimov, frisch bei Katusha als neuer starker Mann installiert, dürfte auch nicht mehr ewig dreifacher Olympiasieger bleiben, BMC-Boss Jim Ochowicz wird sich irgendwann erklären müssen – und eventuell erinnert sich Lance ja doch, was im Astana-Tourteam 2009 so alles hinter den Kulissen lief. Da könnte jemand vielleicht sogar noch späte Rache an Contador nehmen…

Kein Kuschelprogramm

Ein Wort noch zu Oprah: Ich war positiv überrascht. Das war kein Kuschelprogramm mit soften Fragen auf dem Silbertablett. Die Einspielfilme mit Informationen für nicht so in der Causa Armstrong beschlagene Zuschauer waren knallhart, Armstrongs zahlreiche O-Töne aus der guten alten Zeit verfehlten ihre Wirkung in all' ihrer Rotzigkeit sicher nicht. Klar, ein paar detaillierte Fachfragen hätten nicht geschadet (etwa zur falschen Aussage, er hätte seine Karriere beendet, als er an die UCI spendete) – aber da hat jemand insgesamt seine Hausaufgaben gemacht.

Ich kann schwer einschätzen, wie die breite Öffentlichkeit in den USA auf das Interview reagiert. Leute, die von "Showergate" nie gehört haben, Bassons und Simeoni nicht kennen oder bei Ferrari nach wie vor an die Automarke denken – was ihnen in keinster Weise vorzuwerfen ist. Mein Eindruck war aber, dass Armstrong nicht besonders punkten konnte – weil er einerseits in Loyalitäten verstrickt ist, dazu aus juristischen Gründen manches nicht sagen darf. Vor allem aber, weil er sich nicht zu direkten, offenen Worten des Bedauerns durchringen konnte – gerade dann, wenn es ganz konkret um einzelne Personen ging.

Ich habe mich die ganze Sendung gefragt, ob es Armstrong leid tut, was er getan hat – oder ob es ihm nicht doch sehr viel mehr leid tut, dass die "so perfekte Geschichte" am Ende doch als große Schweinerei enttarnt wurde.

Mehr zum Thema:

Armstrong: Kannste vergessen?

Blut, Betrug, Lügen & Schumi

Armstrong ist nur der Anfang

Es geht auch sauber: Adieu, Anti-Armstrong

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen