Um Reifenbreite

Blut, Betrug, Lügen & “Schumi”

Man solle sich besser "anschnallen", hatte Tyler Hamilton gewarnt. Man werde "30 mal mehr" erfahren, als man bisher wisse, hatte Travis Tygart, Boss der USADA angekündigt.

Sie haben nicht übertrieben.

Der 10. Oktober 2012 wird Sportgeschichte schreiben - noch nie wurde eine solche Menge an Informationen über die schmutzige Kehrseite des Radsports öffentlich präsentiert.

26 Zeugen, darunter 15 Top-Radfahrer, elf davon Teamkollegen von Armstrong. Aussagen unter Eid, zahllose Emails, Unmengen an Belegen, Daten, Hintergründen.

Alles liegt auf dem Tisch - jeder kann sich selbst ein Bild machen. Nach einer halben Nacht im Parallel-Universum kann ich nur sagen: Wer jetzt noch Zweifel hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

"Der größte Betrug der Geschichte"? Oh ja...

Man kann sich in aller Ruhe durch die Karriere des vermeintlich größten Rundfahrers aller Zeiten führen lassen. Nur ist von dieser Karriere kaum noch etwas übrig. Von 1996 an ist die (kostspielige) Zusammenarbeit mit Doping-Doktor Michele Ferrari belegt (über 85.000 Dollar überweist ihm Armstrong schon damals). Der Italiener wird zum Mastermind des Dopings von Armstrong und seinen Teamkollegen, zusammen mit den Mannschaftsärzten.

Geheime EPO-Lieferungen per Motorradkurier bei der Tour, die Umstellung auf Bluttransfusionen, die teils in trauter Runde vorgenommen werden, Trainingslager an abgeschiedenen Plätzen oder in unauffälliger Kleidung, um Tester zu täuschen, Verzögerungstaktik bei Kontrollen, Notinfusionen mit Salzlösung, um die Werte anzupassen - alles wird belegt, meist von mehr als einer Handvoll (Augen)-Zeugen.

Am Ende der Lektüre der 202-Seiten, des Buches von Tyler Hamilton, der Geständnisse der weiteren Ex-Teamkollegen, ergänzt um diverse Infos aus den Hunderten von zusätzlichen Dokumenten, welche die USADA veröffentlicht hat, steht Armstrong völlig bloßgestellt da. Als Doper, als skrupelloser Teamchef, als Mobber - als ein Dominator der Dreistigkeit.

Greg Lemonds Zitat aus dem Juli 2001 ist zutreffender denn je: "Wenn seine Geschichte stimmt, ist es das größte Comeback der Geschichte des Sports. Wenn sie nicht stimmt, ist es der größte Betrug." Nun kennt jeder die Antwort.

'Hunderte saubere Tests' - geschenkt

Man versteht schnell, warum Armstrong gegen diese Vorwürfe nicht mehr vorging - eine öffentliche Verhandlung, in der er und die Zeugen unter Eid aussagen müssen, wäre zum Desaster geworden.

Sein kaum noch zu ertragendes Mantra, er sei nie positiv getestet worden, wird endgültig wertlos. Denn das gilt für viele der jetzt geständigen Teamkollegen auch - allen voran Hincapie, aber auch Vandevelde, Danielson, Barry, Leipheimer, Vaughters, Zabriskie. Sie alle aber haben Doping nun gestanden.

Und sie sind nicht wie Hamilton oder Landis leicht als angeblich "notorische Lügner und Betrüger" zu verunglimpfen. Und wie einfach man die Kontrollen umgehen, die Tests austricksen oder im Zweifelsfall bei der UCI versanden lassen konnte, wird einmal mehr deutlich gemacht.

Deutlich wird aber auch, dass Armstrong mit seinem Team in eine Art Wettrüsten einstieg und dieses mit auf ein neues Niveau hob. So holte er 1999 ganz gezielt zwei Insider der spanischen Konkurrenz von ONCE ins Boot - den damals frisch aus dem Sattel gestiegenen Bruyneel und Arzt Luis Garcia del Moral.

Man muss sich keine Illusionen machen, wie es im selben Zeitraum bei den anderen Top-Teams wie eben ONCE, Kelme, Banesto, Telekom oder Rabobank zuging. Ganz sicher ist US Postal kein Einzelfall gewesen, Hamiltons Buch belegt ja zumindest für CSC und Phonak, wie es dort zuging.

Comeback mit "Schumis" Hilfe

Nun liegen viele Ereignisse über ein Jahrzehnt zurück. Deshalb müssen sie trotzdem aufgeklärt werden, doch besonders dreist ist die Comeback-Geschichte von 2009 und 2010.

Armstrong  stellte seine Rückkehr damals großspurig so dar, dass er eindeutig beweisen wolle, die Tour auch sauber gewinnen zu können. Doch daran hat er nie gedacht. Während er schön langsam ein erst groß beworbenes internes Testprogramm einen schleichenden Tod sterben ließ, bereitete er sich in aller Ruhe mit seinem alten Mastermind Dr. Ferrari vor.

Seitenlang kann man die Emails zwischen dem Texaner und Stefano Ferrari, Sohn und Mittelsmann, nachlesen, in denen es um die optimale Vorbereitung geht. Dauernd wird "Schumi", so Armstrongs Spitzname für den Italiener, um Rat gefragt.

Dabei behauptete Armstrong damals ungerührt, keinen Kontakt mehr zu Ferrari zu haben, dem es untersagt ist, mit Profisportlern zu arbeiten.

Die Experten-Analyse seiner Blutwerte belegt zudem, dass er während der Tour 2009 und 2010 weiter Blutdoping durchführte. Und als sich die Schlinge langsam zuzuziehen begann, fragte Armstrong, ob Ferrari ein Dokument unterzeichnen würde, dass es nie systematisches Doping gegeben habe. Klar, antwortet der Doping-Arzt. "Wir holen uns das von jedem, der mit dem Team zu tun hatte", schreibt Armstrong  am 16. August 2010.

Die Wut kommt zurück

Wenn zwischendrin die Fülle der Aussagen und Beweise, die unglaubliche Dimension und Dauer der ganzen Schweinerei müde machen (und so ging es mir dann nach einer halben Nacht), kann ich nur eins empfehlen: Einfach noch einmal ein paar Videos von Armstrong mit dem neuen Wissen ansehen, um die Wut wieder aufzufrischen.

Etwa, wie er am Ende der Tour 2005 bei seinem Rücktritt gegen die Kritiker abledert ("Ihr Zyniker und Skeptiker tut mir leid, weil ihr nicht an Wunder glaubt"), wie er bei der Tour 2004 Filippo Simeoni öffentlich demütigt oder vor seinem Comeback 2009 den kritischen Fragesteller Paul Kimmage in einer Pressekonferenz niedermacht.

Das Lachen bleibt im Hals stecken

Auf den Hunderten Seiten findet sich natürlich auch manche Anekdote, die man nun grinsend liest. Etwa, wie Armstrong eine Aspirin als Kortisontablette untergejubelt wird, damit er bei der Vuelta 1998 bloß nicht erfährt, dass im Mannschaftswagen gerade kein Nachschub mehr vorrätig war.

Oder wenn Zabriskie erzählt, wie sie einst aus Angst vor einer Razzia bei der Luxemburg-Rundfahrt Dopingmittel im Wald vergruben und scherzten, dort würden jetzt die Bäume besonders groß. Der begnadete Entertainer "DZ" amüsierte die Teamkollegen auch mal mit einer umgetexteten Version des Jimi-Hendrix-Klassikers "Purple Haze": "EPO all in my veins..."

Aber es war nicht immer lustig. Zabriskie, der seinen Vater an Drogen hatte zugrunde gehen sehen, wollte eigentlich nie dopen. Erst auf das Drängen von Bruyneel und Armstrong gab er nach - nicht, ohne vorher zu fragen, ob er trotz der Mittel noch Kinder zeugen könne und seine Ohren nicht wachsen würden.

Hoher Preis und bohrende Fragen

Die Profis, die nach jahrelangem Schweigen und Leugnen nun doch noch gestanden haben, verdienen Respekt. Alle verlieren rückwirkend die Ergebnisse mehrerer Jahre und damit vielfach ihre größten Erfolge.

Hincapie etwa muss seinen Tour-Etappensieg in Pla d'Adet, ein Gelbes Trikot der Tour 2006 und seinen zweiten Platz in Roubaix abgeben. Auch Zabriskie verliert sein Gelb von der Tour 2005 - damit ist nun Lemond wieder der einzige US-Amerikaner, der je das "maillot jaune" sauber erkämpfte.

Leipheimer rutscht vom Tour-Podium 2007, dazu wird ihm alles aus den Jahren 1999 bis 2006 aberkannt. Sein Fall, auch der von Vandevelde und Zabriskie legen aber auch gleich die nächste Spur: Sie werden für Zeiten sanktioniert, in denen sie für andere Teams am Start waren - und dass man bei CSC, Rabobank und Gerolsteiner nun aus allen Wolken fällt, glaube ich irgendwie nicht.

Offen gestanden fällt es aber schwer, Leipheimer zu glauben, dass er seit über fünf Jahren sauber unterwegs sein will - immerhin fallen in diesen Zeitraum seine eindrucksvollsten Leistungen, etwa Rang zwei bei der Vuelta 2008 (nur 46 Sekunden hinter Contador). Und von 2008 - 2011 war er ja wieder und weiter unter Leitung von Bruyneel unterwegs.

Am Ende der letzten Saison allerdings musste er sich einen neuen Arbeitgeber suchen: Weil er mit den Ermittlern kooperierte, gab es für ihn bei RadioShack keine Zukunft.

Entschuldigungen und später Dank

Man muss die Entschuldigungen der nun geständigen Fahrer nicht annehmen, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber sie haben sich zumindest entschuldigt. Sie haben noch eine Chance verdient. Doch ein Johan Bruyneel muss schleunigst aus dem Radsport verschwinden und lebenslang gesperrt werden.

Seine salbungsvolle Biografie, in der er sich umfassend beweihräuchert und von Doping ach so gar nichts wissen will, ist nur noch Sondermüll. Eine Entschuldigung wäre mehr als überfällig.

Das gilt auch für den unsäglichen Ex-Weltverbandschef Hein Verbruggen, der noch im Mai 2011 behauptete, Armstrong habe "nie, nie, nie" gedopt - und es da schon längst besser wusste.

Und Dank gebührt all jenen, die schon vor vielen Jahren das Risiko auf sich nahmen, die Wahrheit zu sagen und sich nun spät bestätigt fühlen können.

So wie Armstrongs frühere Masseurin Emma O'Reilly, wie sein neuseeländischer Teamkollege Stephen Swart oder Betsy Andreu. Sie haben viel einstecken müssen - ebenso wie die Journalisten Walsh, Kimmage oder Ballester, die in ihren Artikeln und Büchern noch zu Zeiten der Armstrong-Dominanz mutig auf Wahrheitssuche gingen.

Und wer Armstrongs Taktik glaubt, er werde sich mit all den Vorwürfen nicht befassen, es lasse ihn alles ach so kalt: Wer bezahlt die teuren Anwälte, die in ersten Reaktionen auf die Unterlagen weiter gebetsmühlenartig maue Ausreden in der Endlosschleife unters Volk bringen? Eben.

Abschließend:

Mir läuft es kalt den Rücken herunter, wenn ich an den Clip mit Armstrong denke, in dem er für Krebsmittel des Pharma-Giganten Bristol-Myers Squibb mit einem berühmt gewordenen Slogan warb.

Hope - Triumph - and the miracle of medicine.

Vor allem Letzteres.

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