Um Reifenbreite

Armstrong: Kannste vergessen?

"Lance Armstrong hat keinen Platz im Radsport - er muss vergessen werden."

Da macht es sich Pat McQuaid als Präsident des Weltverbandes UCI doch ein wenig einfach. Zur Hälfte stimme ich dem Iren völlig zu - aber der zweite Teil ist grundverkehrt.

Armstrong darf auf keinen Fall vergessen werden - sein Fall muss Abschreckung und Mahnung sein. Je mehr man über den Texaner, seine Methoden und Machenschaften weiß, desto besser.

Dazu gehört auch, dass er durchaus von der UCI im Laufe seiner Karriere bevorzugt behandelt sein könnte - aber dass auch dieser Protektionismus seine (späten) Grenzen hat.

Und es kann eigentlich kaum eine größere Abschreckung geben als die Tatsache, dass auch der größte Star, den der Radsport hatte, die einzige Sport-Ikone mit weltweiter Bekanntheit, die er je besaß, am Ende doch gestürzt wurde. Sehr spät, nicht vom Radsport selbst - aber eben doch gestürzt.

Fraglos:  Die UCI hat sich alles andere als mit Ruhm bekleckert über die Jahre. McQuaid kommt nur dann gut weg, wenn man ihn mit seinem noch schlimmeren Vorgänger Hein Verbruggen vergleicht.  Aber sie hat es geschafft, jetzt im letzten Moment die Reißleine zu ziehen und die unseligen Bande zu Armstrong zu kappen.

Entscheidend ist jetzt, ob der Verband wirklich die Kurve kriegt, endlich Teil der Lösung statt des Problems wird. Ganz glauben kann ich das noch nicht. So hart McQuaid gegen Armstrong war (was jetzt eben auch leicht ist), so hart wehrte er sich aber auch gegen jede Kritik an ihm und der UCI: Paul Kimmage wird weiter der Prozess gemacht, Doping-Forscher Michael Ashenden freundlich geraten, lieber im Labor zu werkeln als sich kritisch zu äußern.

So aber wird der beschworene "Kulturwandel" nicht zu schaffen sein.

Dabei ist die UCI gefordert wie nie: Das Erdbeben bietet die Chance für radikale Schritte, die in etlichen Monaten nicht mehr so einfach durchzusetzen wären. Bei der nun wieder anstehenden Lizenzvergabe sollten die ethischen Gesichtspunkte wieder stärker gewichtet werden - so lange etwa gegen Winokurow und Ekimov  massive Verdachtsmomente nicht ausgeräumt sind, dürfen sie nicht ganze Teams managen. So lange Riis nicht die im Raum stehenden Vorwürfe ausgeräumt hat, ist er als Chef eines Rennstalls untragbar.

Ich halte nichts von einem Radikalschnitt wie beim Team Sky - das ist auch keine Lösung. Wer glaubhaft reinen Tisch macht, sich vielleicht auch seit Jahren nach einstigem Fehlverhalten nun auf sauberem Wege abmüht, der sollte weiter eine Zukunft im Radsport haben - Garmin macht das aus meiner Sicht genau richtig.

"Es gibt nichts zu sehen"

Ja, auch Armstrong war nur ein Kind seiner Zeit, aber das entschuldigt sein Handeln nicht. Viele, sehr viele haben gedopt - aber keiner hat sich so dreist gegeben, Kritiker so massiv angegangen, Vorwürfe so rotzig abgestritten. Je mehr Indizien es gab, desto radikaler wurde Armstrong.

Nicht vergessen: Seine Rückkehr 2009 hätte ihm die Chance gegeben, wie von ihm ja auch groß angekündigt, als sauberer Athlet seine heißgeliebten Kritiker Lügen zu strafen. Doch Armstrong konnte & wollte gar nicht anders. Ohne seinen "Dr. Evil" Michele Ferrari hätte ihm das Tempo gefehlt.

Mit Oakley hat sich nun der letzte verbliebene Sponsor abgewandt und auch die UCI hatte keine Lust, als "Stellvertreter" für Armstrong vor den CAS zu ziehen: Die Aspekte im Urteil der USADA, die ihr missfielen, solle doch bitte der Hauptbetroffene selbst anfechten.

Doch der tut weiter so, als sei nichts passiert. Es ist ein wenig wie die Szene in "Nackte Kanone", in der Frank Drebin die schaulustige Menge bei der Explosion eines kompletten Waffenladens mit den Worten "Bitte gehen sie weiter, es gibt nichts zu sehen" zu zerstreuen versucht.

Meineid-Verfahren droht

Ungerührt präsentierte sich Armstrong also noch am Wochenende, ging mit keinem Wort bei den Auftritten für seine Stiftung darauf ein, dass er in den Trümmern seiner Karriere steht.

Zwar hat er sich nicht mehr offensiv als "siebenfacher Toursieger" vorgestellt, wie noch Ende August in Kanada, als er die Vorwürfe der USADA schon nicht mehr angreifen wollte - die Konsequenzen aber zu ignorieren versuchte.

Nun sprach er von einer "interessanten Zeit", verstieg sich auch noch dazu, Martin Luther King zu zitieren und dessen Glaube an "unendliche Hoffnung" in einem schweren Kampf.

Aber das Versteckspiel vor sich selbst wird Armstrong nicht lange durchhalten können. Über Preisgelder wird noch zu entscheiden sein, Sponsoren werden Forderungen prüfen - und das Verfahren mit 'SCAPromotions' wird neu aufgerollt werden.

Bei dieser Firma hatte sich Armstrong einst Millionen- Prämien für Tour-Siege in Serie versichern lassen. Diese Art von Wette auf sich selbst wollte SCA nicht mehr mitmachen, als der Verdacht immer größer wurde. Doch sie verlor ein Verfahren gegen Armstrong - auch, weil dieser dort unter Eid jegliches Doping bestritt und Zeugen der Anklage diffamierte.

All dies wurde auf Video festgehalten und unlängst vom australischen Sender ABC in einer ausgezeichneten Dokumentation gezeigt - nach diesen 45 Minuten bleiben keine Fragen, sondern nur noch Kopfschütteln.

Armstrong ist nur der Anfang

Doch aufgepasst: Im Wirbel um Armstrong ging vielfach unter, dass sich ein neuer Doping-"Tsunami" aufbaut - und dessen Verwicklungen liegen nicht viele Jahre zurück, sondern sind höchst aktuell.

"Ein schwarzes Loch ohne Boden" nennt die Gazzetta dello Sport die Ermittlungen in Padua um Ferrari und sein Doping-System - längst nicht beschränkt auf ein Team oder ein Land.  Dass Ferrari vor den Enthüllungen der italienischen Presse noch die Chuzpe hatte, sich als verfolgte Unschuld im USADA-Verfahren hinzustellen, macht ihn zum würdigen Betreuer Armstrongs und Bruyneels.

Im Doping-Dreikampf "Schweigen, Leugnen, diskreditieren" stellen sie trotz hochkarätiger Konkurrenz laufend neue Bestmarken auf.

Betrug an dem Krebskranken

Aber es ist eben nicht lustig. Und die wirkliche Tragik des Falls von Armstrong und seiner Hexenmeister ist der, dass eben nicht nur abgebrühte und ahnende Radfans von ihm enttäuscht wurden - sondern schwerkranke Menschen, für die er ein Hoffnungsträger in schwersten Zeiten war.

So schrieb Bruyneel  in seiner vor Weihrauch strotzenden Autobiographie "We might as well win": "Allein wenn ich daran denke, was aus dem Vermächtnis dessen würde, was Lance und ich aufgebaut haben - und an die hunderttausenden von Krebs-Überlebenden, denen er geholfen und die er inspiriert hat - wenn eines Tages auch nur einer unserer unwichtigsten Fahrer einen Fehler beginge, der einen positiven Test zur Folge hätte..."

Tja - eben.

Auf den Videos von 2005 erklärt Armstrong dem Anwalt der Gegenseite ganz eindringlich, weshalb Doping nie in Frage käme:

"Der Glaube aller Krebs-Überlebenden wäre auch weg - und denken sie nicht eine Sekunde, das wäre mir nicht klar. Mir geht es nicht um Geld. Das Vertrauen, das die Menschen über die Jahre hinweg aufgebaut haben, wäre ausradiert.  Alles andere wäre nicht so wichtig, wie die Unterstützung von hunderten Millionen Menschen zu verlieren."

Das ist der größte Betrug Armstrongs gewesen, ein viel größerer Skandal als das Doping alleine - und das wahre Drama.

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